Leserpost

In der ersten Ausgabe unseres Newsletters haben wir Sie dazu eingeladen, uns Ihre Leserpost zu schicken. In dieser Ausgabe wird eine Zuschrift beantwortet, die uns erreicht hat.

15. August 2019

Leserfrage

Die Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“ kann ich wie viele andere, z.B. in der katholischen Kirche Frankreichs, nicht stellen.
Ich bete stattdessen „und führe uns in der Versuchung“.
Wann endlich wird eine Formulierung gefunden, wie sie auch unser Papst vorschlägt?

Antwort auf die Leserfrage

Die Bitte um die Formulierungsänderung „Und führe uns in der Versuchung“ ist nur allzu verständlich, hat allerdings nichts mit der biblischen Überlieferung zu tun. Vermutlich besteht das Problem eher darin, dass man bei „Versuchung“ an verbotenes Bonbon-Lutschen oder auch sexuelle Versuchungen denkt. Die Hl. Schrift spricht sehr viel existentieller von „Versuchungen“ oder „Prüfungen“: Es geht immer nur um Situationen, in denen ein Mensch vor die Frage gestellt wird, an seiner Gottesbeziehung festzuhalten oder sie aufzugeben, weil Gott nicht mehr zum eigenen Gottesbild passt. Hier wäre ein Abraham zu nennen, der seinen Sohn opfern soll (Gen 22) oder der leidgeprüfte Ijob; aber auch Jesus in der Wüste, der vor der Wahl steht, durch Satan menschliche „Herzenswünsche“ (sofortige Hungerstillung, unbegrenzte weltliche Macht, spektakuläre Show-Vorführung [Sturz von den Tempelzinnen]) erfüllt zu bekommen, dafür aber auch diesen Satan als Gott anzuerkennen und sich vom Vater loszusagen (Mt 4,1-11); schließlich Jesus im Garten Getsemane, der in der Versuchung steht, dem bevorstehenden Kreuzestod auszuweichen und damit Gottes Willen nicht zu erfüllen (Mk 14,31-42). Von allen diesen kaum auszuhaltenden Situationen wird festgehalten, dass Gott selbst sie herbeigeführt hat. Die Bibel, die die Welt nicht auf verschiedene Götter aufteilt, ist zutiefst überzeugt, dass auch solche schweren Entscheidungssituationen („Versuchungen“) mit Gott selbst zu tun haben. Dass einem dies erspart bleibe, darum bittet das Vaterunser Gott als Vater. Und völlig zutreffend heißt es in der neuen Einheitsübersetzung: „Gott … wird euch mit der Versuchung auch einen Ausweg schaffen, sodass ihr sie bestehen könnt“ (1 Kor 10,13).

 

Dr. Gunther Fleischer
Leiter der Erzbischöflichen Bibel- und Liturgieschule im Erzbistum Köln