Geboren zum Sterben, gestorben zum Leben – Christliche Totenkultur

„Lass die Toten ihre Toten begraben!“ (Mt 8,22; Lk 9,60) – kaum ein anderes Wort Jesu klingt so radikal, barsch und ausgrenzend wie dieses. Wenig anderes verstößt so fundamental gegen das jüdische Gesetz, die zeitgenössische Frömmigkeit und die geltenden Sitten. Wollte Jesus mit seiner Aussage wirklich die Mitmenschlichkeit gegenüber den Toten abschaffen? Das harte Wort Jesu findet sich im Rahmen einer lehrhaften Erzählung über die Nachfolge und will besagen, dass nichts und niemand von der totalen Nachfolge Jesu abhalten darf – bis in das vergangene Jahrhundert durften viele Ordensleute nicht einmal zum Begräbnis der eigenen Eltern reisen. „Sich mit einem Toten zu befassen“, so die jüdische Redeweise, galt im Judentum aber als Pflichtgebot, ganz besonders gegenüber den Eltern (vgl. das vierte der Zehn Gebote). Pietät gegenüber Toten war Liebeswerk. Verboten war der Umgang mit Toten aus kultischen Gründen allerdings dem Hohenpriester und den Nasiräern (Lv 21,11; Num 6,6) sowie zeitlich befristet Männern wie z. B. Jeremia (Jer 16,1-9) und Hesekiel (Ez 24,15-24).
Das Begraben von Toten galt Juden und Christen stets als heilige Pflicht. Tobit, in assyrischer Gefangenschaft, berichtet: „Wenn ich sah, dass einer aus meinem Volk gestorben war und dass man seinen Leichnam hinter die Stadtmauer von Ninive geworfen hatte, begrub ich ihn“ (Tob 1,17b). Der gleiche Gedanke, als Befürchtung formuliert, spricht in christlicher Zeit aus der Offenbarung: „Sie werden nicht zulassen, dass die Leichen begraben werden“ (Offb 11,9b). Den bei Matthäus (25) genannten sechs „Werken der Barmherzigkeit“ wird das bereits bei Tobit (1,17) genannte Begraben der Toten als siebtes Werk angehangen. Bei der historischen Aufteilung der Werke kommen die Toten sogar zweimal vor: Den sieben leiblichen Werken –Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen, Kranke besuchen, Gefangene erlösen und Tote begraben – entsprachen die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern verzeihen, Lästige ertragen.
Das Begraben Verstorbener geschieht aus Ehrfurcht – nicht nur gegenüber den Verstorbenen, sondern wegen unserer Geschöpflichkeit auch gegenüber Gott, der jeden Menschen geschaffen hat. Juden und Christen verstehen sich als Geschöpfe Gottes, Gott ebenbildlich, von ihm als Töchter und Söhne angenommen und durch Jesus Christus „ver-söhnt“. Die Gottebenbildlichkeit des Menschen ist unverlierbar, unauslöschliches Siegel auf der Stirn eines jeden Menschen. An diesem Faktum ändert selbst der Tod nichts.
Aus frühchristlichen Berichten wissen wir, mit welch liebendem Eifer die verfolgen Christen ihre durch den Staat ums Leben gebrachten Mitchristen zu begraben suchten. Sie suchten nach den Leichen der übel zugerichteten Menschen, die von ihren Peinigern wie Müll „entsorgt“ wurden. Der heilige Sebastian ist ein Beispiel dafür, dass man Getötete in Rom einfach in die cloaca maxima warf, den Abwasserkanal, von wo aus sie in den Tiber und dann ins Meer geschwemmt wurden. Hatte man schon den Lebenden schmerzhaft das Leben genommen, schändete man sie auch noch im Tod, indem man ihnen die Würde nahm - durch den Entzug einer ehrenvollen Bestattung und den Ort des Gedenkens. Die Notwendigkeit eines Gedenkortes für die Toten ist auch nach wie vor der Grund dafür, dass die katholische Kirche völlig anonyme Bestattungen ablehnt.
Für Christen wurde die Achtung der Ehre Toter zu einem Kennzeichen, die Totenkultur zu einem Begriff, das Begräbnis zu einem Abschied auf Zeit. Leben und Sterben geschah und geschieht auch heute noch „sub specie aeternitatis“, aus dem Blickwinkel der Ewigkeit. Dieses Denken und Handeln war im Christentum so sehr verinnerlicht, dass nicht einmal hoch infektiöse Epidemien von den Pflicht zur würdevollen Bestattung befreiten. Trotz der Gefahr sich selbst zu infizieren wurden Pesttote aufgesammelt und begraben. Aus Brüderlichkeit bildeten sich Bruderschaften, die vielfach den heiligen Sebastian zu Patron wählten – ein Heiliger, der durch Pfeile zu Tode gebracht wurde. Der Pfeil symbolisierte im Mittelalter die Pest, denn die damals unerklärlichen Infektionskrankheiten, vor allem die Pest, kamen für die Menschen völlig überraschend – oder wie es in Psalm 91, 5f heißt: „Du brauchst dich vor den Schrecken der Nacht nicht zu fürchten, noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt, nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittag.“ Vielleicht würde sich mancher stramme Schützenbruder heute wundern, wüsste er, dass die Wurzel seiner Bruderschaft im Begraben von Toten zu finden ist. Feststellen kann man dies auch heute noch, denn kein Schütze wird allein zu Grabe getragen: Auf seinem letzten Weg weiß sich jeder Schütze in der Gemeinschaft seiner (Schützen-) Brüder.
Mögen sich über Jahrtausende hin auch die Bestattungsriten und die Formen der Totenkultur gewandelt haben: im jüdisch-christlichen Kulturbereich gebührt dem Leib des Toten die gleiche Ehre wie dem beseelten Leib. Gottes Ebenbild bleibt der Mensch auch im Tod, weshalb man den Sinn christlich-menschlichen Seins auch mit dem Paradoxon beschreiben kann: Geboren zum Sterben, gestorben zum Leben. (PEK/MBH)
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