Bachs Messe in h-moll

Abschlussgottesdienst im Kölner Dom: "Melodien öffnen den Tresor unseres Herzens"

Ein Pontifikalamt mit Rainer Maria Kardinal Woelki sowie 360 jungen Chor-Sängerinnen und -Sängern im Kölner Dom war einer der Programmpunkte zum Abschluss der KirchenMusikWoche 2018. In seiner Predigt würdigte der Kölner Erzbischof die Rolle der Musik in Gottesdiensten. "Ich bin mir sicher, das können wir alle hier bestätigen, dass es Melodien sind, die im letzten den Tresor unseres Herzens öffnen, besser als alles andere", erklärte er.

7 Bilder
Abschlussgottesdienst zur KirchenMusikWoche 2018 im Kölner Dom

"Einfach himmlisch!" mit h-Moll-Messe eröffnet: Mit allen Sinnen Gott begegnen

Bachs h-Moll-Messe bildete zum Auftakt der KirchenMusikWoche im Erzbistum den musikalischen Rahmen für eine dreieinhalbstündige Eucharistiefeier in St. Maria im Kapitol. Im Zentrum der Liturgie stand der Begriff „Heimat“.

Wer bis Punkt Mitternacht ausgeharrt hatte, konnte sich reich beschenkt fühlen. Denn er hatte ein liturgisches Fest mit allen Sinnen erlebt. Die Einbettung von Bachs h-Moll-Messe in eine Eucharistiefeier, ergänzt um sorgfältig gewählte Texte aus der Bibel, aber auch aus der Gegenwartsliteratur zu den aktuellen Themen „Heimatsuche“, „Heimatverlust“, „Exil“ und „Aufbruch“, sorgte stellenweise nicht nur für Gänsehautfeeling.

Vieles war anders als sonst. Statt großartiger Orgelfanfaren zum Introitus, tasteten sich zunächst Kinder einer Kölner Grundschule mit ihren Taschenlampen, den Boden im Dunkeln absuchend, durch den Kirchenraum; und dann setzte auch schon das Kyrie des Chores ein. Später – das aber erschließt sich erst gegen Ende – werden dieselben Kinder eine Metamorphose durchmachen, sich als Friedensboten verstehen und aufrecht, in bunten T-Shirts strahlend die Kirche wieder verlassen: Die kleinen Flüchtlinge, die heimatlos umherirrten, sind angekommen in ihrer neuen Welt; haben gefunden, was sie nach einer zermürbenden Fluchtgeschichte ersehnt hatten.

Anders erscheint auch die Architektur der romanischen Innenstadtkirche an diesem Abend. Eine ungewöhnliche Ausleuchtung der Konchengewölbe setzt Akzente, hebt filigranes Maßwerk oder die typischen Würfelkapitelle hervor – nicht zum Selbstzweck, eher unaufdringlich und dezent, mehr zur Unterstützung des Gesamtkunstwerkes, als das sich diese Danksagungsmesse mit Domkapitular Dr. Dominik Meiering zum 150-jährigen Bestehen des Diözesan-Cäcilienverbandes zeigt.

Hinter dem Lettner haben der rund 50 Stimmen starke Figuralchor Köln und das Cölner Barockorchester unter der Leitung von Richard Mailänder Aufstellung genommen. Für diese Stunden sind die Sänger und Musiker die Protagonisten und gleichzeitig Teil eines einzigartigen und sehr berührenden liturgisch-musikalischen Gesamtgeschehens, das es so nicht alle Tage gibt und das daher eine Vielzahl an Bach-Fans und Liturgiebegeisterte auf den Plan gerufen hat.

Die Kirche ist mit einigen hundert Besuchern gut gefüllt. Sie erleben, was es heißt, eine ursprünglich für den sakralen Raum geschriebene Monumentalkomposition für gemischten Chor und Orchester, das große Vokalwerk, an dem der Leipziger Thomas-Kantor Bach insgesamt 15 Jahre lang immer wieder gearbeitet hat und das gewohnheitsgemäß aufgrund seiner Länge im Konzertsaal musiziert wird, in die Liturgie und damit genau dorthin zu holen, wo eine solche geistliche Komposition genuin hingehört.

So fremdartig sich zunächst auch der Schlagzeuger Michael Ranta an seinem Percussion-Instrument zur Einstimmung in die Eucharistiefeier ausnimmt, so dezidiert unterbricht dieses in einem Kirchenraum eher ungewöhnliche Element die gefühlte Komfortzone eigener Sicherheit. “Bach kann man nur etwas letztlich völlig Konkurrenzloses entgegensetzen“, erklärt Michael Hater. Er ist Mitglied im Figuralchor und Teil der Arbeitsgruppe, die das Konzept zu diesem außergewöhnlichen Projekt entwickelt hat.

Auch der Bonner Liturgiewissenschaftler Professor Albert Gerhards, ebenfalls Teil des Vorbereitungsteams, betont: „Wenn man diese in sich geschlossene Musik aufbricht und sie in die Messfeier einfügt, muss man auch den liturgischen Ambitus weiten.“ Die traditionelle Vigil, der nächtliche Gottesdienst, habe dafür Pate gestanden, so der Theologe. Bei der Planung sei es darum gegangen, einen Begegnungsraum zu schaffen, „in dem die unterschiedlichen Erfahrungen, kondensiert in den Überlieferungen der biblischen Schriften, der liturgischen Texte, Riten und Künste, besonders der Kirchenmusik, mit den aktuellen Erfahrungen der Teilnehmenden zusammentreffen“.

Entscheidend sei, dass sich die Messbesucher als Mitfeiernde erlebten und Gottesbegegnung mit allen Sinnen ermöglicht werde, formuliert Michael Hater das pastorale Ziel. Und dass an diesem Abend in St. Maria im Kapitol mit dem Communio-Gedanke eine Antwort auf die Heimatlosigkeit des Einzelnen gegeben werde: nämlich dass es eine letzte Heimat nur bei Gott geben kann.

Heimat – das stellte auch Domkapitular Meiering in seiner Predigt heraus – sei gerade aktuell als ein Ort erlebbar, von dem man verjagt, herausgesprengt und vertrieben werde mit der unauslotbaren Hoffnung, sie je wieder zu sehen. „Heimat wird zum Nichtort, wo ich nicht mehr bin“ –  vergleichbar der Verlorenheit des Paradieses, dem Vertriebensein aus der Vollkommenheit der Schöpfung Gottes. Für diejenigen, denen die Heimat genommen wurde, sei sie kein kitschiges Reservat kindlicher Sentimentalitäten, sondern Reservoir ihres Bewusstseins, ihrer Weltsicht und Hoffnungssehnsucht.

„Wir sind daher gefordert, Heimat neu zu schaffen, eine bewohnbare, menschenfreundliche Landschaft zu entwerfen und sie beispielhaft voraus zu leben, vorzuleben,“ unterstrich Meiering. Die Eucharistiefeier sei der Ort, in der sich der Mensch an seine Heimat, seinen Ursprung und sein Dasein in Gott erinnere.

Dass die Messbesucher an diesem Abend etwas von dieser Leben und Heimat spendenden Gegenwart Gottes zu spüren bekamen, war auch das Anliegen von Richard Mailänder. „Mir war wichtig, diese großartige Messkomposition in eine Eucharistiefeier einzubinden“, sagte der Erzdiözesankirchenmusikdirektor. „Wenn nicht hier, wo wir in besonderer Weise Gott begegnen, sollte sonst der ihr zugedachte Platz sein!“

(Beatrice Tomasetti)