Telegramm Pauls VI. zur Entf?hrung des Lufthansa-Maschine "Landshut" 1977
Vor genau 30 Jahren erreichte der Terror der RAF seinen erschreckenden Höhepunkt. Zu den
Schätzen des Historischen Archivs des Erzbistums gehört ein markantes Dokument, das die dunklen
Tage des Herbstes 1977 sehr plastisch in Erinnerung ruft.
Terroristen hatten Anfang September in Köln Hanns Martin Schleyer entführt. Die Entführer
forderten die Freilassung von elf RAF-Mitgliedern. Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt
blieb hart. Der Staat wollte sich nicht erpressbar machen. Palästinensische Gesinnungsgenossen
kaperten daraufhin am 13. Oktober 1977 die Lufthansamaschine „Landshut“ auf ihrem
Rückflug von Mallorca nach Frankfurt, an Bord 86 Touristen. Über Rom und Zypern wurde die Maschine
in den Nahen Osten gezwungen. In Aden im Südjemen erschossen die Entführer den Piloten. Am 17.
Oktober um 4:30 Uhr (MEZ) früh morgens landete der Copilot die Maschine in Mogadischu/Somalia. Die
Entführer setzten ein Ultimatum, um die RAF-Mitglieder aus der Haft herauszupressen. Damit spitzte
sich die Lage zu.
Der glückliche Ausgang des Geiseldramas ist bekannt. Weniger bekannt ist heute, dass auch der
damalige Papst, Paul VI., sich einschaltete und nichts unversucht lassen wollte. Paul VI.
appellierte nicht nur an das Gewissen der Entführer, damit sie von ihrem grausamen Tun ablassen. Am
17. Oktober, dem Tag, als in Bonn der Krisenstab den Versuch einer Befreiung durch das
GSG-9-Kommando vorbereitete, telegrafierte der Papst an den Kölner Erzbischof, Kardinal Höffner,
den damaligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz: “Waere es von Nutzen, so wuerden wir sogar
unsere Person fuer die Befreiung der Geiseln anbieten.“ Da sich Höffner gerade in Rom
aufhielt, musste die Nachricht vom Angebot des Papstes nun schnellstmöglich an den Bundeskanzler
übermittelt werden. Der Sekretär, Manfred Melzer, heute Kölner Weihbischof, holte eiligst das
Telegramm im Vatikan ab und überbrachte es dem Kardinal. Höffner telefonierte persönlich von Rom
mit Helmut Schmidt und gab ihm den Inhalt des Textes durch. Nun blieb es dem Krisenstab in Bonn
überlassen, das Angebot des Papstes in die Verhandlungen einzuführen.
Die erfolgreiche Befreiung der Geiseln am 18. Oktober um 0:05 Uhr MEZ klärte die Situation.
Die inhaftierten RAF-Mitglieder Raspe, Ensslin und Baader nahmen sich am Morgen des 18. Oktober das
Leben. Daraufhin ermordete die RAF Hanns Martin Schleyer.
Dem bemerkenswerten Angebot, das sicher nicht nur symbolisch gemeint war, kam vor allem große
politische Bedeutung zu. Es zeigt die politisch-moralische Autorität des Papstes und das Gewicht
der Kirche weltweit in ihrem Einsatz für die Menschen. Das Original-Telegramm ist im Historischen
Archiv des Erzbistums erhalten, ebenso wie z. B. auch die Kondolenz der Bischöfe an die Witwe
Schleyers. Eigentümerin ist die Deutsche Bischofskonferenz, die ihr wertvolles Archiv 2001 in Köln
hinterlegt hat.
Ulrich Helbach