Judith Stapf spielt und liest am St. Joseph-Gymnasium

Judith Stapf spielt und liest am St. Joseph-Gymnasium

Das Lied vom Leben, damit sich das Leid nicht wiederholt

Wie schlimm, wie furchtbar, wie unerträglich muss es gewesen sein? Judith Stapf hat sich diese Fragen immer wieder gestellt, wenn sie mit dem KZ-Überlebenden Jerzy Gross gesprochen hatte. Sie las aus „Spiel mir das Lied vom Leben. Judith und der Junge von Schindlers Liste“ vor  Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9 des St. Joseph-Gymnasiums. In diesem Buch schildert Angela Krummen die Begegnung zwischen der damals elfjährigen Rheinbacher Geigerin Judith und Jerzy Gross, alias Michael Emge, der seine Erlebnisse als Häftling erzählt. Christoph Ahrweiler, Inhaber der Buchhandlung Kayser, hat mit der Musikerin die Lesung vorbereitet und gestaltet. Schülerinnen und Schüler der Q1, die im letzten Schuljahr in Auschwitz waren, kamen mit ihr auf der Aula-Bühne ins Gespräch.

Angerührt von der Titelmelodie zu „Schindlers Liste“

Judith war als Kind von der Titelmelodie zu „Schindlers Liste“ so angerührt, dass sie wissen wollte, welche Gefühle dahinterstecken. Sie wollte verstehen, mehr wissen. Sie recherchierte, las ganz viel über die Hitler-Zeit und traf schließlich Gross, der wie sie Geige spielte und die Musik liebte. Die beiden wurden Freunde, besuchten Schulen – vor einigen Jahren aus das SJG – und kamen mit Jugendlichen ins Gespräch. Gross ist 2014 verstorben, doch Judith Stapf macht weiter: „Was Jerzy Gross erlebt hat, darf sich nie wiederholen.“ Christoph Ahrweiler unterstützt ihr Anliegen, von dem Grauen zu erzählen und gegen das Vergessen zu arbeiten. „Wir müssen fremdenfeindlichen Tendenzen entgegentreten“, so der Buchhändler. Dazu gehöre auch, an den Holocaust mahnend zu erinnern. „Wir wollen Menschen sensibel machen, sie informieren und gemeinsam rechtzeitig aufstehen.“

Schülerinnen und Schüler lauschten dem Geigenspiel und der Stimme Judith Stapfs

Die Schülerinnen und Schüler lauschten dem Geigenspiel und der Stimme Judith Stapfs – mucksmäuschenstill. Ihr Wunsch, Musik verstehen zu wollen, Menschen verstehen zu wollen und ihr Versuch, Hitler zu verstehen, sich mit seiner Kindheit zu beschäftigen, bewegte auch sie. „Wenn ich Bücher über den Nationalsozialismus gelesen habe, hatte ich manchmal den Drang, das Buch zuklappen – dachte dann aber, dass ich eigentlich nicht darf, schließlich gab es für die Menschen, die damals leiden mussten, auch keine Pause.“ Sie erzählte den Neuntklässlern von den Dreharbeiten zum gleichnamigen Film. „Es war schwierig für mich, schließlich war ich noch sehr jung. Wohin mit meinen Tränen? Darf ich meine Gefühle zeigen?“

Gross, dem sie zu dessen 80. Geburtstag schenkte, für ihn zu spielen, gab ihr mit auf den Weg: „Genieß das Leben!“ Das habe sie sehr berührt, dass jemand, der nicht mehr glücklich werden konnte, so etwas äußert.

Lena-Sophie Spirolke, Julia Sürtenich, Alexander Denke und Niklas Kröger erzählten im letzten Teil der Lesung von ihrem Besuch des Konzentrationslagers in Auschwitz im Rahmen der Besinnungstage im vergangenen Schuljahr. Wie Judith Stapf hatten auch sie sich die Fragen gestellt: Wie kann es möglich sein, dass Menschen so grausam sind? Wie wäre es gewesen, damals gelebt zu haben? Beeindruckt von den Schuhbergen und Haarmengen, die dort ausgestellt sind, hatten auch sie das Bedürfnis zu mahnen: Die vielen menschlichen Schicksale hätten sie berührt, es sei einfach unvorstellbar, was passiert sei – und es dürfe nie, nie wieder passieren.

 

Berit Keiser