Die Entstehung

"Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt."

Papst Benedikt XVI., Enzyklika „Deus caritas est“, Nr. 1.

 

 

Gott zeigt immer wieder aufs Neue seine Bereitschaft, mit jedem einzelnen Menschen eine Geschichte einzugehen. So begann auch das Neokatechumenat: Der lebendige Gott begegnete einem Menschen, Francisco José Gómez Argüello Wirtz, genannt „Kiko“ Argüello. Im Folgenden wird diese Begegnung im Hinblick auf die Herausbildung des Neokatechumenalen Weges geschildert:

Kiko wurde 1939 in León, Spanien, geboren.

Er war Sohn einer gutbürgerlichen Familie und wuchs in Madrid auf. Wie die meisten Spanier seines Alters wurde er als Kind und Jugendlicher wie selbstverständlich in den katholischen Glauben eingeführt. Als erfolgreicher Student an der Kunstakademie in Madrid las er die Werke nihilistischer Existenzialisten, wie Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Diese Lektüre veranlasste ihn, seinen, nach eigener Einschätzung noch in den Kinderschuhen steckenden Glauben, völlig in Frage zu stellen. Er versuchte, sich in einem gottlosen Leben einzurichten.

 

Innerhalb seines Freundeskreises kursierte ein marxistisches Welt- und Menschenbild. Doch für Kiko griff der marxistische Gerechtigkeitsbegriff zu kurz: All jene, die an Ungerechtigkeit im Lauf der Weltgeschichte gelitten haben, blieben auf der Strecke. Die existenziellen Grundfragen des Lebens ließen ihn nicht los. Sie quälten ihn. Auch gefeierte Erfolge und sein Ruhm als Kunstmaler änderten daran nichts. Er sah sich als Todgeweihter – den Selbstmord vor Augen.

"Ich fragte mich: "Aber wie leben die Leute? Wie gelingt es ihnen zu leben?"

Ich sah normale Leute an und dachte: „Fragen sie sich: wer bin ich, wer hat mich geschaffen, was ist das Leben? Könnte es nicht sein, dass die Leute sich diese Frage nicht stellen? Könnte es nicht sein, dass das Problem in mir liegt, dass ich ein selbstverliebter, seltsamer Mensch bin?“ Ich spürte etwas auf mir wie eine nasse Decke, die mich zwang, ständig die Wahrheit zu suchen.“ (Kiko Argüello, Das Kerygma, St. Ottilien 2013, S. 24)


Und wieder waren es philosophische Gedanken, die Kikos Leben eine Wende gaben. Er las Henri Bergson. Ihm zufolge lasse die Intuition die Wahrheit erkennen. Die Intuition sei der Vernunft überlegen. Kikos Intuition sagte ihm, dass die totale Absurdität nicht der letzte Grund der menschlichen Existenz sein könne. Er schrie zu Gott und bat: „Wenn es dich gibt, dann hilf mir, denn vor mir habe ich den Tod!“ Und die Antwort Gottes kam. Kiko beschreibt sie als eine Erfahrung der Geistmitteilung, wie sie der Apostel Paulus im Römerbrief schildert: „So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Röm 8,16).


„Da schrie ich zum Herrn und empfand in mir in jenem Augenblick plötzlich die Gewissheit, dass Gott existiert! Ich empfand es nicht wie eine Schlussfolgerung, wie eine Theorie, nein, nein! Gott existierte: es war wie eine substanzielle Berührung.“ (Kiko Argüello, Das Kerygma, St. Ottilien 2013, S.28)

Fortan wuchs in ihm der Wunsch, sein Christsein wachsen, ausformen zu lassen.

Er wandte sich mit seinem Anliegen an einen Priester. Dieser fragte ihn: „Sind Sie nicht getauft?“- „Doch, ich bin getauft.“-„Haben Sie die Erstkommunion empfangen?“-„Ja.“-„Also möchten Sie beichten?“ Kiko verneinte. Er sagte zu jenem Priester: „Ich möchte zum Christen herangebildet werden, ich möchte Christ werden.“.“ Aber es gibt in Pfarrgemeinden keine Schulen, die Menschen zu Christen ausbilden. Der Priester wusste nicht so recht, was er mit Kiko anfangen sollte; er schickte ihn zu den Cursillos de Cristiandad, einer in Spanien in den 1940er Jahren entstandenen katholischen Bewegung, die sich die Evangelisierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus zum Ziel setzt.

 

Er besuchte ihre Schule und realisierte später als Lehrer ihr katechetisches Programm. Gleichzeitig veränderte er seine Malerei. Er griff auf moderne Weise religiöse Themen auf. In diesem Zusammenhang lernte er die Spiritualität Charles de Foucaulds kennen. Dessen intensive Verehrung der Realpräsenz Christi im eucharistischen Sakrament eröffnete Kiko den entscheidenden Zugang in der Auseinandersetzung mit dem Leiden der Unschuldigen. Diese Fragestellung bewegte Kiko seit Beginn seiner persönlichen Suche und begleitete ihn noch über Jahre hinweg. Die Initialzündung dazu entstand durch Konfrontierung mit einer Situation menschlichen Elends im unmittelbaren Umfeld:


„Ich hatte ein Atelier zusammen mit einem anderen Maler und Bildhauer. Ich lebte in diesem Atelier. An Weihnachten fuhr ich nach Hause zu meinen Eltern, um das Fest mit ihnen zu verbringen. Einmal an Weihnachten ging ich in die Küche und sah, dass die Putzfrau, die im Hause meiner Eltern arbeitete, weinte – gerade am Weihnachtstag. Ich fragte sie: „Was haben Sie?“ Und sie erzählte mir eine Geschichte, die mich fassungslos machte. Ihr Ehemann war alkoholsüchtig und wenn er betrunken nach Hause kam, schlug er sie und die Kinder mit einem Stock oder bedrohte sie mit einem Messer. Sie hatte viele Kinder und der Älteste begann, sich gegen den Vater zu stellen. Sie war terrorisiert vom Gedanken, dass sie sich jeden Augenblick umbringen könnten. (..) Ich fragte sie: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Sie erwiderte: „Kommen Sie bitte zu uns und sprechen Sie mit meinem Mann!“ (Kiko Argüello, Das Kerygma, St. Ottilien 2013, S. 35).

Kiko in den Baracken
Kiko in den Baracken, Madrid 1964

Kiko tat es.

Er brachte den Mann zu den Cursillos und zu einer Zeit der Abstinenz – bis die Familientragödie erneut begann. In ärgster Bedrängnis rief die Frau Kiko um Hilfe. Er ging eilig, einmal, zweimal, dreimal … und verstand, dass er so nicht weitermachen konnte. Resignieren – oder zu dieser Familie ziehen, um diesem Mann zu helfen nicht zu trinken und so seine Kinder zu retten, die so sehr litten? Kiko entschied sich für Letzteres. Er gab alles auf, um täglich dort in der armseligen Küche zu schlafen. Das Leben und die Begegnungen in diesem Viertel beschreibt er „wie ein Hinabsteigen in die Hölle der sozialen Katakomben“. (Kiko Argüello, Das Kerygma, St. Ottilien 2013, S. 37).


Es gibt eine Realpräsenz Christi im Leiden Unschuldiger wie in der Eucharistie. Diese Überzeugung bewog Kiko unter den Armen zu leben – in den Baracken mit den Armen. Er ging dorthin mit einer Gitarre und der Bibel und redete mit den Menschen über Gott. Bis eines Tages etwas Entscheidendes passierte: Eine Gruppe hatte sich versammelt, um Kiko zuzuhören, als plötzlich eine Frau in den hinteren Reihe aufsprang und ihn fragte: „Haben Sie je einen Toten gesehen, der vom Friedhof zurückgekehrt ist? Ich weiß nur eine Sache, dass mein Vater gestorben und nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist. (…) Wenn Sie einen Toten gesehen haben, der vom Friedhof zurückgekommen ist, höre ich Ihnen zu. Wenn nicht, Schluss damit! Gehen wir!“ Dann stand sie auf und ging, und mit ihr die ganze Versammlung.

Dieses Ereignis öffnete Kiko die Augen für den Kern der christlichen Botschaft,

für die Verkündigung von Tod und Auferstehung – Jesu Christi und unserer. Damit begann das zu entstehen, was später die Katechesen des Neokatechumenalen Weges werden sollten.


Entscheidend für die Geschichte des Neokatechumenalen Weges ist neben Kiko auch Carmen Hernández, eine spanische Chemikerin und Theologin aus bürgerlichem Haus. Sie hatte sich vorgenommen, als Missionarin in Lateinamerika zu evangelisieren. Durch ihre Schwester lernte sie Kiko kennen und war tief berührt, im Armenviertel von Palomeras eine christliche Gemeinschaft anzutreffen. Carmen entschied, ebenfalls in einer Baracke in dem Viertel zu wohnen. Ihr Beitrag zur inhaltlichen Formung des Neokatechumenalen Weges liegt insbesondere auf der theologischen Ebene: sie besaß eine gründlichere theologische Bildung als Kiko. Die Intuitionen von Kiko und Carmen mündeten in die Herausbildung des Fundaments des Neokatechumenalen Weges, des sog.  Dreifußes – Wort, Eucharistie, Gemeinschaft.

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