ERZBISTUM KÖLN               

Kardinal Meisner: Christlich-jüdische Beziehung vertiefen

Kardinal Meisner bei der Ansprache in der SynagogePEK (071109) – Regelmäßige Begegnungen mit dem Rabbiner der Kölner Synagoge hat Erzbischof Joachim Kardinal Meisner angeregt. „So können wir uns gegenseitig unsere jeweiligen Freuden wie Sorgen mitteilen und über weitere gemeinsame Projekte der Begegnung nachdenken“, sagte Meisner in der Kölner Synagoge bei einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht, bei der eine mit Unterstützung des Erzbistums Köln restaurierte Torarolle übergeben wurde. An der Gedenkfeier nahmen die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und die beiden Oberrabbiner von Israel Schlomo Moshe Amar und Yona Metzger teil.

 

Der Kölner Prälat Gustav Meinertz hatte am 9. November 1938 die Torarolle aus der brennenden Synagoge gerettet und nach Kriegsende der jüdischen Gemeinde zurückgegeben. „Mit Dankbarkeit“, so Meisner, habe er gesehen, dass die jüdische Gemeinde seitdem des katholischen Priesters gedacht habe. Dessen Rettungstat sei geschehen „in einer Zeit, in der in Deutschland viele Menschen – allen voran die Staatslenker - vom Wort Gottes nichts mehr wissen wollten.“ Im Blick auf Meinertz fügte er hinzu: „Wären doch nur mehr so tapfer gewesen in Kirche und Gesellschaft“.

 

Die Erinnerung verpflichte dazu, „stets wachsam zu sein gegenüber allen Versuchen, Menschen und ihr Heiligstes verächtlich zu machen oder ihnen das Lebensrecht abzusprechen“, so der Kardinal. Er wünsche sich, dass nach dem Besuch des Papstes in der Kölner Synagoge „der heutige Tag ein weiterer Meilenstein auf dem Weg der Verbundenheit“ sei. Gott habe den Menschen seine Weisung gegeben. „Möge sein Wort, das uns verbindet, unsere Liebe zueinander weiter wachsen lassen und uns Pfade lehren, unsere Beziehungen zu vertiefen.“ An Rabbiner Netanel Teitelbaum gewandt sagte er: „Einmal im Jahr möchte ich Sie fragen: Was lesen Sie denn zurzeit aus ‚unserer’ Torarolle vor?“

 

Die Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch verwies auf das „universale Ethos der Tora“, das auch das Fundament für das Grundgesetz bilde. Wer die Weisheit der Tora wahrnehme, werde dazu befähigt, Verantwortung zu übernehmen. Die Tora verpflichte vor allem dazu, den Nächsten zu lieben wie sich selbst.

 

Oberrabbiner Yona Metzger Oberrabbiner Yona Metzger dankte in seiner auf hebräisch gehaltenen Ansprache dem Kölner Erzbischof für die Unterstützung bei der Restaurierung. Die wiederhergestellte Schriftrolle sei ein Symbol der Hoffnung. Auf deutsch fügte er hinzu: „Wunderbar, dankeschön!“Die Torarolle ist zurückgekehrt

 

Die Ansprache von Kardinal Meisner im Wortlaut

Zur Website der Synagogengemeinde Köln

Prälat Meinertz, ein mutiger Charakterkopf

Prälat Gustav Meinertz (KNA-Bild) Er war, wie man heute sagen würde, immer „in action“, hatte ständig neue Ideen, suchte um­triebig neue Wege und war ein eher unerschrockener Zeitgenosse: Prälat Gustav Meinertz, der in der Reichspogromnacht 1938 die Torarolle aus der brennende Kölner Synagoge rettete. Zeitzeugen und Wegbegleiter schildern Meinertz als nonkonformistischen und äußerst aktiven Menschen, bisweilen als „Hansdampf in allen Gassen“ mit immer neuen, genialen und schnellen Einfällen, als dynamische, eigenständige Persönlichkeit, innovativ, beherzt und unerschrocken. Wer war dieser Mann?

 

Meinertz entstammte einer Kaufmannsfamilie; er wurde am 21. August 1873 in Berlin geboren. Seine Familie zog bald nach Aachen, das damals zum Erzbistum Köln gehörte. Meinertz sprach gut Französisch. Nach dem Theologiestudium in Bonn wurde er 1897 im Kölner Dom zum Priester geweiht und war anschließend als Kaplan bzw. Pfarrer in Urbach (1907) und Kalk (1916), ab 1922 schließlich an St. Severin in Köln tätig. Hier stand er einer ausgesprochen wohlhabenden und einflussreichen Pfarrei mit 16.000 Gläubigen und vier Kaplänen vor. Damals wurde die Kirchensteuer noch nicht zentral erhoben, sondern in den Städten durch die Gemeindeverbände. Fast die gesamte Summe floss den Pfarreien zu, die damit erhebliche Handlungsspielräume besaßen. So baute die Pfarrei St. Severin 1926 ihr Pfarrheim - eine seelsorglich innovative Maßnahme mit Symbolkraft, die entgegen der damals üblichen „Durchorganisation“ der Pfarrei mittels der Verbände den Gedanken der lebendigen, mitverantwortlichen Gemeinde betonte. Meinertz beteiligte die Laien bewusst; in seiner Gemeinde gab es eine der ersten (wenn nicht die erste) Frau als Kirchenvorstand, die Meinertz wegen ihrer Bildung und Qualifikation auswählte.

 

1931 verließ Meinertz die Pfarre, um verschiedene Verbandstätigkeiten zu übernehmen – so wurde er unter anderem Diözesandirektor des Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung und des Franziskus-Xaverius-Vereins im Erzbistum Köln; seit 1935 war er Diözesandirektor des Opus Sancti Petri zur Förderung des einheimischen Klerus, und von Mitte 1935 bis April 1959 wirkte er als Generalsekretär des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande. Auffällig ist, dass diese Ämter mit der Mission verbunden sind, mit fernen Ländern, fremden Kulturen und der Weltkirche. Offensichtlich war Meinertz’ Blickwinkel stärker als damals üblich auch in die Ferne gerichtet. Vielleicht liegen die Wurzeln dazu in der Berliner Kaufmannsfamilie; der Priester scheint in diesen mehr weltkirchlichen Aufgaben seine ganze Dynamik eingebracht zu haben. 1937 schließlich folgte die Ernennung zum Kanzler der Deutschen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grabe; 1950 wurde er Komtur des Ordens und kurz vor seinem Tod am 11. September 1959 Ehrenkanzler und Großkreuzritter. 1941 verlieh ihm Papst Pius XII. den Ehrentitel „Monsignore“ und 1951 den Titel „Prälat“.

 

Fragt man Zeitzeugen, die Meinertz noch gekannt haben, hatte der Geistliche neben seinen seelsorglichen Interessen und Aufgaben eine ausgeprägte „technische Ader“. So sollen ihn beispielsweise Autos schon früh in ihren Bann gezogen haben; am deutlichsten ausgeprägt aber war eine für damalige Zeiten ganz und gar ungewöhnliche Leidenschaft: das Luftschifffahren, ein Hobby, dem er so oft wie möglich nachging. Es heißt, er habe einmal über persönliche Beziehungen erreicht, dass man ihn im Zeppelin als geistlichen Begleiter von Köln nach Friedrichhafen mitnahm. So verwundert es nicht, dass bei seiner Beisetzung 1959 unter den weltlichen Nachrufen auch der Dank des Überseeclubs und der Club für Luftsport erwähnt wird.

 

Das rettende Zugreifen auf die Torarolle in der Pogramnacht 1938 passt genau zu seiner Art: Die Frage, ob eine Aktion gerade „angebracht“ war, ob sie Gefahr bedeutete, hat sich Meinertz offenbar nicht gestellt. Er sah in dieser Situation die Religion insgesamt durch den Pöbel angegriffen. Überliefert ist seine Aussage, es gehe um die Bibel. Nicht historisch-exakt geklärt ist bislang, wann und wie die Rettung genau ablief, ob während des Brandes oder danach, offen beim Wüten des Pöbels oder später. Die Berichte dazu stammen aus zweiter Hand und sind hierin nicht ausreichend deutlich. Wichtig bleibt das Zeugnis eines wachen und unerschrockenen Menschen. (PEK)

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