Verehren Christen und Muslime denselben Gott?
Auf diese Frage mit einem einfachen Ja oder Nein zu antworten wird der Sichtweise der katholischen Kirche nicht gerecht. In der Konzilserklärung "Lumen Gentium" heißt es über die Muslime, dass sie „mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird“ (LG 16). Christen und Muslime, die sich mit ehrlichem Herzen an Gott wenden, richten ihre Gebete und ihre Lebenssehnsucht auf den einen Gott. Aber ist dieser Gott auch derselbe Gott?
In der Generalaudienz am 5. Mai 1999 beantwortete Papst Johannes Paul II. diese Frage, indem er bekräftigte, was er bereits früher betont hatte: „Ich möchte heute wiederholen, was ich vor einigen Jahren zur muslimischen Jugend in Casablanca gesagt habe: »Wir glauben an denselben Gott, den einzigen, den lebendigen, den Gott, der die Welten schafft und seine Geschöpfe zur Vollendung führt« (Ansprache bei der Begegnung mit der muslimischen Jugend im Sportstadion in Casablanca, Marokko, am 20. August 1985).“ Doch auch wenn Christen und Muslime (auf den jüdischen Glauben wird in diesem Kontext nicht eingegangen) an den ein und denselben Gott glauben, so sind doch ihre Vorstellungen und ihr Verständnis dieses Gottes wesensmäßig unterschiedlich. Und das betonte der Papst in der gleichen Generalaudienz, indem er fortfuhr: “Wir wissen im Licht der vollen Offenbarung in Christus, dass diese geheimnisvolle Einzigkeit nicht auf eine numerische Einzahl zurückgeführt werden kann.
Das christliche Geheimnis lässt uns in der Wesens-Einheit Gottes die Person des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes betrachten: jede im Besitz der ganzen und unteilbaren göttlichen Substanz, doch die eine von der anderen aufgrund der gegenseitigen Beziehung unterschieden.“
Also muss die Antwort auf die gestellte Frage lauten: Ja, wir glauben mit den Muslimen an den einen Gott, den wir Christen allerdings durch die Offenbarung Christi als den trinitarischen (dreifaltigen) Gott wissen. Gott ist wesensmäßig drei-einig. Diese differenzierte Sichtweise verhindert relativistisches Denken - „Wir glauben eh alle an den einen Gott“ - ebenso wie die völlig abgrenzende Aussage „Christen und Muslime glauben an verschiedene Gottheiten“.
Was folgt daraus für die Frage des gemeinsamen Betens? Das gemeinsame Gebet setzt einen gemeinsamen Adressaten des Gebetes voraus. Muslime werden im Gebet nicht von ihrem Verständnis abweichen können und wollen, Christen nicht von dem ihnen eigenen Glauben an den dreifaltigen Gott. Christliches Beten ist immer trinitarisch, d.h. vom Glauben an den dreifaltigen Gott geprägt, da es sich – ausgesprochen oder nicht ausgesprochen – im Heiligen Geist durch Christus an den Vater richtet. Setzt man diese Sichtweise voraus, ist ein gemeinsames Gebet von Muslimen und Christen nicht möglich, oder allenfalls unter den Bedingungen, die seinerzeit Joseph Kardinal Ratzinger nannte (vgl. Literaturhinweis): nicht als Normalfall, sondern nur als "Zeichen in außergewöhnlichen Situationen", und im vollen Bewusstsein aller, dass zwischen den Religionen "der Unterschied nicht bloß den Bereich der wechselnden Bilder und Begriffsgestalten, sondern die Letztentscheidungen selbst berührt" (S. 88). Zu dieser Frage gibt es klare Aussagen der Bischofskonferenz (siehe Literaturhinweis), die auch von vielen muslimischen Gelehrten getragen werden, dass nämlich ein gemeinsames Gebet nicht möglich ist.
Möglich ist ein „multireligiöses Gebet“ oder eine „multireligiöse Feier“. Bei einer multireligiösen Feier beten die Gläubigen „im Angesicht des Anderen“ in ihrer jeweiligen Tradition, sie beten im gleichen Anliegen (um Frieden oder bei einem Trauerfall), aber je auf ihre Weise. Während Muslime sich im Gebet an Gott richten, wohnen Christen diesem Gebet andächtig und still bei und umgekehrt. Um allen Missverständnissen entgegenzuwirken, muss deutlich gesagt werden, dass weder in Assisi 1986 und 2002 ein gemeinsames Gebet stattgefunden hat, noch Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in der „Blauen Moschee“ im Oktober 2006 mit dem Imam gemeinsam gebetet hat. Auf jeden Fall vermieden werden muss bei multireligiösen Feiern eine Instrumentalisierung des Gebetes und ein Relativismus. Allen Beteiligten muss klar sein, in welchem Sinne das Gebetstreffen stattfindet.
Werner Höbsch
Literatur:
Joseph Kardinal Ratzinger, Glaube, Wahrheit, Toleranz – Das Christentum und die Weltreligionen, Freiburg 2003, S. 87 –90 („Multireligiöses und interreligiöses Gebet“)
Deutsche Bischofskonferenz, Leitlinien für multireligiöse Feiern von Christen, Juden und Muslimen, 25. Januar 2003 (Arbeitshilfen 170)
Der Autor ist Leiter des Referats für Interreligiösen Dialog des Erzbistums Köln
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