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Der Nobelpreisträger

  • 23.07.17 11:11
  • Martin Mölder
  •   Im Auftrag des Herrn

So richtig startet Kofi Annans Karriere innerhalb der UN erst im Jahr 1990 durch. Der damalige Generalsekretär Pérez de Cuéllar befördert ihn zum Controller der UN. In dieser Funktion hat er während der letzten Phase des Golfkrieges 1991 seine erste große Bewährungsprobe zu bestehen. Er muss 900 UN-Mitarbeiter aus der Krisenregion in Sicherheit bringen. Kofi Annan kommt mit allen heil wieder in den USA an und ist spätestens ab diesem Zeitpunkt ein bekannter Mann, auch außerhalb der Vereinten Nationen. Zwei Jahre danach wird er vom neuen Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali in die frisch gegründete Abteilung für Friedensoperationen berufen. Nun ist er vor allem für die Blauhelm-Einsätze verantwortlich, in einer Phase, in der die Einsätze der „Friedens-Soldaten“ förmlich explodieren. Von 1988 bis 1994 steigt die Zahl von fünf auf 17. Die Zahl der Blauhelm-Soldaten wächst von 10.000 auf über 70.000 und das Budget für diese Missionen muss von 230 Millionen auf rund vier Milliarden US-Dollar angehoben werden.

Dunkles Kapitel Ruanda

In diese Zeit füllt auch eines der Massaker, die in ihrer Grausamkeit alles, was bislang an Blutvergießen in Afrika bekannt war, in den Schatten stellen soll: Der Völkermord in Ruanda. Im Frühjahr des Jahres 1994 werden innerhalb von nur 100 Tagen mehr als 900.000 Menschen, überwiegend der Minderheit der Tutsi angehörend, grausam ermordet. Die Blauhelm-Soldaten der UN sind machtlos. Sie schauen zu oder weg und der Rest der Welt auch. Dabei gab es Vorwarnungen dieses Massakers. In einem, später als „Völkermord-Fax“ bekannt gewordenen Telegramm hat bereits drei Monate vor dem Blutbad der zuständige Kommandant der UN in Ruanda genau davor gewarnt. Dieses Fax hat auch Kofi Annan gelesen und es wie viele andere UN-Berater nicht ernst genommen. Kofi Annan macht sich bis heute Vorwürfe, damals entschuldigt er sich mit den Worten: „Im Namen der Vereinten Nationen gebe ich dieses Versagen zu und bereue zutiefst.“ Trotzdem geschieht gut ein Jahr danach der nächste Völkermord. Dieses Mal nicht in Afrika, sondern mitten in Europa. Im Sommer überrennen bosnische Serben die UN-Schutzzone Srebrenica und töten mehr als 8000 Muslime. Auch hier greifen die dort stationierten Blauhelm-Soldaten nicht ein. Das alles passiert vor der Amtszeit Kofi Annans als UN-Generalsekretär, aber dennoch fühlt er sich verantwortlich und schwört sich, zukünftig die Missionen der Blauhelme neu zu definieren.

Ein Neuanfang

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Am 13. Dezember sitzt Kofi Annans Frau, Nane Annan in einem Lokal in Manhattan und trinkt Kaffee mit einer Freundin, als ihr Handy klingelt. „Ihr Mann wurde soeben zum neuen Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt. Herzlichen Glückwunsch“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

Nane ist erfüllt von großem Stolz, aber sie weiß auch, dass sich ihr Leben und das ihres Mannes ab sofort radikal ändern wird. Der Umzug in die offizielle Residenz des Generalsekretärs am Sutton Place Nummer 3 ist da die geringste Umstellung. Dort verbringen Sie sowieso in den kommenden neun Jahren nicht viel Zeit, denn Kofi Annan macht jetzt das hauptberuflich, was er schon immer gerne gemacht hat: Reisen. Und das tut er so intensiv, wie keiner seiner Vorgänger. Kofi Annan will vor Ort erfahren, wo die Probleme liegen. Er will direkt kommunizieren mit Staatsoberhäuptern, Kirchenvertretern, aber auch der Bevölkerung und nicht zuletzt den Hilfsorganisationen und Nicht-Regierungs-Organisationen. Kofi Annan lebt sein Motto: „Statt die Dunkelheit zu verfluchen, zünde lieber eine Kerze an“. Er versucht viele Werte und Ideale seiner großen Vorbilder Mahatma Gandhi und Martin Luther King in seine Arbeit einfließen zu lassen. Er will Friedensstifter sein. Am 10. Dezember 2001 bekommt er in Oslo mit dem Friedensnobelpreis den Beweis dafür überreicht, dass ihm das gelungen ist.

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