Interview Stiftungszentrum

Stiftungszentrum unter neuer Leitung

„Wir haben die Geschichten zu den Stiftungen erzählt“

Die Stiftungen im Erzbistum Köln waren noch vor wenigen Jahren nur einigen eingeweihten Menschen bekannt. Mit der Entwicklung des Stiftungszentrums und seines Mottos „Stiften ist Hoffnung in die Zukunft“ wurden in jüngster Zeit viele Menschen auf das Thema Stiften aufmerksam gemacht. Wie wird sich die Stiftungslandschaft in Zukunft weiterentwickeln? Darüber haben wir im Interview mit Elke Böhme-Barz, bis vor Kurzem Leiterin des Stiftungszentrums im Erzbistum Köln, mit Saša Babli, dem neuen Leiter des Referates Stiftungszentrum Fundraising in der Abteilung Finanzdienste und mit dem Leiter der Abteilung Finanzdienste, Patrick Jung, gesprochen.  

Abschied und Kontinuität

Frage an Elke Böhme-Barz: Vor einigen Wochen haben Sie nach fast zehn Jahren als Leiterin Ihren Abschied im Stiftungszentrum gefeiert und sind nun in den Ruhestand eingetreten. Was heißt Ruhestand für Sie konkret? Werden Sie weiterhin beispielsweise ehrenamtlich noch für Stiftungen tätig sein?

Antwort: Aus einem vollen Berufsleben in den Ruhestand zu gehen, ist für mich tatsächlich noch gewöhnungsbedürftig. Das Thema Stiftungen beschäftigt mich auch weiterhin, es ist immer mein Thema gewesen. Zum einen ein Herzensthema, aber auch ein Thema, das meine Arbeit bestimmt hat. Daher kann ich es nicht einfach fallen lassen, es wird auch weiter ein Thema für mich bleiben. Aktuell habe ich zwei Anfragen von Stiftungen, die gerne hätten, dass ich im Vorstand mitarbeite, das muss sich aber erst noch konkretisieren.   

Frage an Saša Babli: Sie waren jahrelang juristischer Referent des Stiftungszentrums. Zum ersten Juli haben Sie nun die Leitung des Stiftungszentrums übernommen. Welche Aspekte in der Stiftungsarbeit sollten nach Ihrer Ansicht unbedingt beibehalten werden und welche neuen Herausforderungen sehen Sie für die künftige Arbeit im Stiftungszentrum?

Antwort: Ich konnte ja die letzten zehn Jahre Frau Böhme-Barz‘ Arbeit mitbegleiten und mitgestalten. Ich denke, sie hat eine sehr gut bestellte Abteilung hinterlassen. In der Zeit ihres Wirkens konnten viele gute Ideen in die Wege geleitet und auch umgesetzt werden. Nun gilt es, diese fortzuführen und – wenn möglich – auszubauen. Zu den wichtigsten Aspekten der Stiftungsarbeit zählt für mich, die Beziehungspflege zu unseren Stiftern, Spendern und Freunden des Stiftungszentrums fortzuführen, um ihre Anliegen bestmöglich zu verwirklichen. Ein weiteres großes Thema ist die Transparenz in Bezug auf Verwaltung, Finanzen und rechtliche Gestaltung. Hier gilt es, die neuesten Entwicklungen und Anforderungen weiterhin im Blick zu behalten.   

Eine der größten Herausforderungen wird sein, die vielfältige Arbeit kirchlicher Stiftungen der Öffentlichkeit adäquat zu präsentieren und dafür ein Feedback zu bekommen. Das wird in Zeiten schwindender Relevanz von Kirche nicht einfacher. Früher war es durchaus Usus, die Kirche etwa bei Nachlässen mit zu bedenken oder Kirche im Allgemeinen mitzudenken. Das ist heute anders: Heute sind wir in der Situation, dass wir Interessierte aktiv ansprechen und auch überzeugen müssen. 

Frage an Patrick Jung: Sie kommen aus dem Bistum Limburg und haben dort zuletzt als stellvertretender Ökonom und Abteilungsleiter gearbeitet. Seit dem ersten Juni 2021 leiten Sie die neue Abteilung Finanzdienste im Erzbistum Köln, in die das Stiftungszentrum als Referat eingegliedert ist. Welche Rolle spielten bisher Stiftungen für Ihre Tätigkeit? Und welche Aufgabe in Bezug auf Stiftungen sehen Sie für Ihre jetzige Arbeit? 

Antwort: In meiner Zeit in Limburg haben Stiftungen in unterschiedlicher Weise eine Rolle gespielt. Zunächst in einem formaleren Bereich, ich habe die Stiftungsaufsicht mit verantwortet. Später standen Vermögensverwaltung und administrative Aufgaben im Vordergrund. Außerdem hatte ich immer wieder Kontakt mit Stiftungsgremien, als Mitglied und in der Zuarbeit. Dort bin ich ganz großartigen Themen und Projekten begegnet, die in mir eine Begeisterung für das Stiftungswesen geweckt haben. Das möchte ich auch in meiner neuen Aufgabe hier im Erzbistum hineinbringen. Eine wichtige Aufgabe für uns im Stiftungszentrum ist es, die Entwicklung weiter zu fördern und vor allem auch Stifterinnen und Stifter sowie die verantwortlichen Gremien in ihrem Engagement zu unterstützen und Grundlagen für gute Beratungen und Entscheidungen zu schaffen

Vorurteile abbauen

Frage an Elke Böhme-Barz: In Ihrer Zeit wurde das Stiftungszentrum personell stark ausgebaut, der Aufbau von Kontakten, die Beziehung zu Stiftern stand im Mittelpunkt Ihrer Arbeit. Was war für Sie wichtig, wie haben Sie Beziehungspflege verstanden und umgesetzt?

Antwort: In meiner Arbeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass nur wenige Menschen wirklich wissen, was eine Stiftung ist, was eine Stiftung tut und wie sie nach innen funktioniert. Für viele hat die Stiftung immer noch die Aura des Geheimnisvollen und es lebt das Vorurteil, es sei eher etwas für reichere Menschen. 

Es galt also, ein Verständnis für die Arbeit der Stiftungen zu wecken und sie einer breiteren Öffentlichkeit zu erklären. Das haben wir in einem großen Wurf mit einer Ausstellung getan. Sie hatte den Titel „Stiften ist Hoffnung in die Zukunft“. Sie präsentierte in erster Linie Stiftungen 

im Stiftungszentrum und in Kirchengemeinden. Mit der Ausstellung sind wir in viele Kirchengemeinden gefahren und konnten viele Hundert Menschen erreichen. So wollten wir auch deutlich machen, dass eine Stiftung grundsätzlich eine gute Möglichkeit bietet, sich zu engagieren. Ein anderer Aspekt war es, den „Ewigkeitswert“ von Stiftungen zu verdeutlichen: Mit einer Stiftung kann ich mein Herzensanliegen weitergeben, und das sogar über mein Leben hinaus, ich kann meinen Nachlass, mein Erbe der Stiftung zur Verfügung stellen.  

Zwischenfrage an Elke Böhme-Barz: Mit welchen Problemen oder Schwierigkeiten wurden Sie auf dem Weg in die Öffentlichkeit konfrontiert?

Antwort: Die Stiftungen, die ich vorgefunden habe, stellten sich für mich wie eine Sammlung von Akten dar, es waren weniger lebendige Organismen. So sah ich meine Aufgabe vorwiegend darin, die Stiftungen gleichsam „wachzuküssen“. Wir haben die Geschichten zu den Stiftungen erzählt, wir haben darüber informiert, was sie tun, und wir haben ihnen Sichtbarkeit verschafft mit einem Kurzportrait, mit einem Logo und auch durch Fotos. So können Menschen sich in der Geschichte wiederfinden.

Frage an Saša Babli: Welche Bedeutung hat für Sie künftig die Öffentlichkeitsarbeit? Wird aufgrund der schwindenden Bedeutung und des negativen Images von Kirche die Öffentlichkeitsarbeit für die Stiftungen eher wieder zurückgenommen werden müssen? 

Antwort: Im Gegenteil, die Öffentlichkeitsarbeit wird noch zunehmen, da müssen wir mit der Zeit gehen. Alle uns im Erzbistum zur Verfügung stehenden Medien gilt es, gut zu nutzen und die Vernetzungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Kirchliche Stiftungen erklären sich nicht mehr von selbst. Wir dürfen und müssen uns an der Stelle nicht zurückziehen und etwa vor der kritischen öffentlichen Meinung fürchten oder vor ihr flüchten. Unsere Stiftungsarbeit ist eine Chance, der Kritik etwas entgegenzustellen. Wir haben dank unserer Stifter und Erblasser die Möglichkeit, so viele wunderbare und sinnvolle Projekte zu unterstützen und zu realisieren. Angesichts des breiten Zweck-Portfolios unserer Stiftungen können wir im Grunde den Auftrag der Kirche fast zur Gänze abbilden. Das Spektrum reicht von pastoralen und sozialen bis hin zu kulturellen Themen. Dass ich dazu beitragen darf, dafür bin ich sehr dankbar.   

Frage an Patrick Jung: Wie haben Sie den Zusammenhang Stiftungen und Öffentlichkeitsarbeit bisher erlebt? 

Antwort: Gute Öffentlichkeitsarbeit braucht auch Leidenschaft für das Stiftungswesen. Das spürt man hier in dem, was Frau Böhme-Barz in den vergangenen Jahren geschaffen hat. Sie lebt für die Stiftungen und ich glaube, liebe Frau Böhme-Barz, Sie lieben das Stiftungswesen! 

Eine gute Öffentlichkeitsarbeit ist ein wichtiger Motor für die Entwicklung von Stiftungen. Es geht ja im wahrsten Sinn des Wortes darum, andere anzustiften. Das Erzählen vom Engagement der Stifterpersönlichkeiten kann auch andere motivieren, sich zu engagieren. Unter dem Dach der Erzbischöflichen Stiftung Köln gibt es ja vielfältige Möglichkeiten, sich auch in den unterschiedlichsten Bindungen zu engagieren. Und ich finde, dass wir als Kirche gar nicht viel erklären müssen, warum wir uns im Stiftungsbereich engagieren. Der Stiftungsgedanke passt genuin zu unserer Botschaft als Kirche: Beim Stiften geht es darum, über die Perspektive des eigenen irdischen Lebenshorizontes hinaus zu denken und zu handeln. Das ist eine Perspektive, die uns Christen zutiefst eigen ist. Deshalb finde ich das Leitwort des Stiftungszentrums „Stiften ist Hoffnung in die Zukunft“ einfach großartig. Es beschreibt genau das, was uns ausmacht: nämlich mutig nach vorne zu gehen. 

Ausblick auf die Zukunft der Stiftungen

Frage in die Runde: Stiftungen und kirchliche Verwaltung: Wie sehen Sie den Zusammenhang von „guter“ Verwaltung und dem Anliegen, nah an den Menschen zu bleiben? 

Antwort Elke Böhme-Barz: Eine gute Verwaltung ist die Basis für jede Beziehungsarbeit. Ohne das kann ich mich nicht mit den Stiftern unterhalten. Viele wissen über Finanzen selber gut Bescheid. Und man muss ganz klar, ganz transparent sein. Nur so kommt man an interessierte Stifter heran. Die Transparenz und Verwaltung kann zu Beginn sogar ein Thema sein. Deshalb haben wir die Finanzverwaltung unserer Stiftungen immer von einem externen Wirtschaftsprüfer testieren lassen.

Antwort Saša Babli: Wir verstehen uns als Treuhänder der Stifter und des Stifterwillens. Aus diesem Selbstverständnis heraus betrachtet ist eine effiziente und gute Verwaltung eine Selbstverständlichkeit. Die gute Verwaltung ist demnach, wie Frau Böhme-Barz sagt, die Basis, die Pflicht. Die Entwicklung einer Stiftung und alles, was damit zu tun hat, ist dann gleichsam die Kür. Insofern sind eine gute Verwaltung und das Anliegen, nah am Menschen zu sein, einander zugeordnet.  

Antwort Patrick Jung: Stifterinnen und Stifter vertrauen uns ja nicht nur ihr Geld an, sondern sie vertrauen uns zum Teil zutiefst persönliche Anliegen an, die ihnen über den Horizont ihres eigenen Lebens hinaus wichtig sind. Bei allem, was wir hier tun, steht der Mensch im Mittelpunkt. Der Kontakt und das Gespräch von Mensch zu Mensch ist die entscheidende Basis unserer Arbeit. In der Verwaltung müssen wir natürlich solide und verlässlich arbeiten, uns an hohe fachliche und ethische Standards halten. Davon muss jede Stifterin und jeder Stifter ganz selbstverständlich ausgehen dürfen.  

Frage an alle: Die Finanzmittel der Kirche werden in den nächsten Jahren weniger werden. Welche Aufgaben und Bedeutung messen Sie in diesem Zusammenhang den Stiftungen in Zukunft bei?

Antwort Patrick Jung: Ich glaube, Stiftungen werden weiter an Bedeutung gewinnen. Natürlich wird die schwindende Finanzkraft nicht durch Stiftungsmittel substituiert werden können. Aber ich glaube, Stiftungen werden auf Zukunft hin ganz wichtige Akzente in vielfältigen Bereichen setzen können. Es gibt so viele Felder kirchlichen Lebens, in denen es engagierte Menschen braucht, die subsidiär Verantwortung übernehmen und dadurch Zeichen setzen, wie Kirche vor Ort wirken kann. 

Antwort Elke Böhme-Barz: Im Gespräch mit Stiftern ist immer zu erkennen gewesen, dass sie nach der Gründung ein sehr sinnhaftes Gefühl, ich möchte sagen ein Glücksgefühl, in sich getragen haben. Sie haben etwas getan, das über ihr Leben hinausgeht, und das schenkt oft tiefen Frieden. Viele sind erleichtert, weil sie eine Idee festlegen konnten, für die Zeit des „Danach“. Und wenn sie das ihren Freunden oder innerhalb der Familie weitergeben, bedeutet das für viele einen großartigen Sinninhalt. Das ist für mich auch ein wichtiger Aspekt, den wir als Kirche weiterhin aktiv anbieten sollen. 

Antwort Saša Babli: Stiftungen bieten ja die Möglichkeit, aktiv am Kirchengeschehen teilzuhaben. Stifterinnen und Stifter können „ihre“ Themen einbringen, selber gestalten und nach vorne bringen. Unsere neuesten Stiftungen sind alle von Stifterinnen und Stiftern bereits zu Lebzeiten gegründet worden. Wir sind froh, sie mit unserem Wissen dabei unterstützen zu können. Ich denke, das wird in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen, dass Menschen innerhalb der Kirche mehr Verantwortung übernehmen. Der mündige Gläubige wird mehr gefordert sein und sich bewegt fühlen, aktiver mitzugestalten. 

Frage an Saša Babli und Elke Böhme-Barz: Wie trägt das Stiftungszentrum dazu bei, dass die Menschen sich aktiv in die Stiftungsarbeit einbringen können? 

Antwort Saša Babli: Alle lebenden Stifterinnen und Stifter, die Stiftungen und Stiftungsfonds gegründet haben, sind bei uns auch aktiv Mitglieder der Kuratorien oder bestimmen, wer ins Kuratorium entsandt werden soll. Das Kuratorium entscheidet auch über die Verwendung der Mittel. Es hat damit eine Art Aufsichts- oder Kontrollfunktion über das Wirken der Stiftung und bestimmt auch, wenn Satzungen auf veränderte Verhältnisse und Umstände angepasst werden müssen. 

Antwort Elke Böhme-Barz: Stifterinnen und Stifter werden von Beginn an bei der Satzungsgestaltung mit eingebunden und schreiben gleichsam mit. Wir bitten die Stifter immer darum festzuhalten, was ihre Motivation zur Gründung ist. Da war ich oft völlig überrascht, welche Ideen und Herzensanliegen Stifterinnen und Stifter haben. 

Schlussfrage an Patrick Jung: Wenn Sie einen Wunsch für eine eigene Stiftung hätten, welchen Satzungszweck würden Sie der Stiftung geben?

Antwort Patrick Jung: Einen konkreten Zweck könnte ich so spontan gar nicht nennen. Es muss auf jeden Fall etwas mit der schon erwähnten ‚Hoffnung in die Zukunft‘ zu tun haben. Denn ich glaube, wenn wir hier im Stiftungszentrum unsere Arbeit gut und glaubwürdig machen wollen, dann müssen wir alle diese Hoffnung in die Zukunft in uns tragen.