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70 Jahre "Fringsen": Eine Silvesterpredigt mit Nachwirkungen

Kardinal Frings 1946 in St. Engelbert in Köln-Riehl
28. Dezember 2016; HA Medien und Kommunikation/Je, Erzb. Archiv/Josef van Elten

Ein Rheinländer weiß noch heute, was „fringsen“ bedeutet. Das Wort geht zurück auf die Silvesterpredigt 1946 vom Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings in St. Engelbert in Köln-Riehl. Seit Wochen war es eiskalt in Deutschland, ein Ende des strengen Winters nicht abzusehen. Hunderttausende Menschen lebten in den Ruinen ihrer Häuser, die Lebensmittel waren knapp, Kohle und andere Brennstoffe für die Öfen kaum zu bekommen, die politische, moralische und allgemeine Lage miserabel. Frings predigte unter anderem über die zehn Gebote. Zum 7. Gebot (Du sollst nicht stehlen) sagte er zum Entsetzen der britischen Besatzungsmacht: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann“. Einige Sätze später folgte die Mahnung, den eventuellen Schadensersatz dafür nicht zu vergessen.

 

Die Folgen sind bekannt. Menschen, die etwa Briketts von Eisenbahnzügen oder Lebensmittel stahlen, um nicht zu erfrieren und zu verhungern, sahen sich nun moralisch bestärkt. Die Worte des Erzbischofs schienen ihnen eine Rechtfertigung für die Entwendung von Eigentum, die strafrechtlich im damals noch geltenden „Mundraub“-Paragraphen 370 StGB behandelt war. Offenbar - genau geklärt ist das nicht - nahmen die Kohlendiebstähle Anfang 1947 deutlich zu. Schnell kam für „Kohlenklau“ das Wort „fringsen“ auf, und dieses Kunstwort fand später sogar Eingang in ein „Lexikon der Umgangssprache“. Es ist bis heute gut bekannt.

 

Blick in die Predigtvorlage

„Es gilt das gesprochene Wort“ - dieser Satz begleitet die Ansprachen hoher Persönlichkeiten, die vorab an Berichterstatter ausgeteilt werden. Von der Silvesterpredigt 1946 gibt es indes kein Tonzeugnis, sondern nur ein schwer zu lesendes handschriftliches Konzept und einen nachträglich erschienenen Druck.

 

Im Historischen Archiv des Erzbistums Köln wird die handschriftliche Vorlage der Predigt aufbewahrt. Die Blätter sind ein sehr authentisches und wahrhaft schwieriges Dokument der Zeitgeschichte. Die Handschrift ist schwer zu lesen, die Worte sind eng geschrieben und durch Streichungen und Zusätze selbst für einen Frings-Kenner kaum entzifferbar. Keine Äußerung steht näher zum Thema „fringsen“ als diese Predigtvorlage. Ganz deutlich wird, dass Frings seine Äußerungen nicht zufällig tat, sondern dass er sehr mit den Formulierungen gerungen hat. Die gravierenden Konsequenzen, der Streit mit den Behörden, seine durch das Wort „fringsen“ angedeutete Popularität im Volk, haben Frings zeitlebens darüber nachdenken lassen, ob seine Wortwahl Silvester 1946 wohl die richtige gewesen sei.

 

Fringsen heute?

Erzbischof Rainer Maria Woelki hält das "Fringsen" - das Stehlen des Allernötigsten zum eigenen Überleben - im Extremfall auch heute noch fü̈r erlaubt. Woelki sagte dazu im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Man kann 1946 natürlich nicht mit 2016 vergleichen." Es gebe heute andere Sozialsysteme, Sozialhilfe, Tafeln und Unterkü̈nfte fü̈r Menschen, die auf der Straße leben mü̈ssen. "Aber ich würde immer sagen: Im Extremfall, wenn all das nicht tragen sollte, würde ich auch heute noch zu dem stehen, was Kardinal Frings damals 1946 als Ultima Ratio gesagt hat. Um des Menschen willen", so Kardinal Woelki.

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