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Impulse zur Barmherzigkeit

Barmherzigkeit - was können wir heute darunter verstehen? Wie lässt sich die Einladung dazu in den Alltag übertragen? - Die Aussagen von vielen, unterschiedlichen Menschen , bei denen wir nachgefragt haben, geben Impulse und Anregungen.

 

Norbert Bauer

Pastoralreferent, Pfarrei St. Gereon, Köln

 

"Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter würde heute um eine Fußnote ergänzt werden. Der Priester und der Levit müssten mit einer Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung rechnen. Dieser Paragraf zeigt, dass dem Gesetzgeber Appelle zur Barmherzigkeit nicht genügen. Eine Gesellschaft, eine Organisation, die sich nur auf Barmherzigkeit verlässt, droht unbarmherzig zu werden.

Zwei Beispiele:

Es ist großartig wie viele Menschen sich an den Lebensmitteltafeln engagieren und die Essensausgaben zu Orte der Barmherzigkeit werden. Es ist aber ein Skandal, dass in einem so reichen Land so viele Menschen auf die Barmherzigkeit der Supermärkte angewiesen sind, weil die gesetzliche vorgesehene Unterstützung offensichtlich für eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht reicht.

Es ist auch gut, dass Papst Franziskus von Homosexuellen einen respektvollen Ton anschlägt. Aber wenn er davon spricht, dass „wir sie mit Barmherzigkeit begleiten müssen“ verkennt er das Anliegen dieser Männer und Frauen. Denn zumindest die, die ich kenne, wollen keinen Barmherzigkeit, sondern Anerkennung.

Ich freue mich über das Jahr der Barmherzigkeit, denn es motiviert mich als Mensch meinem Nächsten barmherzig zu begegnen. Ich freue mich aber auch, wenn demnächst ein Jahr der Gerechtigkeit ausgerufen wird und den „Bedrückten“ nicht nur mit Barmherzigkeit begegnet wird, sondern ihnen „Recht verschaffen wird“ (Psalm 10)"

 

Karin Beier

Theaterregisseurin, bis 2013 Intendantin des Schauspiels Köln, seitdem Intendantin des Deutschen SchauSpielHauses Hamburg

 

„Barmherzigkeit“ klingt für mich nach einem unerfüllbaren Versprechen. Sie steht erstmal groß und ehrfürchtig im Raum, schon fast anmaßend und unerreichbar. Wer würde schon von sich behaupten wollen, „barmherzig“ zu sein oder „Barmherzigkeit“ empfangen zu haben?

Aber vielleicht tut ja so ein bisschen sprachliches Pathos unserem verklemmten Moralverständnis ganz gut: Man muss kein Heiliger sein, um sich nach einer barmherzigen Tat – zumindest für einen kurzen Augenblick – gut und befriedigt fühlen zu dürfen. Aber auch nicht jede Hilfestellung muss mit dem Prädikat „Barmherzigkeit“ ausgezeichnet werden.

Anerkennung ist ebenso wichtig wie die Selbstverständlichkeit der barmherzigen Tat. Sein Herz für die Not anderer öffnen: Das ist eigentlich nicht viel. Und gleichzeitig alles.“

Günter Berkenbrink

Diözesanbeauftragter für Gefängnisseelsorge und Gefängnisseelsorger in Wuppertal

 

„Ich frag ́ nicht: „Warum kommst Du in die Kirche?“ Wenn ich Einzelgespräche mit den Gefangenen führe, geht es ganz oft um Trost. Ich höre zu und teile oft auch Ohnmacht, und selbst bei Atheisten sitzt der liebe Gott bei uns immer mit am Tisch. Barmherzigkeit bedeutet für mich und meinen Bereich der Gefängnisseelsorge, dass ich jedem Menschen offen begegne und für ihn da bin unabhängig von seiner Geschichte und seiner Straftat.“

Angelika Berzdorf-Lenders

Angelika Berzdorf-Lenders, Vorstandsvorsitzende des SkF e.V. Köln

 

"Was sich zu Beginn dieses Jahres noch ein wenig wie ein Anachronismus anfühlte, füllte sich in den vergangenen Monaten immer mehr mit Leben.

 

Die Werke der Barmherzigkeit sind Mahnung und Aufforderung, die Menschen in unserem Umfeld nicht zu vergessen, uns zu öffnen für ihre Sorgen, Nöte und Verzweiflung und ihnen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu helfen. Werke der Barmherzigkeit sind Nächstenliebe und Eigenliebe zugleich.

 

Im Frühsommer und Sommer 2015 wurde erfahrbar, dass Barmherzigkeit und die barmherzigen Werke ganz selbstverständlich und ohne großes Aufheben gelebt werden können. Als Kinder, Jugendliche, Frauen, Familien, erschöpft von der Flucht und dem Leben in Camps vor unseren Grenzen standen, gab es nur wenig Abwehr ,aber noch viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.

Statt wie in den vergangenen Monaten und Jahren mussten wir nicht mehr hilflos zusehen, wie Menschen in überfüllten Booten die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer wagten und viel zu oft dabei starben. Wir mussten nicht mehr in verzweifelte, vor den Jahren gealterte Gesichter von Eltern blicken, die in den Flüchtlingscamps in Jordanien, Libyen oder in der Türkei versuchen,

sich und ihre Kinder durchzubringen – nur am Leben zu bleiben, an Schule, Beruf oder Zukunft

gar nicht zu denken.

Endlich konnten wir etwas tun: Ohne den Elan, die Kreativität und nie nachlassende Bereitschaft von Bürgerinnen und Bürgern jeden Alters, die weit mehr getan haben, als geflohenen Menschen ein herzliches Willkommen an den Bahnhöfen zu bereiten, wären die staatlichen Institutionen zusammen gebrochen.

Ehrenamtliche haben nicht nur Kleidung und Ausstattung für den Erstbedarf gesammelt, sondern viele begleiten als Patinnen und Paten Geflohene über lange Zeit und tragen so dazu bei, dass aus einer Willkommenskultur eine Integrationskultur wird.

 

Aber es geht und ging eben nicht nur um konkrete Nächstenliebe und Hilfe. Dieses Jahr hat – und das ist sicherlich auch im Sinne von Papst Franziskus – Menschen erneut politisiert.

Spätestens die sogenannten „Ereignisse“ der Silvesternacht, vor allem aber deren Kommentierungen in der Öffentlichkeit, haben offensichtlich werden lassen, wie tief gespalten unsere Gesellschaft ist.

Auf der einen Seite stehen rechte Populisten wie Vertreterinnen und Vertreter der AfD, die mit dem Schießbefehl an der deutschen Grenze und – in klassischer Blut- und Boden-Ideologie – vom „kultur- und raumfremden“ Menschen von sich reden machen, auf der anderen Seite stehen die, die sich bei allen Schwierigkeiten für Geflohene und andere Menschen in akuten und chronischen Notlagen engagieren.

Während sich die Sehnsucht der einen auf die scheinbar „heile Welt“ der Vergangenheit richtet, in denen man die Gesellschaft von Veränderungsprozessen möglichst frei halten sollte, haben die, die sich für ein offenes Deutschland und den Erhalt der europäischen Idee einsetzen, verstanden, dass Grenzen abstrakt sind, es sei denn, sie werden mit Zäunen und Waffen beschützt.

 

Barmherzigkeit bedeutet, nicht nur Solidarität mit und Gerechtigkeit für Menschen, die vor Kriegen und aus Diktaturen fliehen und demnächst vor den Folgen des Klimawandels fliehen werden, sondern auch mit denen, die heute hier arm, krank, einsam, sozial ausgegrenzt und perspektivlos sind."

 

Annelie Bracke

Leiterin der Telefonseelsorge Köln

 

„Barmherzigkeit ist ja eigentlich ein altmodisches Wort und es ist ein sehr großes Wort. Für mich hat Barmherzigkeit mit einem großen und weiten Herzen zu tun und mit einer Zuwendung, die nicht mitleidig ist, sondern hinschaut und hinhört, was der andere braucht. Ich empfinde es aber auch als barmherzig, wenn ich mich in meiner eigenen Menschlichkeit anderen zeigen kann und trotz eigener Grenzen immer an einen Gott glauben darf, dessen Liebe nicht an meinen Grenzen endet. Barmherzigkeit bedeutet für mich, dass es keinen verlorenen Ort gibt.“

Martin Börschel

Martin Börschel ist Miglied des Kölner Stadtrates und des Landtages von NRW. Er engagiert sich in der Kölner Gemeinde St.Ursula.

 

"Barmherzigkeit ist heute ein schwieriger Begriff. Er impliziert ein Ungleichgewicht oder hierarchisches Gefälle: Setzt er doch voraus, dass es jemanden gibt, der Barmherzigkeit gewährt – und jemanden, der Barmherzigkeit bedarf und sie gnädig erhält. Vielleicht wird deshalb eher selten von Barmherzigkeit gesprochen, besonders im zwischenmenschlichen Verhältnis. Man kennt zwar das „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ oder vom „barmherzigen Vater“ – doch damit hat es sich schon fast.

 

Wenn wir uns heute für Schwächere, Benachteiligte oder Bedürftige einsetzen, reden wir nicht von Barmherzigkeit, sondern von Gerechtigkeit und dem Recht auf Teilhabe. Trotzdem ist der Begriff geläufig – in seiner Umkehrung: Wenn jemand vorschnell verurteilt wird und ins Abseits gerät, kann der Presse oder der Öffentlichkeit der Vorwurf gemacht werden, unbarmherzig über die Person herzufallen und sie abzuurteilen. Ohne Gnade, ohne faire Möglichkeit, sich zu verteidigen, und ohne die Möglichkeit auf Rehabilitierung.

 

Barmherzigkeit braucht deshalb mehr Bedeutung. Ihre Idee erinnert uns an die eigene Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit. Nobody is perfect. Jeder ist mal auf andere angewiesen, auf ihre Hilfe, ihre Nachricht, ihre Unterstützung.  Wer das weiß und sich bewusst macht, kann mit sich selbst und anderen barmherziger umgehen. Und damit zu einer Gesellschaft beitragen, in der die Menschen rücksichtsvoller miteinander umgehen."

Stefan Ehrlich

Stefan Ehrlich, Stellv. Bundesvorsitzender der Gefängnisseelsorge und Pfarrer der JVA Köln, Diözesanpräses der Schützen

 

"Warum ist das Zusammenleben der Menschen eigentlich so schwierig? - Weil es schwierig ist, sich selbst sehen zu können, wie man ist und weil es schwerer ist, um Verzeihung zu bitten und sich so seine eigene Schuld vergeben zu lassen, als einem anderen Menschen zu verzeihen.

Das Gute, das wir Menschen tun wollen, tun wir oft nicht, und das Böse, das wir nicht wollen, tun wir dennoch – deswegen ist Versöhnung so schwer und so lebensnotwendig – und deswegen ist die Maßlosigkeit der Vergebung keine lebensfremde Übertreibung, sondern das zum Leben befreiende Geschenk der unverständlichen, maßlosen Nähe Gottes, die uns zur Liebe befreit, aus der heraus wir immer und immer wieder vergeben und deswegen versöhnt leben können. 

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.”

Menschen hinter Gittern haben Gesichter und diesen begegne ich in der JVA Köln täglich. Es sind Menschen, Frauen und Männer, Jugendliche und Lebensältere, die sich mit ihrem Leben auseinandersetzen, ich erlebe, wie aus dem Ringen mit der Schuld und der Verurteilung ein Weg zur Versöhnung und der Wunsch nach Vergebung entsteht."

 

Ulla Hahn

Schriftstellerin, in Monheim (Rheinland) geboren, lebt in Hamburg

 

Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude, so Paulus in seinem Brief an die Römer. Mit Freude! Was wären sie denn noch wert, die Werke der Barmherzigkeit, die leiblichen wie die seelischen, wenn wir sie ausübten mit zusammengebissenen Zähnen? Oder mit der besserwisserischen Herablassung der Besitzenden? Heute bewegt uns vor allem eines dieser Werke: Die Fremden beherbergen. Frei nach Paulus: Wer sich hilfsbedürftiger Menschen annimmt, tue es mit einem freundlichen Gesicht! Dass auch „Den Sünder zurechtweisen“ zu den Werken zählt, muss er dabei nicht vergessen.

 

Prof. Dr. Hans-Joachim Höhn

Prof. Dr. Hans-Joachim Höhn, Theologe, Uni Köln

 

"Ein schweres Foul gehört bestraft. Dem Schiedsrichter bleibt keine andere Wahl. Er zieht die rote Karte. Platzverweis! Aber nicht immer sind Regelverstoß und Strafmaß unumstritten. Manchmal sollte man auch Gnade vor Recht ergehen lassen. Manchmal führt die berechtigte Anwendung einer Vorschrift zu einer unbilligen Härte für den Betroffenen. Barmherzigkeit verhindert, dass mit Recht und Gesetz gnadenlos umgegangen wird. Aber sie erwartet auch, dass Recht gegen Unrecht gesprochen wird. Barmherzigkeit erlaubt weder pausenlos die Ausnahme von einer Regel noch lässt sich mit ihr die Ausnahme zum Regelfall erklären. Eine solche Praxis lässt eher die Frage aufkommen, wann endlich bessere, gerechtere Regeln aufgestellt werden.

 

Was Papst Franziskus beabsichtigte, als er ein „Jahr der Barmherzigkeit“ aufrief, drückt wohl am besten das lateinische Wort „misericordia“ aus: das Herz bei den Menschen haben, die in einer Misere stecken. Diese Miseren überwindet man nicht mit roter Karte und Platzverweis. Bisweilen sind sie sogar deren Folge. Das Unglück kommt selten allein. Unglückliche nicht allein zu lassen, ist ein Werk der Barmherzigkeit."

 

Hannah Kaufhold

Hannah Kaufhold ist in der Flüchtlingssozialarbeit, Caritasverband Rhein-Sieg e.V., Fachdienst Integration und Migration tätig.

 

"Die Bedeutung von Barmherzigkeit  mit Worten zu füllen ist nicht leicht, weil es sich dabei um eine Herzensangelegenheit handelt. Herzensangelegenheit stehen für Gefühl und Zwischenmenschlichkeit, für das „Innen“ und eigentlich nicht für das von außen Beschreibbare. Ganz allgemein bedeutet Barmherzigkeit für mich, in einer sehr schnelllebigen und leistungsorientierten Welt, die Verbundenheit mit „dem Anderen“ nicht zu verlieren. Ich verstehe Barmherzigkeit sowohl als eine Haltung als auch ein Handeln. Als Haltung ist Barmherzigkeit für mich eng mit Mitgefühl verbunden: Mit der Fähigkeit, über den Tellerrand der eigenen Situation hinauszugucken und mit dem Herzen beim Mitmenschen zu sein, bei dessen Gefühlen, Gedanken und Notlagen. Als Handeln geht es um aktive Hilfe, Engagement und Einsatz. Wenn ich einen Blick auf meine Erfahrungen im Bereich der Flüchtlingssozialarbeit in den letzten eineinhalb Jahren werfe, dann hat das riesige Engagement für Geflüchtete für mich gezeigt, wie wichtig es vielen Menschen ist, dass das Herz nicht verloren geht und wie hoch die Bereitschaft ist, auf unterschiedlichste Art und Weise zu helfen. Gerade der Bereich der Flüchtlingshilfe ist sicherlich auch ein Bereich, der sowohl Ehrenamtliche als auch Hauptamtliche teilweise an Grenzen des individuell Leistbaren stoßen lässt. Dann gilt es, nachsichtig (man könnte auch sagen: barmherzig) mit sich selbst zu sein. Entscheidend bleibt das Herz und die Wertschätzung, mit der wir Menschen begegnen."

 

Winfried Kelkel

Gefängnisseelsorger in Köln

 

"Im Gefängnis sehe ich, wie Menschen barmherzig mit anderen umgehen: dem neuen Mithäftling, der Kippen im Hof sammelt, eine Zigarette abgeben; mal tief Luft holen anstatt direkt loszuschlagen, wenn jemand einem Menschen zu nahe tritt; zusammen kochen mit einem, der sich einsam fühlt; das Leid sehen, das man anderen zugefügt hat … 

Barmherzigkeit heißt für mich persönlich, den Menschen in seiner Tiefe, in seiner Einmaligkeit zu sehen, zu verstehen und anzunehmen. Das gilt zunächst im Umgang mit mir selbst – und dann auch gegenüber anderen Menschen. Mich und andere so annehmen, wie man geworden ist. Nicht werten, nicht zwingen, nicht drängen - sondern Raum geben und sich an Gott orientieren. Mit dem Blick auf die Stärken die Lust wecken, sich weiter zu entwickeln."

 

Sybille Klings

Sybille Klings ist Geschäftsführerin von IN VIA, Köln, dem Kath. Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit e.V.

 

"Hat in einer modernen Gesellschaft, in der  die Risiken des Lebens, wie Alter, Krankheit und Behinderung, Pflegebedürftigkeit und Arbeitslosigkeit durch Sozialversicherungen und Gesetzte aufgefangen werden, in der die Wohlfahrtsverbände und Sozialverwaltungen für Notlagen kompetent und  zuständig sind, die Barmherzigkeit noch einen berechtigten Platz?

Beruht Barmherzigkeit auf der Erfahrung einer vergangenen Zeit, die für die Gegenwart keine Bedeutung mehr hat, und  unterliegt die Barmherzigkeit wie viele andere Werte und Werthaltungen nicht auch dem geschichtlichen Wandel?

In der täglichen Arbeit mit jungen Menschen spüren wir, dass wir mit Professionalität, pädagogischen Konzepten, rechtlichen Vorgaben und Rationalisierung an Grenzen stoßen. Der Sozialstaat kann den ganzen Menschen und seine seelische Lebenswelt nicht erreichen.

Barmherzigkeit setzt die Wahrnehmung des Menschen in seiner Ganzheitlichkeit voraus, nicht allein als Pflegebedürftiger, als  Drogenabhängiger, Schulversager, als Migrant. Barmherzigkeit ist nicht ausschließlich rational, sie erfasst intuitiv, begreift den ganzen Menschen in seinen Sorgen und Nöten, lässt sich von diesem Leid anrühren, betroffen machen.

Barmherzigkeit setzt eine offene Grundhaltung voraus, um den Mitmenschen überhaupt angemessen begegnen zu können, um ihre Lebenswirklichkeit, in denen sie des Rates, des Trostes, der Ermunterung, des verständnisvollen Wortes, mitunter auch nur des Zuhörens bedürfen, zu erspüren.  

Dabei rufe ich gerne die Texte von Martin Buber auf: In seinen Grundtexten zum dialogischen Denken geht es um die Begegnung, den Dialog zwischen dem Ich und dem anderen, zwischen dem Menschen und dem "ewigen Du", Gott, , das den Menschen erst zum Ich werden lässt und das sich in einem wirklichen Gespräch, in einer echten Begegnung im menschlichen Gegenüber, im menschlichen Du abbildet."

 

Tim Kurzbach

Tim Kurzbach, Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Köln und Oberbürgermeister der Stadt Solingen

 

"Als katholischer Christ sehe ich mein Amt als Berufung, weil ich mir sicher bin, dass Gott mir meine Talente gegeben hat, um sie für meine Mitmenschen und unsere Stadt einzusetzen.  Bei meinen zahlreichen Terminen frage ich mich, wo und in welchem Menschen Gott mir gerade begegnet.

In meinem Amtseid habe ich geschworen, gerecht gegen jedermann zu sein. Doch die Barmherzigkeit ist ja etwas, das nach meinem Dafürhalten über die Gerechtigkeit hinausgeht. Denn nicht alles lässt sich berechnen oder gar aufrechnen – und Gott handelt oft so ganz anders, als es auf unserer menschlichen Rechnung steht.

Nehmen wir nur das Gleichnis Jesu vom verlorenen Sohn: Dass dem verschwenderischen jüngeren Sohn seine Schuld erlassen wurde, empfand dessen älterer Bruder zu Recht als ungerecht. Zugleich aber hat sich der Vater der beiden als unendlich barmherzig erwiesen.

 

Der Anspruch, Recht walten zu lassen, aber auch Barmherzigkeit zu üben, ist ein Spannungsfeld, in dem ich mich als Oberbürgermeister täglich bewege. Deshalb ist es mir wichtig, immer den einzelnen Menschen im Blick zu haben. Und ich versuche, mir das barmherzige Handeln Jesu zum Vorbild zu nehmen und mich bzw. ihn zu fragen, was er in dieser oder jener Situation tun würde. Oft genug habe ich erlebt, dass er dann auch antwortet.

 

Ohne das tägliche Gebet und ohne zu spüren, dass auch andere Menschen für mich beten, könnte ich mein Amt als Oberbürgermeister nicht meistern. Die Botschaft Jesu und sein Evangelium der Liebe zu den Menschen sind das inhaltliche Fundament für mich persönlich."

 

Hannelore Kraft

Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen

 

"Barmherzigkeit – dieses Wort mag heute altmodisch klingen. Für mich meint es vor allem christliche Nächstenliebe und gelebte Menschlichkeit. In anderen Worten: Barmherzig zu sein heißt, nicht nur ein Herz zu haben, sondern Herz zu zeigen."

 

Armin Laschet

Armin Laschet, Aachen, Vorsitzender der CDU - Landespartei, Vorstandsmitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken

 

"„Gerechtigkeit erhöht ein Volk“, heißt es im Alten Testament. Wenn wir Barmherzigkeit leben, macht das die Welt gerechter und menschlicher. Unsere Gesellschaft hält zusammen, wenn wir fähig bleiben zur Barmherzigkeit. Wo jeder nur auf seinem Recht, seinem Anspruch, seinem Standpunkt beharrt, herrschen Engstirnigkeit und Rechthaberei. In einer solchen Gesellschaft machen sich die Menschen klein. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der die Menschen zu wahrer Größe fähig sind. Dafür lohnt es sich zu kämpfen."

 

Christian Linker

Schriftsteller, Theologe viele Jahre in der Katholischen Jugenarbeit aktiv

 

„Gibt’s keinen Senf?, fragte mich der Penner vorm ALDI. Er hatte mich angeschnorrt – hab Hunger, hamse was Kleingeld? – und ich hatte ihm Brot und Würstchen gekauft, statt Münzen in seinen Becher zu werfen. Wie anmaßend von ihm!

Erst später verstand ich: Der Anmaßende war ich. Ich hatte paternalistisch gehandelt, aber nicht barmherzig. Er konnte doch auch Veganer sein? Wohl nicht. Aber Barmherzigkeit hätte vielleicht damit begonnen, mich für diesen Menschen überhaupt erst einmal zu interessieren …“

 

Silvia Löhrmann

Ministerin für Schule und Weiterbildung und stellv. Ministerpräsidentin des Landes NRW

 

Wahrhaft barmherzig handelt der Mensch, der mit offenen Augen dem Leid, der Not und der Ungerechtigkeit in der Welt begegnet, dabei seine eigenen Bedürfnisse und Bewertungen im Moment des barmherzigen Tuns vergisst und sich ganz auf das Gegenüber einlässt. Wahre Barmherzigkeit kommt aus der Tiefe des Herzens und der Seele.

 

Michael Meichsner

Koordinator der Notfallseelsorger in Köln

 

„Wo Seelsorge draufsteht, muss auch Seelsorge drin sein. Und in der Arbeit als Notfallseelsorger ist das besonders wichtig, denn Tod und Trauer sind unsere ständigen Begleiter. Die Arbeit mit trauernden Angehörigen ist für mich ein wesentlicher seelsorglicher Dienst, denn Gott nimmt nicht Leben weg, sondern Gott nimmt Leben auf. Da tätig und hilfreich zu sein, wo Menschen der Hilfe und Unterstützung bedürfen, die sie sich selbst nicht mehr geben können, das ist für mich Barmherzigkeit.“

 

Maysaa Najeeb

Referentin für Deutsch-Sprachkurse beim Katholischen Bildungswerk Bonn

 

„Barmherzigkeit reduziert sich aber nicht auf die Beziehung zwischen Reichen und Armen oder Gesunden und Kranken, sondern ist ein Merkmal der Kommunikation und des Zusammenlebens insgesamt. So nehmen die sieben „geistigen“ Werke der Barmherzigkeit all jene in den Blick, denen etwas in der Seele weh tut. Beide „Listen“ spielen in einem Jahr der Barmherzigkeit eine herausragende Rolle, weshalb der Papst sie ausdrücklich zitiert.
Gerade im Fall der Flüchtlinge ist das Wort „Barmherzigkeit“ eine wahrhaftige Herausforderung – jeden Tag. Mir ist es egal, ob sie Muslime oder Christen sind, aus Syrien, Irak oder Eritrea kommen. Sie alle sind Menschen, unsere Brüder und Schwestern.

Ein Mensch, der viel erlitten hat, der sein Heimatland verlassen musste und nicht mehr zurückkann, der seine Familie zurücklassen musste – dieser Mensch braucht unsere Hilfe, unsere Barmherzigkeit. Dann erfüllen wir den Auftrag Gottes.“

 

Rupert Neudeck

Journalist, Mitgründer des Cap Anamur/ Deutsche Notärzte e.V.

 

Nicht die Macht, nicht die Gewalt, nicht die Zuständigen regeln unser Miteinanderleben, sondern die Barmherzigkeit.- Dieses wunderschöne Wort hat das Herz im Mittelpunkt des Wortes.Und der große französische Theologe Blaise Pascal hat im hohen Mittelalter etwas geschrieben, das heute auch gelten sollte:< Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt.> - Wenn wir uns nach diesem christlichen Auftrag ausrichten, ist mir um die Menschheit nicht bange. Mehr BARM-HERZIG-KEIT. Bitte.“

 

Jochen Ott

Jochen Ott ist Kommunalpolitiker in Köln und als Landtagsabgeordneter in Düsseldorf tätig

 

""Barmherzigkeit" verbindet für mich Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gnade.

Oft ist es sehr schwierig barmherzig zu sein, sowohl im Miteinander vor Ort, in der Auseinandersetzung zwischen den Staaten und auch im Umgang mit der Flüchtlingskrise bei uns und in Europa in diesen Tagen.

Aber ohne Barmherzigkeit wäre diese Welt ein Stück hoffnungsloser und ohne Chance zum Neuanfang. Für mich sind Barmherzigkeit und Solidarität einer der Grundpfeiler unserer Demokratie."

 

Peter Otten

Peter Otten ist katholischer Theologe und arbeitet als Pastoralreferent in St. Agnes. Er schreibt Bücher und betreibt den blog www.theosalon.de.

 

„Ich finde, derzeit wird entschieden zu viel über Barmherzigkeit geredet. Gott ist barmherzig, sicher. Aber will er nicht auch Gerechtigkeit?  Die Haltung der Barmherzigkeit darf nicht dazu führen, dass Christinnen und Christen vor ungerechten Verhältnissen verstummen. Also sprechen wir auch wieder über Gerechtigkeit. Barmherzigkeit steht  immer in der Gefahr, paternalistisch zu sein, denn hier gibt immer Geber und Empfänger. Barmherzigkeit ist allerdings da nötig, wo es keine Alternative gibt. Was das ist zeigen die leiblichen Gaben der Barmherzigkeit: es gibt keine Alternative dazu, einen Kranken zu besuchen oder einen Toten ordentlich zu bestatten und die Angehörigen verlässlich zu trösten. Barmherzig ist auch, es nicht immer alles besser wissen zu wollen. Wenn jemand sein Vertrauen in sich, in seine Mitmenschen, in Gott verloren hat, dann kann es ein Zeichen von Barmherzigkeit sein, das als Christin oder Christ in Solidarität schlicht mitzutragen. Die Mutter Jesu und der Lieblingsjünger am Kreuz, die handeln so. Vielleicht ist das die äußerste Form von Barmherzigkeit, die möglich ist.“

 

Schwester Praxedis

Generaloberin der Neusser Augustinerinnen

 

„Barmherzigkeit zeigt sich in meiner Arbeit zum Beispiel konkret darin, dass wir unseren Gästen die Möglichkeiten der Schmerztherapie anbieten. Wenn ich mir die Situation der Sterbenden in manchen Krankenhäusern anschaue, dann würde ich es als “barmherzig” ansehen, dass Schwerkranke besser in einem Hospiz in ihren letzten Tagen und Wochen begleitet werden sollten.“

 

 

Henriette Reker

Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln

 

„Barmherzigkeit ist der Gegenpol zu den erschreckenden Entwicklungen unserer Zeit: ideologische Engstirnigkeit, die Suche nach dem eigenen Vorteil, Profitstreben, religiöser Fanatismus mit menschenverachtenden Auswirkungen. Barmherzigkeit ist mehr als situationsbedingtes Mitleid, es ist eine Haltung, die Mitmenschlichkeit mit Großzügigkeit verbindet ohne Egoismus und Vorteilsstreben. Barmherzigkeit verzeiht Fehler und schafft die Chance für einen neuen Anfang.“

 

 

Corinna Rindle

Corinna Rindle, Leiterin der Kölner Bahnhofsmission

 

""Barmherzigkeit" ist für mich ein eher "schwergängiger" Begriff. Gott ist barmherzig. Für mich als irdisches Wesen ist das Streben nach sozialer Gerechtigkeit das, was der Barmherzigkeit am nächsten kommt.

 

Bahnhofsmissionen als Orte der Hilfe und des Schutzes leisten ihren Beitrag dazu, dass Menschen ihr Leben selbstbestimmt und würdevoll gestalten können - unabhängig von Geschlecht, Alter, Konfession, Nationalität und sozialem Status. Ehrenamtliche schenken ihre Zeit, ihr Ohr und ihre Motivation einem "fremden" Gegenüber. Barmherzig...

 

Entsetzt denke ich an aktuelle politische Strömungen und Parteiprogramme. Diese sind zum Teil weit - sehr weit - entfernt von allem, was soziale Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Humanität ausmacht. Und damit diametral entgegen den zentralen Pfeilern, die für Christentum stehen."

 

 

Prof. Dr. Thomas Sternberg

Prof. Dr. Thomas Sternberg, Landtagsabgeordneter, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

 

"Die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes ist ein großes Versprechen: Gottes bedingungslose Zuwendung zu den Menschen.

 

Wenn sich der barmherzige Gott uns zuwendet, muss die Antwort darauf sein, dass wir uns unseren Mitmenschen zuwenden. Das heißt, die Menschenwürde jedes Einzelnen ohne Ansehen von Leistung zu achten. Das ist ein großes Thema, wenn es um den Lebensschutz vor allem am Anfang und Ende des Lebens geht, aber auch bei der Wertschätzung von Menschen mit Beeinträchtigungen.

 

Der Samariter ist ein gutes Beispiel für die konkrete Hilfe mit persönlichem Einsatz. Da übernimmt jemand Verantwortung: er packt selbst mit an, macht sich „die Finger schmutzig“, er organisiert eine wirkungsvolle Pflege und Therapie und er übernimmt auch noch die Kosten. Das alles ist eine Reaktion auf das persönliche Empfinden das Mitleid. Er ändert die Perspektive und fragt nicht zuerst, was ist für mich gut, sondern was braucht der Andere."

 

Martina Sturm-May

Martina Sturm-May ist in Remscheid als Geschäftsführerin des SKF tätig

 

"„Die Barmherzigkeit ist eine Eigenschaft des menschlichen Charakters. Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an,“ so beschreibt Wikipedia die Barmherzigkeit.

Wenn es wirklich eine menschliche Eigenschaft ist, dann ist heute viel davon verloren gegangen. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Eigenschaft wieder mehr in unsere Mitte holen, und dieses verstaubte Wort mit neuem Leben füllen. Darauf müssen auch wir Christen uns immer besinnen und die Barmherzigkeit, die uns durch die unendliche Liebe Gottes zuteil wird an unsere Mitmenschen weitergeben, dass heißt ihnen mit Respekt und Empathie zu begegnen und Verständnis dafür zu haben, dass es unterschiedliche Lebensentwürfe und Kulturen gibt, und trotzdem jeder Mensch gleich viel wert ist."

 

Dr. Götz Schmedes

Dr. Götz Schmedes arbeitet als Dramaturg und Redakteur in der WDR-Redaktion "Fernsehfilm, Kino und Serie"

 

"Barmherzigkeit ist für mich als Begriff überkommen. Das Wort, das ich selbst kaum nutzte, wird von einer gewissen Patina umgeben. Von der Aura einer gefühlt lange vergangenen Zeit. Barmherzigkeit: Für mich ein Anachronismus. Als Begriff. 
 
Als Haltung ist sie alles andere als überkommen. Vielmehr sollte jeder jederzeit zu Barmherzigkeit bereit sein - heute mehr denn je. Barmherzigkeit ist nichts, was einem widerfährt. Barmherzigem Verhalten geht immer eine Entscheidung voraus. Eine Entscheidung für ein Erbarmen - oder eben für das Gegenteil. Was uns oft daran hindert, uns für ersteres zu entscheiden, ist die Unfähigkeit, sich in die Perspektive des Anderen zu versetzen, dessen Motive zu erkennen und anzuerkennen. 
 
Als Haltung findet Barmherzigkeit in meinem Leben womöglich häufiger statt, als ich mir dessen bewusst bin. Das Wort befremdet mich. Nicht das Ereignis. Hilfsbereitschaft, Solidarität, Nachsicht, Uneigennützigkeit - alles Facetten barmherzigen Verhaltens. Wer es lebt, tut dies trotz des augenscheinlichen Dilemmas der Barmherzigkeit: Ist jemand barmherzig, wird ihm das nicht immer gedankt und wertgeschätzt, sondern gern ausgenutzt. Ist jemand aber unbarmherzig, setzt er sich dem Vorwurf der Kälte und Härte aus. So ist die alltägliche Unbarmherzigkeit vielleicht bloßer Selbstschutz, um diesem Dilemma zu entkommen. 
 
Bei kaum einem Thema wird dieses Dilemma augenfälliger als in der gegenwärtigen Flüchtlingsfrage. Fraglos ist es ein Gebot der Stunde, Menschen, die zu uns kommen, in ihrer Not zu helfen. Und dies trotz der berechtigten Sorge davor, dass diese Hilfe mit erheblichen sozialen Veränderungen einher geht, die nicht immer nur eine positive Erweiterung kultureller Horizonte sind. Dies - welch Binsenweisheit - ist nicht nur eine Herausforderung an unsere Politik. Hier ist Barmherzigkeit von uns allen gefordert - als Haltung und gern auch als Begriff."

 

 

Matthias Schnegg

Diözesancaritaspfarrer des Erzbistums Köln

 

Barmherzigkeit ist mehr als Helfen. Es ist Leben teilen, wenn auch nur in Ausschnitten. Als barmherzig erlebe ich, wenn ich solche Erfahrung der Menschseinsliebe in Begegnung machen darf.

 

Detlef Tappen

Detlef Tappen, Regionalreferent in der Gemeindepastoral im Kreisdekanat Mettmann

 

"Barmherzigkeit ist nicht- Barmherzigkeit wird

 

Bei einem Abend in einer Pfarrgemeinde zum Jahr der Barmherzigkeit kam, wie wahrscheinlich oft, die Frage auf: „Jetzt sagen Sie  mir doch mal, wie das denn konkret im Alltag aussehen soll mit der Barmherzigkeit!“ Es ist eine Verlockung, dem in einer Antwort dann doch auszuweichen und auf die „Sieben Werke der Barmherzigkeit“, der leiblichen, der seelischen oder auch der Aktualisierung von Bischof Wanke zu verweisen.  Denn, ich bin der Überzeugung, dass es sich nicht „definieren“, nicht abgrenzen, schon gar nicht von außen bestimmen lässt, wie Barmherzigkeit zu leben ist.

Das für sich zu klären, ist Aufgabe der Unterscheidung der Geister und das zu leben, erfordert Wachheit und Engagement, sich anblicken zu lassen, von der und dem, der mir begegnet: Der Blick des Anderen macht mich zu seinem Nächsten und fordert mich heraus zu handeln- menschlich, geschwisterlich, barmherzig oder eben nicht!"

 

Margret Weiser

Margret Weiser, Dipl. Sozialarbeiterin, Lt. Sozialer Dienst im Caritas Altenzentrum Sebastianusstift Hürth-Gleuel, Begleiterin in der Seelsorge

 

"Barmherzigkeit…

 

Die an Demenz erkrankte Frau R.  war früher Geschäftsfrau und kam jeden Tag an die Rezeption, des Seniorenzentrums, um „ ihr Geld abzuheben“.  Alles, was sie bekam,  verteilte sie im Laufe des Tages an jeden, der nett zu ihr war, vom Zivi über die Pflegekräfte bis zum Hausmeister, die natürlich alle die Annahme verweigerten, was Frau R. traurig machte und ständig zu Missverständnissen führte.

 

Nach kurzer Zeit entstand die Idee, Frau R. täglich 10 markierte 5-Euro-Scheine auszuzahlen, die von den beschenkten Mitarbeitern immer wieder an die Rezeption zurück gegeben wurden, so dass sie im ständigen Umlauf waren. Frau R. war wieder die wohlhabende Geschäftsfrau und strahlte in ihrer Großzügigkeit, aber auch die Mitarbeiter freuten sich über die Geschenke, obwohl sie sie wieder abgeben mussten.  Es ging nicht um den Wert des Geldes, sondern den Wert der Zuwendung.

 

Überall  wo Menschen sich etwas einfallen lassen, um andere zu beglücken (Phantasie als neuer Name für Liebe, Dorothee Sölle), überall wo nicht das Recht-Haben im Vordergrund steht, sondern Gnade vor Recht ergeht, da ist für mich Barmherzigkeit und die spürbare Gegenwart Gottes."