Nichts für Hungerkünstler - Fasten: Heilsam in jeder Beziehung
„Wie, du willst eine Woche lang gar nichts essen? Überhaupt nichts? Freiwillig hungern? Aber du bist doch gar nicht dick! Das ist doch Quälerei“ - diese und ähnliche Reaktionen bekommt oft zu hören, wer sich entschließt, einige Tage lang zu fasten. Nicht um abzunehmen, sondern um auszuprobieren, was denn an der heilsamen Wirkung des Fastens dran sei, von dem so oft berichtet wird.
Seinen Ursprung hat das häufig auf seine gesundheitsfördernde Funktion verkürzte Fasten in religiösen Traditionen. Fasten ist eine uralte Weise, zu sich selbst und zu Gott zu finden. In nahezu allen größeren Kulturen und Religionen findet sich das Wissen, dass der Mensch durch Fasten umfassend ergriffen und geläutert wird. Jesus selbst bereitete sich mit 40-tägigem Fasten auf sein öffentliches Auftreten vor. Er war durch das Judentum, in dem Fasten, Beten und Almosengeben miteinander verbunden sind, in dieser Tradition ganz selbstverständlich zu Hause. Seine Jünger aber lehrt er etwas Neues: Wer fasten will, soll fröhlich sein, nicht mit Leichenbittermine herumlaufen oder sich mit seinem Fasten groß tun.
Essen macht satt und schläfrig - wer kennt nicht das Bedürfnis nach einem „Verdauungsschläfchen“. Ein voller Bauch studiert nicht nur nicht gern, er neigt darüber hinaus auch eher zu einer Haltung der selbstzufriedenen Gottesgemütlichkeit. Es war Sören Kirkegaard, der karikierend darauf hinwies, dass man mit vollem Bauch leicht das eigene leibliche Wohlergehen mit dem Wohlwollen Gottes verwechselt: „Die Liebe des Spießbürgers zu Gott tritt ein, wenn das vegetative Leben in voller Wirksamkeit ist, wenn die Hände behaglich über dem Magen sich falten.“ Fasten dagegen stärkt das Beten, weil es wach und offen für das Geistige macht.
Fasten, Beten und Almosengeben gehen in der Bibel zusammen. Dahinter steckt das tiefe Wissen, dass es nie nur darum gehen kann, nur mit sich selbst im Reinen zu sein, sondern auch darum, mit Gott und mit dem Mitmenschen ins Reine zu kommen. Fasten kann dazu beitragen. Es kann eine gute Gelegenheit sein, einmal zu entdecken und zuzulassen, womit die Leere, die vielleicht inwendig herrscht, ausgefüllt wird. Mit gutem Essen und Trinken kann man vieles verdrängen. Im Fasten liegt die Chance, zu entdecken, was eigentlich hält, womit man sich über Schwieriges und Unerfülltes hinwegtröstet, welche Ersatzbefriedigungen das Ich funktionieren lassen, was blind oder taub gegenüber der eigenen inneren Wahrheit und auch gegenüber Gott sein lässt. Wenn also beim Fasten unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte hochsteigen und mühsam verdeckte Wunden angerührt werden oder auch einmal Unlust, Zorn und Bitterkeit auftauchen, ist dies keineswegs eine „unangenehme Nebenwirkung“, sondern die Chance zur Erneuerung und zur Konfrontation mit den eigenen Schattenseiten. Deshalb ist es gut, wenn das Fasten durch einen seelsorglich begabten Menschen begleitet wird. Fasten hat eben auch in geistlicher Hinsicht reinigende Wirkung. „Wir kämpfen im Fasten nicht gegen uns selbst, sondern gegen die Feinde der Seele, die uns davon abhalten wollen, wir selbst zu werden, Söhne und Töchter Gottes, die nach dem Bild Gottes geschaffen sind“, formuliert der Ordensmann Anselm Grün.
Im Neuen Testament sagt Jesus, dass bestimmte Krankheiten nur durch Für-Bitte und Für-Fasten zu heilen sind: Im Fasten wird man eins mit dem Menschen, für den man eine Zeitlang auf Nahrung verzichtet, um mit ihm solidarisch zu sein. Eine Haltung, die sich etwa im freiwilligen Verzicht auf Alkohol wieder findet, den Blaukreuz-Mitglieder leisten: Sie verzichten um der Menschen willen, die alkoholkrank sind – und sind fröhlich dabei. Fasten und Feiern, so ihre Erfahrung, gehören zusammen. In der jüngeren Vergangenheit hat vor allem Mahatma Ghandi die Verbindung von Fasten und Beten sogar für die Politik entdeckt. Er fastete und betete in schwierigen, konfliktgeladenen Situationen, wenn er spürte, dass Worte und Verhandlungen allein nicht weiter halfen. Dabei war sein Fasten nicht Erpressung oder Hungerstreik, sondern sollte zum Reinigen der Atmosphäre dienen und zeigen, wie ernst es ihm mit seinem Willen nach Frieden und Gerechtigkeit war.
Und dann ist da natürlich auch noch die körperliche Seite beim Fasten.Die erste Erfahrung: Fastende werden keineswegs von ständigem Hungergefühl geplagt. Denn der Körper ist von Natur aus durchaus darauf eingestellt, eine geraume Zeit ohne feste Nahrung auszukommen. „Wir besitzen von Natur aus alle Voraussetzung um zu fasten. Unser Organismus ist mühelos in der Lage, sich über längere Zeit aus körpereigenen Depots zu versorgen“, weiß Heilpraktiker und Fastenbegleiter Thorsten Neumann aus Nümbrecht. Das haben alle schon erlebt, die etwa Fieber hatten. Der Körper weist dann alle Nahrung ab, weil er sich ganz auf die Heilungsarbeit konzentriert. In gesunden Zeiten verbraucht unser Verdauungssystem ungefähr ein Drittel der Tagesenergie für die Verdauung und Verwertung der Nahrung, die wir zu uns genommen haben - das entfällt beim Fasten. Und der Körper kann sich – sozusagen im Sparprogramm - ganz auf die Aktivierung natürlicher Abwehrsysteme konzentrieren und fängt an, sich von Gift und Schadstoffen zu befreien. Damit der Körper vom Standardprogramm „Aufnehmen, Festhalten, Vorrat anlegen“ auf das außerordentliche Fastenprogramm „Abbauen, Loslassen, Reinigen“ umstellt, ist es wichtig, dass er in Form einer Darmreinigung ein deutliches Startsignal bekommt und dass beim Fasten genug getrunken wird.
Wichtig ist auch die innere Einstellung zum Fasten: Wer von vornherein das Gefühl hat, er kasteie sich, wird eher anfällig für Hungergefühle und „Fastenkrisen“ sein als derjenige, der unter dem Vorzeichen „Ich tue mir etwas Gutes“ an den Start geht. Denn dass Fasten – für Beginner am besten in einer Fastengruppe oder mit einem guten Fachbuch und nach Rücksprache mit dem Arzt – dem Körper ausgesprochen gut tun kann, gilt aus medizinischer Sicht als sicher. Oft kommt durch Fasten sogar Bewegung in alte Krankheitsbilder. Probleme im Bereich des Verdauungssystems verblassen. Hautausschläge, Flechten und Ekzeme können sich zurück entwickeln und auch bei Krankheiten wie Rheuma, Arthritis und Arteriosklerose schlägt eine Fastenkur oft erstaunlich gut an. Nach etwa drei Tagen wird der Körper vor die Notwendigkeit gestellt, „zur Aufrechterhaltung seines Stickstoffgleichgewichts irgendwelche Eiweißdepots angreifen zu müssen“, schrieb Otto Buchinger, der in Deutschland als einer der Wiederentdecker des heilenden Fastens gilt: „Aus reicher Erfahrung dürfen wir annehmen, dass zu diesem Zweck in erster Linie Gebilde zerstört und Stoffe abgebaut werden, die im Zellenstaat eine störende, kränkelnde Rolle spielen.“
Denn neu ist das Fasten keineswegs, auch wenn es mittlerweile – manchmal allzu überschäumend und auch mit unrealistischen Versprechungen – als Wundermittel angepriesen wird. Die häufig versprochene Fasteneuphorie etwa, die sich in Form einer ausgesprochenen Hochstimmung und ungewöhnlichen Tatkraft einstellen soll, erleben die wenigsten - und in der Regel auch nur nach einem Fasten, das länger als eine Woche dauert. Innere Leichtigkeit und geistige Klarheit stellen sich dagegen häufig ein. Fastende berichten, sie hätten selten nachts so gut geschlafen und seien tagsüber gedanklich so klar wie nach dem dritten Fastentag.
Fasten kann auch andere Formen haben als der Verzicht auf Nahrung über längere Zeit. In der Kirche gibt es traditionell zwei große Fastenzeiten: Die Adventszeit am Anfang des Kirchenjahres zur Vorbereitung auf Weihnachten und die Wochen vor Ostern, um im eigenen Leben Raum zu schaffen für das neue Leben aus dem Glauben. Früher waren diese Zeiten vor allem durch den Verzicht auf Fleisch und Süßigkeiten geprägt. Heute nimmt vor allem in der vorösterlichen Zeit die Zahl der Menschen zu, die freiwillig auf lieb gewordene Sitten verzichten. Nach dem Motto: Was hemmt mich, was bindet mich, was nimmt mir den Schwung, verzichten sie auf die unterschiedlichsten Dinge: Alkohol, Rauchen, Fernsehen, übermäßiges Arbeiten, Reden über andere ... Viele erleben dann, wie beflügelnd es sein kann, alte Gewohnheiten zu verändern und dadurch frei und stärker zu werden - eine heilsame Erfahrung in jeder Beziehung. (PEK) |