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Die Kölner Kirche im 20. Jahrhundert

Das Erzbistum Köln seit der Zeit des Zweiten Vatikanums (1962/65)

Aufbruch im Zeichen des Zweiten Vatikanums
Die Ankündigung des Papstes Johannes XXIII. zum Dialog der Kirche mit einer gewandelten Welt und ihrer inneren Erneuerung brachte Unruhe und Aufbruchsstimmung in die gesamte Kirche. Dazu fand 1965 in Rom eine viel beachtete Tagung statt mit Bestätigung für die Laien-, liturgische und Ökumenische Bewegung, die Kirche sollte sich im positiven Sinne der Welt zuwenden. Die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse fiel mit der Entwicklung, gerade bei der jüngeren Generation, zu einem neuen kritischen Demokratieverständnis und der grundsätzlichen Infragestellung von Autorität zusammen. Viele verstanden Frieden und eine gerechte Welt als Forderung des "revolutionären" Jesus Christus und forderten die Umsetzung dieser Vorstellung.

 

Älteren blieb das Neue des Konzils suspekt, Wichtiges schien nicht mehr zu stimmen und in der neuen Liturgieform fühlten sie sich fremd. Es gab öffentliche Debatten zu Fragen wie z.B. der Abschaffung des Pflichtzölibats. Die drastischen Forderungen und Missachtung der kirchlichen Autoritäten schockierte viele Amtsträger der älteren Generation.

 

Es war schwierig für die Bistumsleitung sich mit den beratenden Gremien (Priesterrat, Seelsorgerat) und mit den Forderungen der selbstbewussten Laien auseinanderzusetzen. Kardinal Frings gehörte plötzlich zu den Konservativen. Das Konzil löste Angst vor Infragestellung der Fundamente des Glaubens und der Kirche aus. Der Kirchenbesuch ging zurück, viele traten aus der Kirche aus. Es wurde keine nachvollziehbare Basis für die in Bewegung befindliche Kirche gefunden. Die Krise hatte mehr Gründe als das Konzil oder die Liturgiereform. Das katholische Wertmilieu verlor seine soziale Bindekraft. Sicher ist, dass durch das Konzil viele Entwicklungen gebündelt und beschleunigt wurden.

 

Entwicklungen und Ereignisse der Nachkonzilszeit
Die Zeit der Umsetzung der Ergebnisse und Forderungen des Konzils bedeuten auch im Erzbistum Köln einen stetig fortschreitenden Prozess nachlassender Bindungen an die Kirche. 1955 besuchten noch 40% aller Katholiken die heilige Messe, 1995 waren es nur noch 15% und vor allem die Jüngeren fehlten. Die Zahlen sind aber je nach Dekanat sehr unterschiedlich.


Familie und Volksschule fielen als Nährboden für Pfarreien weitgehend aus. Die Gesellschaft strebt eher nach Harmonie und Tolerierung individueller Verhaltensweisen. Wert- und Verhaltensnormen werden als Einmischung in den individuellen Glauben erlebt. Dass das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung von vielen Katholiken nicht akzeptiert wird ist ein Beispiel dafür.

Eine andere Folge des Konzils ist die stärkere Einbindung der katholischen Laien in die Verantwortung kirchlicher Aufgaben u.a. in der Form der Gemeinderäte. Die lange Zeit unvorstellbare Beteiligung von Laien am Apostolat ist heute nicht mehr wegzudenken. Laien als Katecheten, Kommunionhelfer und Lektoren wurden Normalität. Auch in der Gottesdienstgestaltung sind Laien eingebunden. Besonders durch die Jugendlichen kamen andere Texte und ungewöhnliche Klänge und Harmonien in die Gemeinden.

 

Finanziell konnte das Erzbistum gerade im Schul- und Kindergartenbereich und in der Erwachsenenbildung (Maternushaus, Domforum) Immenses leisten. In den neunziger Jahren musste wegen zurückgehender Kirchensteuereinnahmen gespart werden. Heute werden kaum noch Kirchen gebaut, es geht mehr um Erhaltung und Teilumwandlung bestehender Gebäude.

 

1975 wurde das Erzbistum in vier Pastoralbezirke mit je einem Weihbischof eingeteilt, zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Erzbischof und Gemeinden. Durch den Priestermangel wurden nicht mehr alle Pfarreien mit Pfarrern besetzt, Pfarreien wurden zusammengelegt. Das ständige Diakonat und die Beauftragung von Gemeinde- und Pastoralreferent(inn)en bereichern das Spektrum der Seelsorge-Berufe und entlasten die Priester, können die Entwicklung aber nicht ausgleichen. In den in den neunziger Jahren gegründeten Seelsorgebereichen sollen mehrere Pfarreien zu lebendigen Einheiten zusammenwachsen. Wege müssen gefunden werden, wie Gemeindeseelsorge gesichert und die Glaubensgemeinschaft in den Wohngemeinden erhalten werden kann.  

Zusätzlich kommen neue Formen der Seelsorge wie die Passanten-, die Cityseelsorge oder geistliche Gemeinschaften zu der traditionellen Seelsorge hinzu. Die von Kardinal Meisner 1993 ins Leben gerufenen Pastoralgespräche fanden positive Beachtung, die Wirkungen für die Zukunft der Kölner Kirche müssen erst erweisen. In Gesellschaft und Staat konnte die Kirche sich als wertvermittelnde Institution bis heute behaupten. Das Erzbistum Köln hatte in den letzten drei Jahrzehnten viele Höhepunkte: Der Deutschlandbesuch des Heiligen Vaters wurde mit Begeisterung aufgenommen, die Gottesdienste, Ansprachen und die Seligsprechungen waren für viele beeindruckend. Auch der Katholikentag 1982 in Düsseldorf und das Domfest 1980 gehörten zu den Höhepunkten.

 

Auf dem Weg ins dritte Jahrtausend
Die Kölner und die gesamte Kirche stehen im dritten Jahrtausend vor ganz neuen Herausforderungen. Das Ende der Volkskirche zeichnet sich ab, niemand weiß, wie es kirchliches Wirken dereinst aussehen wird. Die Hoffnung ist begründet, dass Antworten gefunden werden, genauso wie neue pastorale Wege und bei den Gläubigen der Wille zur Verantwortung, auch wenn wir wissen, wie Höffner es sagte: "...dass der Mensch in jeder geschichtlichen Epoche im Argen liegt und die Frohbotschaft Christi der Welt allezeit als Ärgernis und Torheit erscheinen wird".