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Charismenorientierung

Jede/r hat Gaben und kann etwas beitragen

„Das Zweite Vatikanische Konzil sieht die Kirche nicht als etwas Statisches, sondern zum Beispiel als pilgerndes Volk Gottes, in dem jede und jeder Getaufte Charismen – d.h. besondere Talente und Gaben – geschenkt bekommen hat, durch die jede und jeder etwas Kostbares und Unverwechselbares beizutragen hat zum Leben der Kirche und ihrer Sendung in dieser Welt. So denke ich, dass die Kirche der Zukunft im Erzbistum Köln keine von Hauptberuflichen mehr versorgte Kirche sein wird, sondern eine miteinander gestaltete, getragene und verantwortete Kirche, in der es verschiedene Dienste und Rollen, doch keine unterschiedliche Würde der Getauften gibt.[1]

Orientierung an Charismen, nicht an Aufgaben

Der Gegenbegriff zu „Charismenorientierung“ ist „Aufgabenorientierung“. Im laufenden Betrieb einer Pfarrei gibt es eine Vielzahl von Aufgaben, für die eine Vielzahl von (ehrenamtlich engagierten oder hauptberuflichen) Mitarbeitenden benötigt werden (etwa Erstkommunionkatechese). Weil davon ausgegangen wird, dass die Erfüllung dieser Aufgaben erwartet wird und somit prioritär ist, werden diese Mitarbeitenden oft zuerst nach "äußeren" Kriterien - wie der grundsätzlichen Bereitschaft, sich für die Kirche zu engagieren, oder zeitliche Möglichkeiten - gesucht und angesprochen, nicht danach, ob sie ein Charisma, eine Gabe Gottes haben, diese Aufgabe gut zu erfüllen. Dadurch bleibt es bei dem "üblichen" Kanon von Aktivitäten in der Pfarrei.

 

Wenn sich eine Gemeinde daran orientiert, welche Charismen Gott ihr geschenkt hat, und sie versucht, diese Charismen zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen, kommt es erfahrungsgemäß zu neuen und lebendigen Aktivitäten der Gemeinde. Gott schenkt der Gemeinde alle Charismen, die sie braucht, so glaubt die Kirche. Das sind nicht nur Charismen und Gaben für Rollen und Aktivitäten, die schon bekannt sind, sondern auch Charismen und Gaben für eine zukünftige Kirche, die erst noch sichtbar wird.

Charismen: Gaben Gottes für die anderen

Charismen sind Gnadengaben Gottes. Gott gibt sie den Gemeindemitgliedern, damit sie mit ihnen der Gemeinde und den Menschen dienen. Gott, der die Gaben geschenkt hat, möchte diese Gaben gebrauchen und durch sie wirken. Sie sollen für andere zum Segen werden. Charismen zielen auf das Wohl der Kirche, des Nächsten und der Welt (1 Kor 14,26; Eph 4,12; 1 Petr 4,10). Und: Beim Gebrauch der Gaben, so Paulus weiter, kommt es entscheidend auf die Liebe an. Ohne Liebe sind auch die großartigsten Gaben nichts wert (1 Kor 13).

 

Weil es Gnadengaben zum Nutzen der Gemeinde und der Menschen sind, kann der, der eine Gabe empfangen hat, auch nicht nur aus eigener Erkenntnis von sich selbst sagen, dass er ein Charisma hat. Es muss ihm auch von der Gemeinde zugesprochen werden. Charismen zu entdecken, hat daher mit Selbstwahrnehmung und mit Fremdwahrnehmung in einem geistlichen Geschehen zu tun.

Priester (und Hauptberufliche) als Charismenfinder

Das zweite Vatikanische Konzil sieht gerade die Priester in der Rolle des Charismenfinders, des Ermöglichers: „Sie (die Priester) sollen die vielfältigen Charismen der Laien, schlichte wie bedeutendere, mit Glaubenssinn aufspüren, freudig anerkennen und mit Sorgfalt hegen. Ebenso sollen sie vertrauensvoll den Laien Ämter zum Dienst in der Kirche anvertrauen, ihnen Freiheit und Raum zum Handeln lassen, ja sie sogar in kluger Weise dazu ermuntern, auch von sich aus Aufgaben in Angriff zu nehmen“ (Presbyterorum Ordinis 9).

[1] Mitten unter euch, Fastenhirtenbrief 2016 von Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, S. 6-7.