Ein Kind kommtWenn das erste Kind, der erste Enkel erwartet wird, ändert sich nicht nur das Leben des Paares.

Auch für die zukünftigen Großeltern eröffnen sich neue Perspektiven.

Eine Familie erzählt von ihrem Leben in Hoffnung.

 

Mama Anna

Jeden Tag rubbeln wir ein Feld in unserem Babykalender auf. Es ist ein bisschen wie bei einem Adventskalender, nur, dass statt Schokolade nützliche Tipps für die werdenden Eltern zum Vorschein kommen. „Neugeborene sind zunächst kurzsichtig. Alles, was weiter weg ist als 25 Zentimeter, sehen sie nur unscharf“ stand heute auf dem freigerubbelten Feld. Aha, das wusste ich auch nicht. Also ganz nah heran gehen, wenn wir mit dem Kleinen sprechen und kuscheln. Wie unser Sohn wohl aussehen wird? Kommt er nach dem Papa? Oder vielleicht ganz nach der Mama? Das 3D-Ultraschall-Bild verriet zunächst noch nicht allzu viel. Und trotzdem schauten wir es uns lange und voller Glückseligkeit an. Eine Nase, Augen, Mund – alles dran. Und wie hübsch er doch ist, betonten wir immer wieder. Als wir das Bild voller Stolz unseren Freunden und unserer Familie zeigten, brauchten die jedoch etwas länger, um identifizieren zu können, wo was ist. „Ja seht ihr denn nicht? Hier ist das Gesicht, hier das Ärmchen“, wiederholte ich dann stets etwas ungeduldig.

 

Das mit der Geduld ist sowieso so eine Sache. Neun Monate sind doch viel länger als ich bisher gedacht hatte. Voller Spannung verfolgen wir die Entwicklung unseres Babys jede Woche. Was macht er für Fortschritte? Wie er jetzt wohl aussieht? Ob er gesund ist? Mit einem winzigen Punkt im Ultraschall hatte unsere vage Vorstellung von einem gemeinsamen Kind angefangen. Inzwischen sieht es aus wie ein richtiges Baby. Unser Baby. Und die Zeit bis zur Geburt vergeht jetzt nun doch richtig schnell. Das Kinderzimmer ist eingerichtet, der Geburtsvorbereitungskurs ist absolviert. Und auf welchen Namen wir unseren Sohn taufen lassen werden – darauf haben wir uns nach etwas Hin und Her auch einigen können. Wir sind bereit. Oder doch noch nicht? Letztens ertappte ich mich, als ich im Internet „To Do Listen“ gedanklich abhakte. Die Grundausstattung eines Babys umfasst u.a. zehn Bodys Größe 50/56. Erledigt. Zehn Strampler in unterschiedlichen Größen. Oh, da muss ich noch nachlegen. Und nicht zu vergessen einen Pucksack. Ein Pucksack? Was soll das denn sein? Schnell googeln. Aha. „Ahmt die Situation des Babys im Mutterleib nach, zur Beruhigung des Kindes.“ Dass ich da noch nichts von gehört habe?! Muss ja überaus wichtig sein. Schnell auf die „Noch-zu-kaufen-Liste“. Vielleicht brauche auch ich einen Pucksack für die letzten Wochen vor der Entbindung. Zur Beruhigung der werdenden Mutter. Das wäre doch mal etwas.

 

Immer öfter sprechen wir jetzt mit unserem Baby, nennen ihn beim Namen. Ob es uns wohl hört? Ob es unsere Stimmen kennt? Und weiß, wie lieb wir es jetzt schon haben? Die Tritte gegen die Bauchdecke werden immer stärker. Manchmal zeichnet sich sogar ein Füßchen ab. Und auch die Vorstellung unseres Lebens zu dritt ist nicht mehr so schemenhaft. Wir werden ein Team sein, wie bisher auch. Das haben wir uns versprochen. Nur mit einem Spieler mehr.

 

Papa Peter

Ab dem tollsten Moment in meinem Leben, als meine Frau mir sagte, dass sie schwanger ist, frage ich mich: Wie wird unser Kind wohl sein? Wird er die Eigenschaften der Mama haben oder doch eher meinen Charakter? Oder was noch besser wäre: Einfach eine Mischung aus uns beiden. Zum Glück aber haben wir darauf keinen Einfluss. Ich bin schon gut damit beschäftigt, die Informationsflut von Ärztin, Hebamme und dem lieben Internet zu sondieren.

 

Da muss man den Verstand schon ziemlich schärfen und auf die naturgegebenen Instinkte vertrauen, die einem gegeben wurden, um ein Kind glücklich aufzuziehen. Und die Ratschläge und Tipps der werdenden Omas und Opas sind sowieso besser als jedes Internetforum. Am meisten freue ich mich auf den Augenblick, wenn wir uns in die Augen schauen. Dann werden wir beide wissen, dass wir zusammen die Welt erkunden. Ich zeige ihm diese aus meiner Sicht und wie ich sehr hoffe, er sie mir aus seinen Augen.

 

Oma Susanne

Er sieht aus wie neu – der weiße Stubenwagen, in dem meine beiden Töchter ihre ersten Lebensmonate gelegen haben. 29 und 25 Jahre ist das her. Das Untergestell ist neu lackiert, der Bezug mit dem niedlichen Tiermotiv frisch gewaschen und akkurat aufgespannt. Ich warte. Das älteste meiner eigenen „Babys“ bekommt ein Baby. Ein bisschen Zeit habe ich gebraucht, um mich an den Gedanken zu gewöhnen. Oma – ich? Tatsächlich? Ich warte. Auf mein erstes Enkelkind, auf dieses kleine Bündel, das das Leben weiterdreht. Ich warte - bin aufgeregt und sehr glücklich in meinem schönsten Advent.

Opa Richard

Das Kinderzimmer habe ich schon gestrichen. Mit jedem Pinselstrich habe ich mir vorgestellt, wie es sein wird, wenn mein Enkel in diesem Zimmer und in diesem Haus aufwächst. Ein schönes Gefühl. Irgendwann hoffe ich, dass ich mein handwerkliches Wissen an ihn weitergeben kann. Dann werden wir vielleicht mal eine Wand zusammen streichen. Bis der Kleine „Dziadek“ sagen kann, wird es wohl noch etwas dauern. Das ist polnisch und heißt Opa. Und irgendwann – dann werde ich ihm auch unsere frühere Heimat, die Masuren, zeigen – damit er auch weiß, woher sein Opa kommt.

Von Anna Woznicki