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Aufbruch in die Neuzeit

Philippus Krementz und der kirchliche Neuanfang im wilhelminischen Kaiserreich

Auf den 1885 ernannten Bischof von Ermland, Philippus Krementz, wartete eine Fülle von Aufgaben. Durch den Kulturkampf war die Verwaltung des Erzbistums zum Stillstand gekommen, es wurden keine Gehälter gezahlt, Pfarreien hatten keine Pfarrer, es gab keine Priesterausbildung mehr. Dies hätte einen jungen, leistungsfähigen Erzbischof erfordert. In der Regel wurden aber Bischöfe ernannt, die schon anderorts zu hohem Ansehen gekommen sind, d.h. entsprechend alt waren. Krementz, 65 Jahre alt, wollte sich schon ganz zurückziehen, als er zum Erzbischof und auch zum Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz ernannt wurde. Er war Rheinländer, studierte in Bonn und wurde 1842 zum Priester geweiht. U.a. wirkte er 21 Jahre an der angesehenen Pfarrstelle St. Kastor in Koblenz. Er gewann Ansehen und Einfluss, selbst bei den führenden Schichten und den preußischen Behörden, durch seine Predigten, sein sozial-karitatives Wirken und seine konzilianten Umgangsformen. 1867 wurde er zum Bischof von Ermland gewählt.

Auch Krementz´ Tätigkeit wurde durch Konzil und Kulturkampf geprägt. Bis 1870 lehnte er die Konzilentscheidung ab und zweifelte an deren Gültigkeit. Später hatte er Schwierigkeiten, die Professoren seiner Hochschule in Braunsberg für die Konzilsentscheidungen zu gewinnen. Die Exkommunikation eines Religionslehrers führte zum Konflikt mit dem Staat. Krementz lehnte die Maigesetze aber, wurde mit Geldstrafen belegt, das Absetzungsverfahren und Gefängnisstrafen blieben ihm durch den Einfluß der Kaiserin Augusta erspart. Und er überstand die Kulturkampfjahre fast unbehelligt. 1885 wurde Krementz inthronisiert mit einer Glaubenskundgebung einem Freudenfest der rheinischen Katholiken.  

Die preußischen Behörden waren entsetzt, dass sich Krementz von Melchers und seinen Vertrauensleuten in Personalfragen beraten ließ. Es wurde zwei Weihbischöfe zur Entlastung eingestellt. Auf seinen Firmungs- und Visitationsreisen fand Krementz begeisterte Aufnahme und Verehrung der Gläubigen. Trotz beträchtlicher finanzieller Schwierigkeiten konnte er im Rahmen der Neuordnung der Seelsorge vakante Pfarrstellen besetzen und 62 weitere Pfarreien errichten.

 

1886 wurde das Kölner Priesterseminar wieder eröffnet und es gelang ihm in Bonn eine wissenschaftlich qualifizierte kirchliche Mehrheit gegenüber den Altkatholiken unter den Professoren einzurichten. Es sollte keine universitäre Einrichtung sein, sondern ein unter erzbischöflicher Leitung und Aufsicht stehendes Konvikt, das 1892 als Collegium Albertinum erbaut wurde. Neben der Pfarrseelsorge gehörte dem katholischen Vereinswesen die Sorge und Anteilnahme des Erzbischofs. Er ging davon aus, dass die katholischen Massenorganisationen und die Zentrumspartei für die Durchsetzung kirchlicher Interessen geeignet seien.

Die Leitung der Fuldaer Bischofskonferenz mit seiner großen Korrespondenz war eine große Belastung für den alternden Erzbischof. In der Aufarbeitung der Kulturkampffolgen, der Auseinandersetzung mit dem Staat um Volksschule und Religionsunterricht gab es keine einheitliche Meinung. Trotz seiner konsequenten Haltung wurde Krementz 1893 zum Kardinal erhoben. Krementz war gesundheitlich schon ein gebrochener Mann und überließ schwierige Verhandlungen seinem Konkurrenten und späteren Nachfolger Kopp. Die letzten eineinhalb Jahre blieb Krementz an sein Haus gefesselt und geriet in endzeitliche Spekulationen. Sein Tod 1899 und sein Begräbnis machten sein Ansehen bei den einfachen Menschen, aber auch in der größeren Öffentlichkeit deutlich.