„Unsere Zeit ist auf Barmherzigkeit angewiesen“Advent – Zeit der Ankunft und der Besinnung.

Vor über einem Jahr bereits ging im Erzbistum Köln die „Aktion Neue Nachbarn“ an den Start. Diese Aktion hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Willkommenskultur für Flüchtlinge zu schaffen und die vielfältigen Hilfsangebote miteinander zu vernetzen. Bereits damals war die Frage virulent, wie wir mit den zunehmenden Zahlen an Flüchtlingen umgehen; in den letzten Wochen und Monaten hat sich diese Frage dramatisch zugespitzt. Zum Zeitpunkt, da ich diesen Beitrag schreibe, erreichen uns täglich neue Bilder von Menschen, die auf der sogenannten „Balkanroute“ bei strömendem Regen, viel zu dünn bekleidet, mit kleinen, kranken und untröstlich aufgeriebenen Kindern auf den ermüdeten Armen versuchen, Zuflucht zu finden. Zeit der Ankunft: Advent – wann wird er für diese Menschen anbrechen? Wann dürfen sie etwas davon spüren, dass wir uns auf die Ankunft des Sohnes Gottes, auf die Ankunft Jesu Christi, in dieser Welt vorbereiten?

 

Aber vielleicht ist den Menschen auf der Flucht Jesus viel näher, als es im ersten Moment aussieht. Eine der frühesten Erfahrungen nach seiner Geburt im Stall zu Betlehem war es, auf der Flucht vor den Truppen des grausamen Herrschers Herodes zu sein. Dieser richtete in Betlehem ein Massaker unter Kleinkindern an, das ihn heutzutage vor den Menschenrechts- Gerichtshof in Den Haag bringen würde. Vor diesem grausamen Herrscher flohen Maria und Josef mit dem neugeborenen Kind nach Ägypten. Der Sohn Gottes, Jesus Christus, kennt also das Schicksal der 60 Millionen Menschen, die in unserer Zeit weltweit auf der Flucht vor Gewalt und Terror sind. Er war selbst auf der Flucht vor solcher Bedrohung, und er war auf Unterstützung angewiesen.

 

 

Heiliges Jahr

Unsere Zeit ist auf Barmherzigkeit angewiesen. Mit diesem Advent beginnt in der Katholischen Kirche ein außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit. Erstmals rief Papst Bonifatius VIII. 1300 ein solches Jahr für Pilger aus, die nach Rom kamen. Es greift die Gedanken des biblischen Erlass- oder Jubeljahres auf: alle 50 Jahre war damit ein Schuldenerlass und Besitzausgleich für alle Israeliten geboten (Lev 25,8-55). In der Kirche sollte das nächste Heilige Jahr ursprünglich erst nach 100 Jahren folgen, der Abstand wurde aber immer weiter verringert. Ab 1475 war jedes 25. Jahr ein – ordentliches – Jubeljahr.

 

Vom Glauben entfernt

Bisweilen befinden Päpste, dass es eines außerordentlichen Heiligen Jahres bedarf. Das nun angebrochene Jubiläum der Barmherzigkeit ist ein solches außerordentliches Heiliges Jahr, für das Papst Franziskus eine große Notwendigkeit wahrnimmt. Dabei darf es uns schon nachdenklich stimmen, dass wir ein außerordentliches Heiliges Jahr brauchen, um uns der Barmherzigkeit Gottes zu vergewissern und sie uns vertieft anzueignen. Denn das Erbarmen Gottes selbst ist alles andere als außerordentlich – es ist sein Wesen. Wenn wir an ihn glauben, uns auf seine Menschwerdung an Weihnachten vorbereiten, uns vom Stern über Betlehem leiten lassen, wenn wir wirklich daran glauben, dass in Jesus Christus, dem Sohn Gottes, sein Erbarmen selbst Mensch geworden ist, dann ist das eigentlich nicht außerordentlich, sondern ganz einfach unser christlicher Glaube. Wie weit, liebe Leserin, lieber Leser, sind wir im Alltag oftmals von diesem Glauben entfernt, genau dort, wo er handlungsleitend in den ganz konkreten Vollzügen des Alltags werden soll?

 

Werke der Barmherzigkeit

Es gibt in der Katholischen Kirche die sogenannten Werke der Barmherzigkeit, die genau auf unser tägliches Verhalten zielen, sieben geistliche und sieben leibliche Werke. Zu den geistlichen Werken gehören: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern gern verzeihen, Lästige geduldig ertragen, für Lebende und Verstorbene beten. Zu den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit zählen: Hungrige speisen, Obdachlose beherbergen, Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen, Tote begraben und Almosen geben. Sicherlich wird das mit diesem Advent angebrochene Jahr viele Möglichkeiten bieten, uns diese geistlichen und leiblichen Werke der Barmherzigkeit vertieft anzueignen.

 

„Deutschland bewaffnet die Welt“

Dass wir Obdachlose beherbergen, Hungrige speisen und Nackte bekleiden sollen, ist mir in diesen Tagen und im Angesicht der Not von Millionen Menschen auf der Flucht dabei besonders dringlich. Viele dieser Menschen fliehen aus ihren Herkunftsländern vor Terror und Gewalt. Dieser Terror und diese Gewalt werden zum Teil ermöglicht, verschärft und verlängert durch unsere Waffenexporte. Wir exportieren qualitätsvolle, zielgenaue und robuste Waffen in einem großen, noch nicht dagewesenen Umfang. Auf dem Informationsportal der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie heißt es, dass der Industriezweig insgesamt in unserem Land ca. 316 000 Menschen beschäftigt. Allein mit seinen Rüstungsexporten im Jahr 2011 wurde ein Außenhandelsüberschuss von 6,7 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das „Handelsblatt“ titelte jüngst treffend „Deutschland bewaffnet die Welt“. Wir alle verdienen daran. Die daraus resultierenden Steuereinnahmen fließen in unseren Straßenbau und in unsere Kindertagesstätten. In diese Kindertagesstätten wollen nun auch diejenigen gehen, die genau vor den Waffen geflohen sind, aus deren Verkaufsgewinn sie mitfinanziert wurden. Das ist eine Realität, der wir uns stellen müssen. Und wir dürfen nicht aufhören, für solche Realitäten Bewusstsein zu schaffen. Viele Menschen in unserem Land haben dieses Bewusstsein; viele aber lassen sich in die Irre führen durch die Behauptung, dass ihre eigene Not durch die Flüchtlinge verschärft würde oder dass nicht genug für alle da wäre. In Gewalt sind diese Irrmeinungen mittlerweile umgeschlagen, und ich glaube, es ist unsere christliche Aufgabe – barmherzig und entschieden – Nein zu sagen, wenn Menschen in unserem Land bedroht und gefährdet werden.

 

Advent – Zeit der Ankunft und der Besinnung. Besinnen wir uns darauf, dass alle Menschen ein Recht darauf haben anzukommen. Für manche und manchen wäre Weihnachten schon angebrochen, wenn die Waffen schweigen und es endlich einmal warm wäre - um Gottes willen warm.

Von Kardinal Rainer Maria Woelki