„Quantitäten machen einander den Raum streitig. Qualitäten ergänzen einander.“
Versuch einer Antwort auf die legitime Frage: Warum so viele Organisationen der Diaspora-Hilfe?
Prälat Franz Wüstefeld zum 65. Priesterjubiläum und 90. Geburtstag

Bisweilen höflich und an sachlicher Auskunft interessiert, bisweilen aber auch gereizt und durchaus streitbar erreichen mich jedes Jahr eine Reihe von Anfragen, warum es denn in der katholischen Kirche Deutschlands mehr als nur eine Hilfsorganisation für die nordische Diaspora gibt. „Warum so viele?“ Im gleichen Anliegen von verschiedenen Seiten angesprochen, auch auf finanzielle Hilfe angesprochen zu werden, macht manche Menschen aggressiv; andere geben jedem Bittsteller umgehend oder vor Weihnachten ein Scherflein; andere werfen die entsprechende Post gleich in den Papierkorb: „Ablage P“. Bisweilen lautet die Resonanz auf unser Jahrbuch oder unseren Rundbrief: „Ich unterstütze schon das Bonifatiuswerk!“ Oder: „Ist das noch nötig?“ Oder: „Haben wir keine anderen Sorgen?“

 

Dieser Beitrag soll in der gebotenen Kürze auf solche Fragen antworten, die ich, vorweg gesagt, für völlig legitim halte. Nach meiner Überzeugung lässt sich die Diaspora-Hilfe heute nur mit Transparenz und Argumenten so lange fortführen, wie sie noch nötig ist. Es ist wünschenswert, dass die nordischen Bistümer nach nunmehr 50 Jahren kirchenrechtlicher Selbständigkeit baldmöglichst auch ökonomisch selbständig werden. Weder Bilder von Katastrophen noch rührende Kinderaugen stehen zur Verfügung, um die auf diesem Feld notwendigen Mittel zu beschaffen. Dass dafür auch in den als „reich“ geltenden nordischen Ländern die Kirche wegen der verschwindend wenigen Katholiken auf Hilfe von außen angewiesen ist, wird spontan eher verstanden als die bestehende Vielfalt der Hilfsorganisationen. Diese ist nicht ohne weiteres plausibel, sondern bedarf der Erklärung, die hier für die nordische Diaspora versucht werden soll.

 

Die Leser mögen mir gestatten, mit einer persönlichen Erinnerung zu beginnen: Bald, nachdem ich Ende 1984 aus Rom vom Promotionsstudium zurückgekehrt war und meine Arbeit am kirchlichen Gericht begonnen hatte, wurde ich zum langjährigen stellvertretenden Generalvikar Prälat Dr. Daniels bestellt. Dieser eröffnete mir, dass ich - natürlich nebenbei „mit dem kleinen Finger der linken Hand“ - die bislang von ihm wahrgenommene Leitung des St. Ansgarius-Werkes zu übernehmen hätte. Diesen Namen hatte ich noch nie gehört; von der Existenz dieses Werkes hatte ich bis dahin keinerlei Ahnung; ich hatte damals auch kein Interesse am Norden. Das alles aber hinderte meine „Dienstverpflichtung“ nicht. Die entsprechenden Vorgänge wurden in die Wege geleitet und im Frühjahr 1986 bestätigte der Erzbischof von Köln meine Wahl zum Direktor dieses Werkes, die durch das zuständige Gremium am 13.3.1986 erfolgt war.

 

Ich sah mich damit in einem eigenartigen „Freiraum“: auf der einen Seite das potente und traditionsreiche Bonifatiuswerk, auf der anderen Seite Antragsteller aus dem Norden, die auch unsere Kölner Adresse für „zuständig“ hielten und auf rasche und unkomplizierte Hilfe hofften. Organisatorisch der Hauptabteilung Weltkirche/Weltmission des Kölner Generalvikariates zugeordnet, aber ohne eigenes Büro, ohne jede Zuweisung von Kirchensteuermitteln, Kollektenerträgen etc. Jede Mark, die ausgegeben werden sollte, musste zunächst einmal „eingeworben“ werden. Und dann entdeckte ich auch noch Nachbarn: die Ansgarwerke in München, Münster und Osnabrück. Es dauerte einige Zeit, bis ich die Gegebenheiten begriff. Denn, wie schon gesagt: bis dahin kannte ich besten Gewissens als Diaspora-Hilfswerk nur den Bonifatiusverein. Dieses Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken habe ich wie zahllose andere auch - motiviert durch Pastöre, Kapläne und Religionslehrer - seit meiner Volksschulzeit unterstützt; ich unterstütze es auch weiter, unbeeinträchtigt dadurch, dass alle Weltpriester im Dienst des Erzbistums Köln bis zum Jahr 1992 - ohne jede Frage - 3% ihres Gehaltes für das sog. Diaspora-Kommissariat abgezogen bekamen und seither zu einem Großteil diese Sache freiwillig weiter unterstützen. Für mich als Kaplan war auch diese Institution eine Unterabteilung des Bonifatiuswerkes, der - wie ich meinte - Diaspora-Hilfsorganisation schlechthin. Ich lernte: Ganz so ist das nicht.

I. Das Diaspora-Kommissariat

Das besagte Diaspora-Kommissariat z. B. wurde nach der Inflation des Jahres 1923 auf der 64. Generalversammlung des Bonifatiusvereins als eine „interdiözesane Priesterausgleichskasse“ zugunsten jener Diasporapriester in Deutschland gegründet, die ohne hinlängliches eigenes Gehalt dastanden. Die Mittel dafür kamen aus einem freiwilligen Gehaltsverzicht der besoldeten Diözesanpriester, die wenigstens 1% bzw. 3% ihres Gehaltes beisteuern sollten, je nachdem, ob sie selbst in einem Bistum arbeiteten, das zur Diaspora zählte oder nicht. Dieser Aufruf blieb zwar nicht ohne Erfolg, allerdings konstatierte man auch mangelnde und vor allem ungleichmäßige Beteiligung - zwei Faktoren, die bei dieser Hilfe von Priestern für Priester leider bis heute gelten, aber wenig bekannt und nicht offen thematisiert sind.

 

1942 wurde die Priester-Ausgleichskasse zwecks Vermeidung staatlicher Eingriffe aus dem Bonifatiusverein ausgegliedert und als kirchliches Sondervermögen dem Erzbischof von Paderborn unterstellt. Diese Regelung behielt man nach dem 2. Weltkrieg bei; „das Kind“ bekam den Namen „Diaspora-Kommissariat“ und wird seither von der „Diaspora-Kommission“ geleitet, die aus den Bischöfen von Paderborn, Fulda und Osnabrück besteht. Die Geschäftsführung liegt schon lange beim Generalsekretär des Bonifatiuswerkes. Heute sind auch Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der Priesterräte Mitglieder des Vergabe- Ausschusses.

 

Im Jahr 1947 sprach die Fuldaer Bischofskonferenz die Empfehlung aus, 3% des Gehaltes aller Diözesanpriester für das Diaspora-Kommissariat abzuführen. So wurde dies bis 1992 auch in Erzbistum Köln gehandhabt; in manchen deutschen Diözesen ist dies auch heute noch so.

 

Ab 1972 unterstützte das Diaspora-Kommissariat nicht mehr Priester in den Diaspora-Gebieten ganz Deutschlands, sondern ausschließlich die Priester in der DDR; 1974 wurden die Priester der nordischen Bistümer einbezogen, allerdings unter ausdrücklicher Wahrung der Priorität der Hilfe für die DDR; ab 1994 werden auch Priester in Mittel- und Osteuropa unterstützt, da ab 1989 der interdiözesane Finanzausgleich der deutschen Bistümer einen Teil der Leistungen für die frühere DDR übernahm, womit erhebliche Gelder frei wurden.

 

Im Erzbistum Köln erfolgt ab 1993 aus fiskalischen Gründen der Beitrag der Priester zum Diaspora-Kommissariat auf freiwilliger Basis; das führte unter dem Strich leider nicht nur zu einem erheblichen Rückgang der Einkünfte, sondern auch dazu, dass nicht wenige ihr bisheriges Engagement - zumindest auf diesem Weg - ganz einstellten. Ich halte dies für eine besorgniserregende Bilanz.

 

Diasporahilfe der Kölner Priester für das Diaspora-Kommissariat

 

Jahr
Beteiligte Priester
Beiträge in DM
1992
1233
1.949.950
1993
784
1.250.975
2001
613
820.713

 

 

Wie das Erzbistum Köln hatten im Jahr 2000 fünf andere Bistümer keine Pflichtabgabe mehr für die Diaspora (Aachen, Freiburg, München, Passau, Regensburg), in vier Bistümern betrug die Pflichtabgabe der Geistlichen 1% (Augsburg, Bamberg, Eichstätt, Würzburg), in zweien 1,5% (Hamburg, Osnabrück), in zweien 2% (Rottenburg/ Stuttgart, Speyer) und in den dreizehn übrigen Diözesen 3%, wobei die tatsächlich überwiesenen Summen in der Mehrzahl der Fälle die zugesagte Quote nicht erreichten. Im Jahr 2000 standen dem Diaspora-Kommissariat so inkl. 3,9 Mio. DM aus Rücklagen insgesamt 20,5 Mio. DM zur Verfügung, die folgendermaßen ausgegeben wurden: 10,2 Mio. für Ostdeutschland, 5,1 Mio. für Mittel- und Osteuropa, 5 Mio. für Nordeuropa und 0,2 Mio. für Verwaltungs- und Werbekosten.

 

 

Diasporakommissariat - Priesterausgleichskasse

Anteilige Ausgaben 2000

 

Artikel-Grafik1

 

Von diesen ca. 5 Mio. DM für Nordeuropa wurden 3,85 Mio. DM für die Unterstützung der Gehälter, 0,97 Mio. DM für Neu- und Umbauten von Priesterwohnungen und 0,2 Mio. DM für Motorisierungshilfen verwendet. Im Jahr 2001 wurden die Gehälter von 354 Priestern und Diakonen mit Beträgen zwischen 530/700 DM pro Monat unterstützt. Ein Priester in Schweden erhält heute - nach Einführung des vom Staat eingezogenen Kirchenbeitrags für alle als katholisch gemeldeten Personen - ein Monatsgehalt von 8.000 SKr. brutto, 5.600 SKr. netto (ca. 888 bzw. 622 Euro).
 
Derzeit verfolgt das Diaspora-Kommissariat auf Beschluss der Bischofskonferenz die Zielvorstellung, von allen deutschen Diözesen mindestens 1% der Priestergehälter zu erhalten, um mit den geschätzten 5,3 Mio. Euro Einnahmen pro Jahr vorrangig und verlässlich die nach wie vor unersetzliche Unterstützung der Geistlichen im Norden aufbringen zu können; mit dem Rest sollen in Absprache mit Renovabis Priester in Mittel- und Osteuropa unterstützt werden.
 
Wenn es tatsächlich gelänge, alle deutschen Priester dazu zu bewegen, aus Überzeugung bei dieser Sache mitzumachen - die weiß Gott keine unzumutbare Belastung bedeutet - wäre dies eine sichere und ebenso effiziente wie symbolträchtige Solidaritätsaktion. Davon sollte sich keiner ausschließen. Über die Gehaltsbeihilfe erreicht sie jeden Geistlichen in der nordischen Diaspora und kommt damit auch jeder einzelnen Gemeinde zugute. Einem weiteren Engagement sind keine Grenzen gesetzt.
II. Das Bonifatiuswerk
Vom Bonifatiuswerk hätte in diesem Beitrag freilich zuerst die Rede sein müssen. Denn diese Hilfsorganisation ist und bleibt auf Platz Nr. 1 mit ihrer über 150-jährigen Geschichte, auf die sie mit Recht stolz sein kann, mit ihrem Apparat, der Ende des Jahres 2000 aus 27 Vollzeit- und 9 Teilzeitbeschäftigten bestand, mit ihren Publikationen und ihren imponierenden Bilanzen.
 
Das am 4.10.1849 von Priestern und Laien als eingetragener Verein gegründete Bonifatiuswerk nennt sich in § 3 seiner heute gültigen Satzung „das mit der Förderung der Diaspora-Seelsorge von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragte Organ. Es steht unter dem besonderen Schutz und der Aufsicht der Deutschen Bischofskonferenz.“ Lassen wir hier die Darstellung der ursprünglichen „Zweig-Vereine“ wie Bonifatiuswerk der Kinder, Diaspora-Kinderhilfswerk, MIVA (Motorisierende Innerdeutsche Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft) und ABE (Akademische Bonifatius Einigung) außer Acht, denn diese sind inzwischen als „Abteilungen“ dem Gesamtwerk integriert, ebenso die Frage der Organisation und der höchst unterschiedlichen Aktivitäten der diözesanen Bonifatiuswerke.
 
Richten wir unseren Blick zunächst einmal auf die vom Bonifatiushaus verantworteten Publikationen: Alle Geistlichen erhalten einmal im Jahr das Priesterjahrheft, das seit neuestem auch an die Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten versandt wird. Jeweils viermal im Jahr erscheinen das Bonifatiusblatt, ebenso die für Kinder bestimmte Zeitschrift Sternsinger und - mit wesentlich geringerer Auflage - das auf eine akademische Leserschaft zielende Lebendige Zeugnis.
 
Alsdann: Im Erzbistum Köln sind 2 der 15 hier wie anderswo absolut begehrten vorgeschriebenen Kollekten dem Bonifatiuswerk zugesprochen: Die früher im Juni, seit 2002 im November zu haltende Diaspora-Kollekte sowie die Kollekte für die Priesterausbildung am ehemals sehr einträchtigen Allerseelentag. Hinzu kommen Jahr für Jahr die Sammlungen bei den Kommunionkindern und Firmlingen, welche, auch wenn dies mancherorts de facto nicht mehr so gehandhabt wird, eigentlich für das Bonifatiuswerk vorgesehen sind.
 
Sowohl durch diese Publikationen, mehr aber noch durch die Kollekten ist das Bonifatiuswerk zumindest den meisten Gottesdienstbesuchern nach wie vor ein Begriff.

Analysiert man die Struktur der Einnahmen des Bonifatiuswerkes im Jahr 2000, so sieht man, dass die o. g. Kollekten mit 39% einen ganz erheblichen Anteil ausmachen, mit dem die Spenden (23%) und Vermächtnisse (19%) mehr als gut mithalten, während die „Mitgliederbeiträge“ (3%) verschwindend gering sind. Die Zuschüsse des Verbandes der Diözesen Deutschlands (6%) sind in den letzten Jahren ganz erheblich zurückgefahren worden (von 10 Mio. DM im Jahr 1989 auf ca. 1,8 Mio. DM im Jahr 2000). Zinsen und Erträge machten 10% der Einkünfte aus.

 

 

Artikel-Grafik2

 

 

Die nach wie vor insgesamt erfreulichen Einkünfte aus den Kollekten und die hohen Summen der Spenden und Vermächtnisse dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der einstmals im katholischen Raum allgegenwärtige und alle betreffende Gedanke einer selbstverständlichen Verpflichtung zur Diaspora-Hilfe sehr geschwunden ist. Ohne die ständig sinkenden Auflagenzahlen der Publikationen als Orakel überzubewerten, zeigen sich in ihnen doch nicht nur allgemein bekannte Phänomene wie die Verabschiedung vom Vereinsgedanken und die Unwilligkeit zu einem dauerhaften Engagement, sondern schlicht und einfach Desinteresse und andere Optionen. In vielen Pfarreien ist die früher obligatorische und auch lange Zeit bestens funktionierende Organisation von Kindern und Erwachsenen in entsprechenden Hilfsvereinen längst ein abgeschlossenes, fast unglaubliches und wohl unwiederholbares Kapitel der Geschichte. Wenn die von Paderborn oft in sehr großer Zahl geschickten Hefte des Bonifatiusblatts bzw. der Sternsinger nicht gleich zur „Ablage P“ kommen, sondern wenigstens noch in der Kirche ausgelegt oder gar gratis verteilt werden, finden sie doch längst nicht mehr die Aufmerksamkeit wie früher. „Diaspora“ ist kein Zugpferd mehr. Die Verantwortlichen in Paderborn wissen dies längst, und sie legen sich auch ins Zeug, um das Anliegen wieder mehr bekannt und neu plausibel zu machen.
 
Bei solchen Bemühungen um Intensivierung der bereits bisher vom Bonifatiuswerk für den Norden geleisteten Arbeit kommt es natürlich leicht zu „Berührungen“ mit anderen Hilfsorganisationen, die sich schon länger exakt auf diesem Feld der Diaspora-Hilfe engagieren.
III. Andere Hilfen und Hilfswerke für die nordische Diaspora
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind hier die Prokuratoren bestimmter Orden zu nennen, die in der nordischen Diaspora seit je tätig sind, z. B. die Jesuiten, die Missionare von der Heiligen Familie, die Arnsteiner Patres und die Herz-Jesu-Priester; die Mutterhäuser bestimmter weiblicher Ordensgemeinschaften, das Schönstatt-Diaspora-Apostolat; auch die von P. Werenfried van Straaten ins Leben gerufene Ostpriester-Hilfe/Kirche in Not; und, worauf ich näher eingehen werde, die Ansgarwerke.
 
Die Ansgarwerke waren über viele Jahrzehnte außer privaten Wohltätern und bestimmten Ordensgemeinschaften die einzigen Anlaufstellen, bei denen die Kirche in den nordischen Ländern mit ihren ganz extremen Diaspora-Verhältnissen Hilfe erwarten konnte. Erst 1974 fasste die Generalversammlung des Bonifatiuswerkes mit Initiative von Prälat Franz Wüstefeld, dem dieser Beitrag deshalb gewidmet ist, den Beschluss, „von nun an gezielt und wirksam der sehr armen Kirche in den skandinavischen Ländern zu helfen“ und änderte entsprechend die Satzung. Damals blickten zwei der deutschen Ansgarwerke bereits auf eine ca. 50-jährige Geschichte zurück.
 
1. Die älteste Gründung ist das St. Ansgarwerk München e.V. Es wurde 1923/24 ins Leben gerufen, nachdem 1922 der Münchener Domkapitular Dr. Johannes Müller Apostolischer Vikar in Schweden wurde; später war er der erste Bischof von Stockholm. Das Münchener Werk versucht aus dieser historischen Beziehung bis heute, alle Geistlichen der süddeutschen Diözesen inkl. Speyer über das gemeinsam mit Köln herausgegebene Jahrbuch zur Hilfe für die nordische Diaspora zu motivieren. 6000 Personen werden von dort angeschrieben. Dass dies ein Anliegen ist, das südlich des Mains noch schwerer zu vermitteln ist als weiter nördlich, sieht man an den Erträgen: Von Dezember 1998 bis Oktober 2000 konnte man von München aus die nordische Diaspora auf diesem Weg mit ca. 373.000 Euro unterstützen; der Betrag für das Jahr 2000 wird mit 235.000 DM angegeben.
 
2. Das St. Ansgarius-Werk Köln ist ursprünglich eine private Gründung des Priesters Dr. Peter Louis (1886-1956), zuletzt Pfarrer in Leverkusen-Bürrig; er nannte sich seit 1925 „Generalprokurator des St. Ansgarius-Glaubenswerkes“; nach dem Urteil seiner Zeitgenossen hat er durch die seit 1934 erfolgte Herausgabe der Jahrbücher die nordische Diaspora der Vergessenheit überhaupt erst entrissen.
Das von ihm gegründete Werk kam 1951 in den Verdacht der Misswirtschaft, was sich leider bei einer Revision bestätigte und nach jahrelangem Hin und Her dazu führte, dass das Erzbistum Köln 1955 dieses Werk aus Überzeugung von dessen Notwendigkeit zu seinem eigenen machte. Eine Eingliederung in das Bonifatiuswerk, das damals mit der deutschen Diaspora mehr als genug zu tun hatte, war nicht möglich. Aus verschiedenen Gründen gelang es auch nicht, die anderen westdeutschen Bistümer zu einer Allianz zu bewegen: Man hatte entweder genug eigene Sorgen oder fürchtete Köln. So blieb dieses Werk, obschon umfassender gedacht, tatsächlich weitgehend auf den Raum des Erzbistums beschränkt. Es erreicht zur Zeit ca. 5000 Adressaten, wobei die Priester und Diakone im Erzbistum Köln das Jahrbuch auch dann erhalten, wenn sie sich für das Werk nicht finanziell engagieren. Im Jahr 2000 wurden ca. 669.000 DM eingenommen und in den Norden weitergeleitet.
 
3. Unter dem Eindruck des 1. Nordischen Katholikentags in Hamburg (1965) gründete Bischof Helmut Hermann Wittler 1967 in seinem Bistum Osnabrück ein eigenes Ansgarwerk, dem 1995 das damals neu errichtete Erzbistum Hamburg beitrat. In diesen beiden Bistümern zählt man 3.800 Personen zum Fördererkreis, der zweimal jährlich eine eigene Illustrierte, Ansgar-Info (bis 2002: Informationen zur katholischen Kirche in den nordischen Ländern), erhält. Im Jahr 2000 konnte man einen Betrag von 499.185 DM für den Norden aufbringen. Das Ansgarwerk Hamburg/Osnabrück sieht seine unmittelbare Nachbarschaft zu Skandinavien als eine besondere Verpflichtung, die durch zahlreiche Patenschaften zwischen Gemeinden und die regelmäßige Durchführung von theologisch-spirituellen Fortbildungsveranstaltungen für Geistliche, Ordensleute und auch Laien aus dem Norden realisiert wird.
 
4. Auch der verstorbene Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Höffner gründete 1967, damals noch Bischof von Münster, dort ein eigenes Ansgarwerk; es zählt nach den letzten Angaben 2900 Förderer und konnte im Jahre 2000 die Summe von 438.337 DM für den Norden ausgeben.
 
In den letztgenannten drei Bistümern gibt es für diesen Zweck einmal im Jahr eine obligatorische Kollekte in allen Kirchen, während die Erträge in München und Köln ausschließlich aus gezielten Spenden und Nachlässen kommen.
 

Die deutsche Diaspora-Hilfe für den Norden lässt sich demnach unter der Perspektive ihrer hier bekannten finanziellen Leistungen so darstellen: Für das Jahr 2000 kamen 43% der insgesamt 11,7 Mio. DM vom Diaspora-Kommissariat, 41% vom Bonifatiuswerk; die vier Ansgarwerke bestritten 16% dieser Hilfsleistungen; die Anteile der oben genannten anderen Quellen sind hier nicht bekannt und auch nicht abschätzbar.

 

 

Deutsche Hilfe für die Nordische Diaspora 2000

- soweit bekannt -

 

 Artikel-Grafik3

 

IV. Fazit

1. Die deutsche Diaspora-Hilfe ist eine zunächst irritierend vielfältige Landschaft. Das ist - wie das Phänomen der Diaspora selbst - ein Resultat der skizzierten historischen Prozesse.

 

2. Der spontan vielleicht naheliegende Gedanke einer „Flurbereinigung“, einer Konzentration der verschiedenen Hilfswerke durch „Fusion“ oder „Übernahme“ stößt auf verschiedene, nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten, z. B.:

  • Das historisch Gewordene besitzt nicht nur eine eigene Beharrungskraft, sondern es hat sich über Jahrzehnte bewährt und funktioniert bislang reibungslos. Der organisatorische Aufwand der Ansgarwerke ist minimal, da sie größtenteils in den entsprechenden Generalvikariaten einfach „mitlaufen“.
  • Zwischen den Organisationen besteht bislang kein Konkurrenzverhältnis, vielmehr sind bestimmte Terrains abgesteckt; für große Projekte hat allein das Bonifatiuswerk die entsprechenden Kapazitäten; man spricht sich ab, ergänzt einander und kooperiert. Die Leiter der deutschen Ansgarwerke treffen sich dazu einmal im Jahr; die langfristig zu planenden Förderungsprojekte des Bonifatiuswerkes sind ihnen bekannt, die Geschäftsberichte etc. werden ausgetauscht; in eiligen Fällen ist schnelle Hilfe möglich.
  • Eine Aufgabe der bestehenden Vielfalt würde der Verbundenheit mit dem Norden schaden: Für viele Förderer in Deutschland ist es wichtig, dass sie sich eben nicht über eine einzige zentrale Institution, sondern möglichst ortsnah, d.h. in der Regel über ihr Bistum, engagieren. Selbst wenn nicht weniger Geld als bisher zur Verfügung stünde, würde die Reduzierung auf ein einziges Diaspora-Hilfswerk von vielen Menschen im Norden als Verlust bestehender persönlicher Freundschaften empfunden werden: Man verlöre damit Namen und Adressen von ganz konkreten Menschen, persönlich bekannten Freunden der Diaspora.

Diese Überlegungen und einschlägige Erfahrungen lassen derzeit nur den Schluss zu: Die nordischen Bistümer müssen alles tun, um auch finanziell selbständig zu werden. Eine Reduktion der vielfältigen deutschen Diaspora-Hilfe wäre augenblicklich ein Verlust. Deshalb ist es geraten, sich an ein Wort Dietrich Bonhoeffers zu halten: „Quantitäten machen einander den Raum streitig. Qualitäten ergänzen einander.“

 

3. Es ist eine banale Feststellung, dass auch wir längst „in der Diaspora“ leben. Für wen damit das spezielle Thema nordische Diaspora erledigt ist, dem hilft nur Anschauungsunterricht an Ort und Stelle. „Wo der Glaube lebt“ - das gilt nicht nur in Afrika, Asien und Lateinamerika, sondern auch in der extremen Minderheitssituation unmittelbar vor unserer Haustür. Im Vergleich mit dort sind wir hier immer noch viele und geht es uns zumindest materiell sehr komfortabel.

 

4. Selbstverständlich gibt es andere und drängendere Sorgen. Für diese wird, wie einige exemplarische Zahlen belegen, Erhebliches geleistet. Die Gesamtausgaben der Aktion Adveniat werden für 2001 mit ca. 149 Mio. DM angegeben, die von Misereor mit ca. 307 Mio. DM, die von Missio mit ca. 168 Mio. DM. Im Vergleich dazu muss die Diaspora-Hilfe für den Norden mit den für das Jahr 2000 errechneten insgesamt 11,7 Mio. DM nicht fürchten, dem Übermaß-Verbot zum Opfer zu fallen.

Also: Man sollte das eine tun und das andere nicht lassen! Natürlich kann man überall ein Scherflein geben. Man könnte aber doch auch einmal überlegen, wie viel Prozent seines Gehaltes man pro Jahr für die verschiedenen Anliegen (steuerlich absetzbar) geben will und entsprechende Dispositionen treffen.

 

5. Unsere Hilfe für die nordische Diaspora bleibt für diese vorab lebensnotwendig. Daran kann trotz staatlicher Ermöglichung der Erhebung eines Kirchenbeitrags kein Zweifel sein, weil die Zahl und die Struktur der wenigen Katholiken im Norden in keinem Verhältnis zu den Aufgaben stehen, denen sich die Kirche dort stellen muss. Die Leser dieses Jahrbuches sind darüber informiert.

 

Ohne Identifikation und Multiplikation unsererseits wird sich das Anliegen der Hilfe für die nordische Diaspora schneller verlieren, als es von der Sache her für die betroffenen Menschen und den katholischen Glauben gut ist.

 

Günter Assenmacher

 

 

Anmerkungen:

Dieser Text geht zurück auf einen Vortrag, den der Verfasser vor dem Priesterrat des Erzbistums Köln auf dessen Tagung vom 23.-24.5.2002 in Bad Honnef gehalten hat, vgl. Protokollheft S. 96-103, 141-147. Er wurde für die Drucklegung hier erheblich verändert.

 

Zur Geschichte des Bonifatiuswerkes vgl. nun: Günter Riße - Clemens A. Kathke (Hrsg.), Diaspora: Zeugnis von Christen für Christen, Paderborn 1999. Darin von Günter Assenmacher, Nach Norden zu. Die deutschen Ansgarwerke und ihr Beitrag zur Diasporahilfe, S. 167-181.

 

Zur Geschichte des Diaspora-Kommissariates finden sich viele Angaben bei Burghard Pimmer-Jüsten, Facultas vel licentia imponendi tributa sacerdotibus (Adnotationes in ius canonicum 5), Frankfurt 1997.

 

Die im Internet leicht zugänglichen Bilanzen der einzelnen Hilfswerke sind nicht ganz einfach miteinander zu vergleichen. Eine detailiertere Analyse kann hier nicht erfolgen.

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