Prof. Dr. Josef Römelt Lehrstuhl für Moraltheologie und Ethik, Universität Erfurt
| Die gegenwärtige Gesellschaft bemüht sich um eine vielfältige Phantasie, wie in den Notwendigkeiten und Sachzwängen moderner differenzierter Lebenswelt die miteinander konkurrierenden Werte familialer Lebensform (beruflicher Erfolg, partnerschaftliche Begegnung, gelungene Erziehung usw.) in eine sinnvolle Balance gebracht werden können Vor allem die Belastungen jedes Lebensbereiches (Beruf, Ausbildung, partnerschaftliche Beziehung, Lebensraum für die Kinder, Fürsorgepflicht) sollen in ein möglichst spannungsfreies und tragbares Verhältnis gebracht werden. Die unausgesprochene Hoffnung ist, daß dieser Ausgleich in einem Maße möglich ist, daß er die unvermeidlichen Risiken familiären Lebens in den komplexen sozialen Anpassungsforderungen modernen Lebens aufwiegt. Diese gesellschaftliche Kreativität heute ist wichtig. So darf der Doppelbelastung etwa zwischen Familie und Beruf „nicht die prinzipielle Berechtigung abgesprochen werden“, „nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch aus Gründen der Selbstverwirklichung in der gesellschaftlichen Kooperation und Kommunikation“ (V. Zsifkovits). Es hat keinen Sinn, die Dimensionen menschlicher Verantwortung miteinander in Konkurrenz zu bringen und sie innerhalb der Gestaltung der Familie heute, etwa in bezug auf Karriere und Kindererziehung, gegeneinander auszuspielen. Heutige Gesellschaft mit ihren vielschichtigen Formen der sozialen Hilfen für die Familie (Karenzzeiten, Teilzeitarbeitsstellen, Kindergärten, Arbeitsfunktionen, die die Präsenz im eigenen Haushalt mit der Präsenz am Arbeitsplatz verbinden) versucht deshalb berechtigterweise in vielfachen phantasievollen Ideen, die Kluft zwischen den verschiedenen Anforderungen zwischen Beruf, Freizeitgestaltung, Partnerbeziehung und Familie zu schließen. Und doch wird christliche Ethik die bleibende Begrenztheit jedes menschlichen Lebens nicht nur als bedrohliche Gefährdung gelungener Lebensbalance verstehen. Sondern in der Suche nach befriedigender Lebensgestaltung ist auch die Akzeptanz der Grenzen eine positive Aufgabe. Jeder menschlicher Daseinsentwurf ist die beschränkt und muß bleibende Defizite in verschiedenen Bereichen menschlicher Möglichkeiten annehmen. So wird auch Familie als Leben in Gemeinschaft überfordert, wenn nicht ganz bewußt diese Grenzen beachtet werden und der einzelne auch Verzichte um der gemeinsamen Lebensgestaltung willen akzeptiert. Der Versuch, in den vielen Möglichkeiten aktiver Lebensgestaltung und -erfüllung, die das moderne Leben mit seiner differenzierten Lebens- und Arbeitswelt bietet, eine umfassende Präsenz aufrechtzuerhalten, um das eigene Leben möglichst weit zu entfalten, muß notwendig scheitern. Denn die Grenzen der psychischen und physischen Kraft wollen beachtet werden, die jeden Menschen begleiten und gerade auch die Familie als ganzes System prägen. Die Angst, durch Beschränkung, Auswahl und Verzicht eine wichtige Chance seiner Lebensmöglichkeiten zu verpassen, kommt gleichsam einer strukturellen Neurose gegenwärtiger pluraler Lebensgestaltung nahe. Sie zerstört mehr noch als das Leben des Individuums das Leben der Familie. Sie ist als sensibles Ganzes gegenseitiger Beanspruchung, Bereicherung und Abhängigkeit an sehr konkrete Strukturen der Anteilnahme gebunden ist. Und sie kann nur in der aufmerksamen Gestaltung ihrer eigenen inneren Bindungen und Lebensmöglichkeiten Quelle einer unaustauschbaren Kraft und Identität bleiben. Die theologische Deutung der Familie betont deshalb im Kontext heutiger gesellschaftlicher Zwänge eine Sicht, die sich nicht einfach auf eine Perspektive des familiären Lebens als Funktion der Gesellschaft reduzieren lassen will. „Familiales Handeln“ ist ein „in sich selbst sinnvolles Handeln“. Familie „als eine bestimmte Lebensform“ besitzt „>Daseinsrecht und ihre Daseinsweise unabhängig davon ..., ob sie für andere gesellschaftliche Teilbereiche oder für den Staat und seine Ziele funktional oder disfunktional erscheint<“ (B. Wannenwetsch) S. Veranstaltung am 22.3.06: Liebe ist schöpferisch - Kinder machen Sinn !
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