ERZBISTUM KÖLN               

"Aufrichtiger, ehrlicher Dialog"

In einem Interview mit der Pressestelle des Erzbistums Köln skizzierte Werner Höbsch, Leiter des Referats für Interreligiösen Dialog des Erzbistums Köln, den Stand des Verhältnisses zwischen Christen und Muslimen. Das Interview hat den Wortlaut:


Frage: Papst Benedikt XVI. hat auf seiner Reise in die Türkei mehrfach seinen Respekt vor dem Islam bekundet und nachdrücklich zum Dialog aufgerufen. Wird dadurch auch der christlich-islamische Dialog in Deutschland gestärkt?

Höbsch: Auf jeden Fall. Die deutlichen, klaren Aussagen zum Dialog und der Respekt vor dem Glauben der Muslime, der im Besuch der „Blauen Moschee“ zum Ausdruck kommt, unterstreichen unmissverständlich: Die katholische Kirche und auch dieser Papst wollen den Dialog. Das war schon vor dem Besuch die klare Haltung des Papstes, aber vielleicht nicht allen so klar. Wer vielleicht bisher dem Dialog ablehnend gegenüber stand, kann sich in seiner Haltung nicht auf den Papst berufen.

Frage: Setzt Papst Benedikt im Dialog andere Akzente als sein Vorgänger?

Höbsch: Zunächst einmal muss die Kontinuität in der Haltung der katholischen Kirche zum interreligiösen Dialog betont werden. Papst Johannes Paul II. war der interreligiöse Dialog ein Herzensanliegen, er hat in den vielen persönlichen Begegnungen mit Vertretern anderer Religionen wie auch in seinen Ansprachen und Verlautbarungen ermutigende Impulse gegeben. Papst Benedikt liegt auf der gleichen Linie wie sein Vorgänger. Von einem Richtungswechsel oder gar einem Bruch zu sprechen, ist völlig verfehlt. Papst Benedikt setzt vielleicht einen anderen Akzent. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, dass der Dialog auch in der theologischen Tiefe geführt wird und nicht an der Oberfläche bleibt.

Frage: Papst Benedikt XVI. verlangt nachdrücklich, dass der Dialog aufrichtig, ehrlich geführt werde und die Frage nach der Wahrheit nicht ausklammern darf. Ist das ein neuer Akzent im Dialog?

Höbsch: Der interreligiöse Dialog der katholischen Kirche, wie er im Zweiten Vatikanischen Konzil grundgelegt und in den nachfolgenden Dokumenten entfaltet wurde, hat niemals die Wahrheitsfrage ausgeklammert. Dialog und Verkündigung gehören zusammen und das eine wird nicht durch das andere ersetzt oder gar aufgehoben. Papst Benedikt ist die vernunftmäßige Durchdringung des Glaubens auch im Dialog ein wichtiges Anliegen. Um die Wahrheit muss auch gerungen und gestritten werden.

Frage: Was bedeutet das für die Praxis des Dialogs? Sind das nicht hehre Anliegen, die aber vom Islam völlig anders gesehen werden?

Höbsch: In der Praxis wird nicht bei jeder Begegnung einer christlichen Gemeinde mit einer Moscheegemeinde über theologische Fachfragen gesprochen. Hier steht das gegenseitige Kennenlernen im Vordergrund. Allerdings ist es wichtig, dass Christen auskunftsfähig sind, wenn sie nach ihrem Glauben gefragt werden. Ebenso ist es den Muslimen, denen ich im Dialog begegne, ein Anliegen, Rechenschaft über ihren Glauben abzulegen und vernunftgemäß zu argumentieren.
Auch zeigt sich in der Praxis, dass bisherige Einseitigkeiten im Dialog zunehmend überwunden werden. Haben bislang meist Christen Muslime besucht, erfolgen jetzt des öfteren auch Besuche von Muslimen in Kirchen.

Frage: Dem Dialog wird mitunter vorgeworfen, er führe zu einer Verwischung von Unterschieden im Glauben, etwa in dem Sinne, dass „doch alle an den gleichen Gott glauben“ und daher gleichgültig sei, welcher Religion der Einzelne angehöre.

Höbsch: Diese Ansichten gibt es sicherlich innerhalb und außerhalb der Kirche. Die pluralistische Religionstheologie fördert diese Tendenzen. Der interreligiöse Dialog, wie ich ihn erfahre, richtet sich ausdrücklich gegen religiöse Gleichmacherei und jede Form des Synkretismus. Juden, Muslime und ebenso die Christen im Dialog haben kein Interesse an eine Verschmelzung der Religionen. Ein solcher Versuch wäre das Ende des Dialoges. Im Dialog wird einerseits das Gemeinsame entdeckt und hervorgehoben, aber gleichzeitig das Unterscheidende benannt und respektiert. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass der praktizierte interreligiöse Dialog ein wirksamer Schutz gegen religiöse Vereinnahmung und Gleichmacherei darstellt.

Frage: Papst Benedikt hat auf seiner Türkeireise eine Botschaft des Friedens ausgesandt. Kann der interreligiöse Dialog diesen Frieden verwirklichen oder sind nicht vielmehr die Religionen die Ursache für den Unfrieden?

Höbsch: Nicht die Religionen sind Ursache für Hass und Gewalt, sondern Ungerechtigkeit, Demütigungen, Unterdrückung im nationalen wie internationalen Bereich. In diesen Konfliktsituationen kann die Religion leicht instrumentalisiert werden, um weiter zu polarisieren und ein eindeutiges Freund-Feindschema aufzubauen. Dies geschieht heute leider sehr häufig in islamischen Ländern. Die Verantwortlichen der Religionen müssen dem entgegenwirken und unmissverständlich Hass, Gewalt und Terror im Namen der Religion verurteilen. Der interreligiöse Dialog muss seine Grenzen kennen, er ist kein politisches Instrument zur Lösung aller Konflikte und nicht in der Lage, alle sozialen Probleme zu lösen. Wohl kann er zu gegenseitigem Respekt erziehen und ein Bewusstsein für die Verantwortung zu einem friedlichen Handeln legen.

Frage: Mit Blick auf die Situation christlicher Minderheiten in islamischen Ländern kann der Eindruck entstehen, der christlich-islamische Dialog in Deutschland ist ein Luxus, der nur hier gilt.

Höbsch: Der christlich-islamische Dialog ist keineswegs ein Luxus, sondern eine dringende Notwendigkeit in einer Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft und religiöser Beheimatung Tür an Tür leben. Der interreligiöse Dialog baut Brücken, stiftet Beziehungen und leitet zu gegenseitigem Respekt an. Eine wesentliche Vorrausetzung des Dialoges ist die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen. Zu dieser Würde gehört auch die Religionsfreiheit. Daher ist ein wichtiges Anliegen des Dialoges - und dies fordert der Papst immer wieder ein – die Religionsfreiheit.

Frage: Was ist Ihr persönlicher Wunsch im Dialog?

Höbsch: Mein Wunsch ist, dass es uns durch den Dialog gelingt, eine Koalition über Religionsgrenzen hinweg zu bilden, die sich im Kleinen wie im Großen für Frieden, Gerechtigkeit und die Freiheit des Menschen, selbstverständlich auch für die Religionsfreiheit, einsetzt, dass der Dialog bei allen notwendigen Gesprächen seine Früchte im Handeln zeigt.
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