„Wir sind Türöffnerinnen“Kardinal Rainer Maria Woelki ist mit dem Versprechen angetreten, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen.

Mit Petra Dierkes und Dr. Bernadette Schwarz-Boenneke hat er zwei Spitzenpositionen in der kirchlichen Verwaltung mit Frauen besetzt. AdventsZeit-Chefredakteur Robert Boecker sprach mit den beiden Hauptabteilungsleiterinnen nach den ersten Monaten im neuen Job.

 

Nervt es Sie, dass Sie immer wieder auf Ihre Rolle als Frau in Ihrer neuen Position angesprochen werden?

 

Dierkes: Nein, mich nervt das nicht. Die Frage nach Frauen in kirchlichen Leitungspositionen liefert häufig die Steilvorlage für ein sehr gutes Gespräch, nämlich dahingehend zu gucken, wo Frauen in Kirche und Gesellschaft Leitung wahrnehmen, wo sie schon Gutes bewirken und wo sie immer noch fehlen. Diese Frage bringt genau das zum Ausdruck, was das Besondere unserer Situation in Köln ist: Wir stehen am Anfang eines Prozesses, der mich ja hoffnungsfroh macht.

 

Schwarz-Boenneke: Mich nervt die Frage auch nicht. Sie macht mich vielmehr neugierig zu hören, wie die Menschen, mit denen ich im Gespräch bin, denken. In dieser Frage wird viel über das eigene Selbstverständnis von Rollenbildern von Mann und Frau, und auch über das jeweilige Leitungsverständnis deutlich. Ich bekomme in den Gesprächen viele positive Reaktionen besonders auch von Frauen, die sich darüber freuen, dass Frauen verstärkt die Möglichkeit erhalten, in Köln Kirche mitzugestalten.

 

In unserer Gesellschaft und insbesondere in unserer Kirche ist es leider noch nicht selbstverständlich, dass Frauen Leitungspositionen besetzen. Vor diesem Hintergrund waren Ihre beiden Ernennungen schon etwas Besonderes, oder nicht?

 

Dierkes: Weil das so ist, ist die Freude umso größer, dass wir beide jetzt hier mit unseren Aufgaben stehen. Das Seelsorgeamt zu leiten, auf einem Stuhl zu sitzen, der bislang immer von Priestern besetzt war, ist schon etwas Besonderes. Als Reaktion auf meine Ernennung haben mir viele Menschen geschrieben und ihre Freude zum Ausdruck gebracht. „Sie sind an der richtigen Stelle und wir freuen uns riesig auf die Zusammenarbeit. Sie werden Ihre Arbeit gut machen“, kam aus vielen Reaktionen heraus. Das macht Mut und gibt Kraft.

 

Schwarz-Boenneke: Da ist Neugier, da ist Zutrauen, da ist echtes Interesse und es ist ein Veränderungswunsch im positiven Sinne von „etwas neu gestalten“ spürbar.

 

Sehen Sie sich als Türöffner?

 

Dierkes: Auf jeden Fall - Türöffnerinnen!

 

Frau Dierkes, wie sind Ihre Erfahrungen der ersten Monate hinsichtlich Ihrer Akzeptanz innerhalb der kirchlichen Behörde? Haben Sie sich hier auf Anhieb wohlgefühlt?

 

Dierkes: Ich arbeite schon zehn Jahre hier im Haus. Natürlich haben sich die Rollen verändert. Aber es gab und gibt viel Entgegenkommen, viel Willkommen - manchmal sogar ein Aufatmen: Endlich! Endlich bist du da. Ich als Frau, aber noch mehr als Person. Ich hätte nicht als Quotenfrau diesen Job übernommen. Ich habe das Angebot des Erzbischofs zuallererst als Petra Dierkes angenommen.

 

Schwarz-Boenneke: Nirgendwo habe ich Vorbehalte gespürt. Ich fühle mich immer noch als Lehrling, und ich darf das auch sein - aber ich arbeite ohne Ende. Wenn ich dem Anspruch, mit dem ich gestartet bin, Menschen zu begegnen, Dialoge zu führen, meine Abteilungen kennenzulernen, jeden Tag gerecht werden will, ist es ganz, ganz viel Arbeit. Ein Satz von mir ist: „Kommunikation dauert“. Wichtig ist es mir auch immer wieder deutlich zu machen: Es geht nur im Team, es geht nur zusammen.

 

War die Tatsache, dass Frau Dierkes schon da ist, für Sie hilfreich?

 

Schwarz-Boenneke: Das ist total schön! Zu wissen und zu erfahren, dass Frau Dierkes sich auf die neue Kollegin freut, hat mir Schwung gegeben. Ihre Unterstützung und Begleitung hat mir das Ankommen ungemein erleichtert. Es ist so, wie Frau Dierkes gesagt hat: Ich nehme mir viel Zeit für Kommunikation, für Gespräche, um die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, kennenzulernen, um ihre Stärken zu erkennen, um zu wissen, wie sie arbeiten und wofür sie sich einsetzen. Ich habe sehr viele Fragen. Fragen ist für mich ein Steuerungs- und ein Leitungsinstrument. Vor allem aber möchte ich verstehen, was und wie es hier läuft, das ist mein Leitungskonzept. Ich trete nicht auf als Leitungskraft, die sagt: „So und so wird es gemacht“.

 

Dierkes: Als ich angefangen habe, habe ich allen einen Satz gesagt: „Hundert Tage Klappe halten“. Das ist mir nicht ganz gelungen, aber eigentlich ist es genau die Haltung. Hundert Tage gucken, wertschätzen, was da ist, einsortieren, verstehen, und dann da steuern, da behilflich sein, da was reingeben, da wieder was rausnehmen, wo es sinnvoll erscheint.

 

Warum ist es Ihnen wichtig, die Kirche mitgestalten zu können?

 

Dierkes: Weil die Kirche ja nun einmal zu 50% aus Männern und zu 50% aus Frauen besteht. Und die weibliche Perspektive in Entscheidungsprozesse miteinzubringen finde ich extrem wichtig. Schaue ich mir die Kirche an, dann sind es doch in der Überzahl die Frauen, die vor Ort die Kirche gestalten und tragen. Vor diesem Hintergrund ist es eigentlich überhaupt nicht mutig vom Kardinal, Frauen mit Leitungsaufgaben zu betrauen. Es ist vielmehr ein Sehen, was vorhanden ist und eine Übertragung der Realität auf eine andere Ebene bis in die Leitungsgremien hinein.

 

Schwarz-Boenneke: Es ist ein realistischer Blick auf Kirche, die sehr stark von Frauen getragen wird. Wir sprechen an dieser Stelle nur über uns beide, aber man könnte eigentlich in jede Gemeinde reingehen und dort die engagierten Getauften wahrnehmen, die Gemeindereferentinnen, die Pastoralreferentinnen, die Religionslehrerinnen, die tagtäglich Kirche sind und Kirche ein Gesicht geben, egal an welchem Ort. Wir machen diese Arbeit nur an einer exponierteren Stelle.

 

Wie wichtig ist ein gesundes Selbstbewusstsein für den Job?

 

Schwarz-Boenneke: Selbstbewusstsein heißt für mich, mich zu kennen mit meinen Stärken und Schwächen. Es heißt in der Lage zu sein, zu reflektieren, wo ich gerade stehe, und in diesem Sinne brauche und habe ich ein gutes Selbstbewusstsein.

 

Dierkes: Wichtig. Wir begegnen jeden Tag Menschen, die große Leitungsverantwortung tragen. Denen auf Augenhöhe zu begegnen, das finde ich wichtig. Sich da klein zu machen, bringt uns nicht weiter. Dies muss mit einem gesunden Selbstbewusstsein geschehen, das andere nicht an die Wand drückt und jeden Dialog oder jede lustvolle Kommunikation verunmöglicht.

 

Sie, Frau Schwarz-Boenneke, sind für mehr als 30 Schulen zuständig, Sie, Frau Dierkes, haben 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Ihrer Abteilung. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

 

Dierkes: Die zentrale Aufgabe besteht darin, diese vielen Menschen mit ihren Ressourcen und Begabungen immer im Blick zu haben und sie an den Stellen, wo es wichtig ist, einzubeziehen, sie mit reinzuholen und aus dieser Kraft, aus diesem Wissen, das in den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern steckt, zu arbeiten. Das zu gestalten ist eine große Herausforderung, aber ich fühle mich von den fünf Abteilungen, die ich habe, gestärkt. Ich bin immer das, was die fünf Abteilungen machen, das kann ich auch nicht ohne sie.

 

Schwarz-Boenneke: Wir haben die 32 erzbischöflichen Schulen mit all den dort Arbeitenden, den Kindern und ihren Eltern. Dazu kommen alle Religionslehrer und -lehrerinnen und unsere pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Schulen und den Hochschulen. Das ist eine riesengroße Menge an Menschen und persönlichen Geschicken. Für diese Menschen sind wir verantwortlich. Wir teilen uns diese Aufgabe: Jede Schule hat ihren Schulleiter, dann gibt es die Schulräte, die direkt mit der Schule in Kontakt stehen, und die Abteilungsleiter in der Hauptabteilung. Ich leite ein Team von Führungskräften und arbeite mit diesen zusammen. Ich weiß, wie gut sie alle ihre Arbeit machen, und das beruhigt und stärkt mich.

 

Wenn Sie einen Wunsch für Ihre Abteilung hätten, was würden Sie sich wünschen?

 

Dierkes: Dass wir dieses geistliche Wachsen, dieses Neugierigwerden im Glauben im Generalvikariat und in den Gemeinden spüren, damit in diesem Sinne etwas Neues hervorsprießen kann.

 

Schwarz-Boenneke: Glauben heißt für mich, dass ich die Zusage Gottes ernst nehme, annehme und lebe. Die Zusage ist ein schlichtes:  „Ja!“ Das heißt für mich, ja zur Welt, ja zu jedem Einzelnen von uns. Aus dieser unbedingten Zusage folgt für mich Ermutigung und Aufforderung zum Engagement für die Welt zugleich. Ich wünsche mir, dass wir in der Abteilung und in unseren Schulen dieses Zutrauen, diese Ermutigung und die daraus folgende Motivation lebendig sein lassen.