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Recht und Kunst in Lack und Wachs

Wenn etwa bei einem Hauskauf oder einem notariellen Testament der Notar das entsprechende Dokument besiegelt, wendet er eine markante Kulturtechnik an. Ihre Ursprünge reichen bis ins 4. Jahrtausend vor Christus und zu den frühen Hochkulturen des Zweistromlandes zurück. Entscheidende Bedeutung erlangten Siegel im Zusammenhang mit den Urkunden des Mittelalters, bei der sie als praktisches Beglaubigungsmittel dienten. Schriftlichkeit war seinerzeit noch nicht so weit verbreitet, dass alle Urkundenaussteller und Zeugen ihre Unterschrift hätten leisten können.


Für den Historiker spielen nicht nur Urkunden, sondern auch die daran befestigten Siegel eine wichtige Rolle; es geht etwa um Fragen der Echtheit. Da der jeweilige Siegelführer aber in einem ganz besonderen Verhältnis zu seinem Siegel steht, sagen diese viel über Persönlichkeit, Selbstverständnis sowie politische, religiöse und sonstige Vorstellungen der Siegelführer aus – seien es Könige, Fürsten, Bischöfe, Bürger, Städte, Klöster, Zünfte oder andere. So erhält das Siegel die Funktion eines „Bedeutungsträgers“. Gleichzeitig ist es auch ein Kleinkunstwerk von teilweise hoher künstlerischer Qualität, stellt die Herstellung eines Siegelstempels an die ausführenden Goldschmiede wegen der geringen Größe des Objektes doch hohe Anforderungen.


Siegelsammlungen bieten daher reichhaltiges Material für Forschungen, die von den Eigentümlichkeiten der Siegel ausgehen. Im Historischen Archiv befinden sich gleich mehrere Kollektionen von außerordentlicher Qualität, darunter die „Siegelsammlung Beissel“. Sie besteht aus mehr als 30.000 Originalabdrücken in Siegellack, die der Jesuit Stephan Beissel (1841-1915) zum großen Teil von vorhandenen Typaren damaliger Stempelsammlungen nehmen konnte. Geographisch hat diese Sammlung, die das Erzbistum Köln 1984 unbemerkt vom Kunsthandel erwerben konnte, mitteleuropäischen Zuschnitt. Ein Beispiel für die hervorragende Qualität dieser Abdrücke stellt das Siegel der südenglischen Marienkirche von Southwick (Hampshire) dar. Hierbei wurden tief in Fenstern und Nischen Figuren oder Köpfe angebracht, wodurch die Abdrücke eine ungewöhnliche Plastizität erhalten. An vielen englischen Siegeln ist zudem die Stilentwicklung etwa der englischen Gotik abzulesen, die in manchen Aspekten von der des Kontinents deutlich abweicht.

 

Joachim Oepen