Vorderseite des Siegels der Marienkirche von Southwick (England), um 1258
Wenn etwa bei einem Hauskauf oder einem notariellen Testament der Notar das entsprechende Dokument
besiegelt, wendet er eine markante Kulturtechnik an. Ihre Ursprünge reichen bis ins 4. Jahrtausend
vor Christus und zu den frühen Hochkulturen des Zweistromlandes zurück. Ent-scheidende Bedeutung
erlangten Siegel im Zusammenhang mit den Urkunden des Mittelalters, bei der sie als praktisches
Beglaubigungsmittel dienten. Schriftlichkeit war seinerzeit noch nicht so weit verbreitet, dass
alle Urkundenaussteller und Zeugen ihre Unterschrift hätten leisten können.
Für den Historiker spielen nicht nur Urkunden, sondern auch die daran befestigten Siegel eine
wichtige Rolle; es geht etwa um Fragen der Echtheit. Da der jeweilige Siegelführer aber in einem
ganz besonderen Verhältnis zu seinem Siegel steht, sagen diese viel über Persönlichkeit,
Selbstverständnis sowie politische, religiöse und sonstige Vorstellungen der Siegelführer aus
– seien es Könige, Fürsten, Bischöfe, Bürger, Städte, Klöster, Zünfte oder andere. So erhält
das Siegel die Funktion eines „Bedeutungsträgers“. Gleichzeitig ist es auch ein
Kleinkunstwerk von teilweise hoher künstlerischer Qualität, stellt die Herstellung eines
Siegelstempels an die ausführenden Goldschmiede wegen der geringen Größe des Objektes doch hohe
Anforderungen.
Siegelsammlungen bieten daher reichhaltiges Material für Forschungen, die von den
Eigentümlichkeiten der Siegel ausgehen. Im Historischen Archiv befinden sich gleich mehrere
Kollektionen von außerordentlicher Qualität, darunter die „Siegelsammlung Beissel“. Sie
besteht aus mehr als 30.000 Originalabdrücken in Siegellack, die der Jesuit Stephan Beissel
(1841-1915) zum großen Teil von vorhandenen Typaren damaliger Stempelsammlungen nehmen konnte.
Geographisch hat diese Sammlung, die das Erzbistum Köln 1984 unbemerkt vom Kunsthandel erwerben
konnte, mitteleuropäischen Zuschnitt. Ein Beispiel für die hervorragende Qualität dieser Abdrücke
stellt das Siegel der südenglischen Marienkirche von Southwick (Hampshire) dar. Hierbei wurden tief
in Fenstern und Nischen Figuren oder Köpfe angebracht, wodurch die Abdrücke eine ungewöhnliche
Plastizität erhalten. An vielen englischen Siegeln ist zudem die Stilentwicklung etwa der
englischen Gotik abzulesen, die in manchen Aspekten von der des Kontinents deutlich abweicht.