WACHSende KunstKerzen gehören zur Adventszeit wie der Adventskalender und Spekulatius.

Ihr Licht strahlt Wärme aus, Geborgenheit und Gemütlichkeit. Seit über 250 Jahren stellt die Firma Schlösser in Köln diese besonderen Lichtquellen her.

 

Am vergangenen Wochenende waren wir bei Freunden zum Essen eingeladen. Ein schön gedeckter Tisch erwartete uns. Draußen war es bereits dunkel. Überall im Raum verteilt standen brennende Kerzen. Die Atmosphäre war wohltuend gemütlich. Nur über dem großen Esstisch spendete eine elektrische Lampe genau so viel Licht, wie zum Speisen benötigt. Es wurde ein schöner Abend. Nicht nur, aber auch wegen der besonderen Stimmung, hervorgerufen durch das flackernde Licht der vielen Kerzen. Stephan Zimmermanns Augen strahlen, als er meine Schilderungen hört. Er kann den beschriebenen Eindruck aus langer eigener Erfahrung nur bestätigen.„Kerzen üben eine besondere Faszination aus, nicht zuletzt, weil die Flamme etwas Lebendiges in sich hat und ein warmes Licht ausstrahlt.“ Auch wenn es inzwischen Echtwachskerzen gebe, bei denen eine LED-Lampe anstelle des Dochtes ein flackerndes Licht nachahme, gehe nichts über eine echte Kerze aus Bienenwachs, lässt Zimmermann keinen Zweifel aufkommen.

 

 

Uraltes Familienunternehmen

Der 56-Jährige weiß, wovon er spricht. Er ist nicht nur Wachsziehermeister und Obermeister der Innung, Zimmermann ist auch Eigentümer einer der ältesten Kerzenfabriken Deutschlands. Erst im vergangenen Jahr feierte die „Joh. Schlösser GmbH, Wachsbleiche und Kerzenfabrik“ ihr 250-jähriges Bestehen. Seit der Gründung am 10. März 1764 ist das Unternehmen – heute das zweitälteste Familienunternehmen in der Stadt Köln – im Familienbesitz. „Heimelig“ ist ein Adjektiv, das Zimmermann, der nach der Schule zunächst eine Ausbildung zum Bankkaufmann machte, ehe er ins Kerzenmacherhandwerk einstieg, gerne mit dem Begriff „Kerze“ verbindet. Das mag für durch Kerzen erleuchtete Wohnungen gelten. Alles andere als heimelig ist es dagegen in der Kerzenfabrik im Neubaugebiet in Köln-Marsdorf. Die großen Maschinen, über die die Dochte immer wieder durch die Wachsbäder gezogen werden, bis der gewünschte Kerzenumfang erreicht ist, sind laut.

 

Es liegt in der Natur der Sache, dass das Wachs, wenn es verarbeitet wird, geschmolzen, also heiß ist. Entsprechend warm ist es in der Halle. Seit Ostern läuft die Produktion für das Weihnachtsgeschäft. Kein leichter Job für die Frauen und Männer, wenn im Hochsommer die Temperaturen die 35-Grad- Marke locker überschreiten. „Dann fangen wir auch schon mal nachts um drei an zu arbeiten“, sagt Zimmermann. Problematisch kann es bei hochsommerlichen Verhältnissen mit der Lagerung werden. „In diesem Jahr standen wir kurz davor eine gekühlte Lagerhalle anzumieten, weil die Gefahr bestand, dass die fertigen Kerzen beim Lagern ihre Form verlieren.“ Zum Glück habe es noch rechtzeitig einen Wetterumschwung gegeben.

 

Kirchen sind Hauptabnehmer

90 Prozent der Produktion werden nach wie vor an Kirchengemeinden in Deutschland und ins benachbarte Ausland verkauft. 250 Tonnen Paraffin verarbeitet das Unternehmen im Jahr zu Kerzen. „Paraffin ist ein Erdölprodukt und fällt bei der Produktion von Schmieröl an. Der Stoff wird veredelt und kann, muss aber nicht, mit Bienenwachs zusammen verarbeitet werden“, erklärt Zimmermann. Weil Industrie-Öle aber immer häufiger synthetisch hergestellt würden, falle weniger Paraffin ab, was die Preise steigen lasse. Wahrscheinlich werde es pünktlich zum Advent wieder Berichte geben, Paraffin sei schädlich und könne Allergien auslösen. „Diese Behauptungen sind falsch, wissenschaftlich widerlegt, aber einfach nicht aus der Welt zu kriegen“, stöhnt der Unternehmer.

 

Paris als Trendsetter

Traditionell bevorzugen Kirchengemeinden für ihre Adventskränze rote, violette oder honigfarbene Kerzen. Das hält die Firma Schlösser aber nicht davon ab, auch Kerzen in den Modefarben herzustellen, die dann auch im eigenen Geschäft verkauft werden. „Grün, Rosa und Türkis sind in diesem Jahr die Modefarben“, erklärt Zimmermann. „Wir mischen dem flüssigen Paraffin den entsprechenden Farbstoff bei“, sagt Zimmermann. Die trendigen Farben setze die Modemesse in Paris. In der Metropole wird nicht nur die neueste Mode für Damen und Herren entworfen. „Die aktuellen Farben gibt die französische Hauptstadt im Zweijahresrhythmus vor“, sagt der Kerzenmacher. Ein besonderer Duft liegt immer dann in der Hallenluft, wenn die Frauen und Männer den edelsten aller Rohstoffe für die Produktion von Kerzen verarbeiten: Bienenwachs. „Mit Bienenwachs lässt sich einfach alles machen: Man kann Kerzen ziehen, gießen, formen. Es gibt eigentlich in unserem Beruf nichts Schöneres zu verarbeiten“, schwärmt Zimmermann über den natürlichen Rohstoff, der allerdings „sehr teuer“ sei. Die Bienen produzierten den Grundstoff für die wunderbaren Kerzen beim Bau ihrer Waben. Schleudert der Imker den Honig aus den Waben, werden diese für die Weiterverarbeitung verwendet.

 

Bienenwachs aus China

Kerzen sind nur eines von vielen Produkten, die aus dem kostbaren Rohstoff gewonnen werden. Sowohl in der Kosmetikindustrie als auch in der Arzneimittelproduktion wird das 100-prozentige Naturprodukt benötigt. Etwa fünf Tonnen Bienenwachs, importiert aus China, Kanada, Australien und Afrika, verarbeitet die traditionsreiche Kerzenfabrik im Jahr zu Kerzen. Das von Natur aus goldene Wachs der Bienen wird heute mit Bleichmitteln weiß gefärbt. Früher musste die Sonne diese Aufgabe übernehmen. Das Wachs wurde zu dünnen Platten gewalzt und unter freiem Himmel gebleicht. „Die Platten mussten regelmäßig gewendet und mit Wasser befeuchtet werden. Das war die Hauptarbeit der Wachszieher während der Sommermonate“, erzählt Zimmermann. Heute erledigen Maschinen die Kerzenproduktion. Doch nach wie vor wird in der Gesellenprüfung verlangt, eine Kerze per Hand vom Docht aus aufzugießen – ein zeitaufwendiges und nicht einfaches Unterfangen. Auch heute können Kunden handgegossene Bienenwachskerzen auf Vorbestellung erwerben. Voraussetzung ist allerdings, dass sie bereit sind, bis zu 500 Euro für eine acht Zentimeter dicke und 80 Zentimeter hohe Kerze auf den Tisch zu legen. „Für diese Arbeit benötigt ein Mitarbeiter rund eine Woche reiner Handarbeit“, sagt Zimmermann. Ein Luxus, den sich kaum jemand leistet.

 

Lieblingskunde: Kölner Dom

Seit „ewig und drei Tagen“ beliefert Kerzen Schlösser den Kölner Dom. „Wie lange unsere Firma das schon macht, können wir nicht feststellen. Im Zweiten Weltkrieg wurde mit unserer Fabrik auch das Firmenarchiv zerstört. Sicher ist: Seit Kriegsende brennen im Dom unsere Kerzen.“ Die Palette der in der Kathedrale verwendeten Kerzen ist vielfältig: Opferkerzen am Muttergottesaltar, Kerzen für den Altar, und, und, und…. Auch die größte jemals bei Schlösser gefertigte Kerze war natürlich für den Dom bestimmt. „Anlässlich eines runden Jubiläums hat ein Kölner Kochclub eine zwei Meter hohe und 12 Zentimeter dicke Kerze bei uns in Auftrag gegeben, um sie dem Dom zu spenden. Wir mussten ein eigenes Gestell bauen, um den sicheren Transport der Riesenkerze möglich zu machen. Wir haben`s geschafft“, sagt Zimmermann nicht ohne Stolz.

Von Robert Boecker