8-Punkte-Plan für verbesserten Schutz vor sexualisierter Gewalt

Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki und Generalvikar Dr. Markus Hofmann haben am 23. März die ersten Konsequenzen verkündet, die sie aus dem Gutachten der Kanzlei Gercke Wollschläger für das Erzbistum ziehen. Am 18. März war die Unabhängige Untersuchung zum Umgang mit sexueller Gewalt im Erzbistum Köln veröffentlicht worden. Kardinal Woelki bekräftigte: „Ich werde alles versuchen zu tun, damit die Kirche besser wird.“

Zu den ersten konkreten Schritten gehört ein 8-Punkte-Plan mit folgenden Maßnahmen, von denen einige zwischenzeitlich bereits (teilweise oder vollständig) umgesetzt wurden:

1. Einrichtung einer unabhängigen Aufarbeitungskommission

Das Erzbistum richtet eine unabhängige Aufarbeitungskommission ein, zu der Kardinal Woelki bereits am 15. März eine Vereinbarung der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Johannes Wilhelm Rörig gegengezeichnet hat. Sie gibt einen verbindlichen – in allen Bistümern einheitlichen – Rahmen für die konsequente Aufarbeitung sexualisierter Gewalt vor.

Eine unabhängige Kommission wird mit Betroffenen, Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis, Justiz und öffentlicher Verwaltung sowie kirchlichen Vertretern besetzt sein, wobei die Mehrheit der Mitglieder, d.h. konkret 5 von 7 Personen mit Kandidaten vom Land NRW und von Seiten der Betroffenen benannt wird.

Die Unabhängige Aufarbeitungskommission hat unter anderem den Auftrag, Empfehlungen zu geben, ob es weitere juristische oder historische Untersuchungen geben wird und wie diese dann gegebenenfalls zu konzipieren sind.

Bis die Kommission ihre Arbeit aufnehmen kann, hat das Erzbistum die Ermittlungsrichterin a.D. Erika Nagel für den bestehenden Beraterstab gewonnen. Mit ihrer Expertise als Ermittlungsrichterin wird sie die Fortführung der unabhängigen Aufarbeitung sicherstellen.

2. Bereitstellung der Mittel für die erhöhten Anerkennungsleistungen für Betroffene

Das Erzbistum erkennt erlittenes Unrecht und Leid an und übernimmt Verantwortung. Dafür hat das Erzbistum 5 Mio Euro im aktuellen Wirtschaftsplan bereitgestellt. 

Die Leistungen zur Anerkennung des Leids stammen nicht aus Kirchensteuermitteln, sondern aus einem Sondervermögen des Erzbistums, im Wesentlichen gespeist durch freiwillige Abgaben von Klerikern aus vergangenen Jahren. Es ist sichergestellt, dass diese Finanzmittel zur Verfügung stehen.

Betroffene sollen Leistungen erhalten auch dann, wenn dies nach staatlichem Recht nicht oder nur schwierig möglich ist. Dabei soll die Gefahr der Re-Traumatisierung vermieden werden. Auch Betroffene, die bereits Leistungen erhalten haben, können sich erneut an die unabhängigen Ansprechpersonen im Erzbistum Köln wenden und einen weiteren Antrag stellen.

3. Regelmäßige Kontrolle beschuldigter Kleriker

Das Erzbistum Köln intensiviert die Kontrolle und Begleitung (substantiiert) beschuldigter Kleriker. Diese werden regelmäßig jeweils von einem beauftragten Team bestehend aus einer psychologischen Fachkraft sowie einem Geistlichen aufgesucht. Die ausgesprochenen Auflagen werden kontrolliert durch persönliche Besuche vor Ort, durch Gespräche mit den betreffenden Personen und auch ihren Vorgesetzten.

Vorrangiges Ziel ist der Schutz von Betroffenen sowie die Vermeidung weiterer Taten. Falls jemand gegen diese Auflagen verstößt, werden die Personen natürlich entsprechend den rechtlichen Bestimmungen zur Verantwortung gezogen.

Dazu hat das Erzbistum Köln zum 1. Juli 2021 die Kommission zur Kontrolle beschuldigter oder straffällig gewordener Kleriker eingerichtet. In die Kommission beruft Kardinal Woelki neben der Leiterin der Stabsstelle Intervention auch andere Personen mit verschiedenen fachlichen Qualifikationen im psychologischen, personalfachlichen und kirchenrechtlichen Bereich.

Die Mitglieder der erzbischöflichen Kommission werden von Kardinal Woelki zunächst für eine Dauer von drei Jahren beauftragt und beraten den Erzbischof in der Wahrnehmung seiner Aufsichts- und Fürsorgepflicht für alle Kleriker, die mit entsprechenden Auflagen belegt sind.

(Stand: 30. Juni 2021)

4. Personelle und organisatorische Stärkung der Intervention

Wenn Fälle aus der Vergangenheit neu bekannt werden oder aktuell ein Missbrauchsverdacht besteht, dann wird unsere Stabsstelle Intervention tätig, klärt den Sachverhalt, spricht mit allen betroffenen Personen und eröffnet ein geregeltes Verfahren bis hin zur umgehenden Meldung bei der Staatsanwaltschaft. Bisher waren in der Intervention drei Personen tätig. Es wurde nun eine 4. Stelle eingerichtet, die Ende April 2021 besetzt wurde.

Für die langfristige Stärkung wird zeitnah eine „Arbeitsgruppe Intervention“ eingerichtet, die die konkreten strukturellen und inhaltlichen Empfehlungen in ein Zukunftskonzept überführt.

(Stand: 30. April 2021)

5. Evaluierung und Weiterentwicklung der Prävention

In den letzten 10 Jahren wurden über 100.000 Menschen in der Prävention sexualisierter Gewalt geschult. 87% aller Pfarreien haben bereits Schutzkonzepte entwickelt und umgesetzt. Das zeigt: Der Schutzauftrag ist im Regelbetrieb integriert.

Ziel war es, sichere Orte zu schaffen, in denen uns anvertraute Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, die besonders schutzbedürftig sind, sich sicher aufgehoben fühlen und verstanden werden.

Gemeinsam mit den anderen Bistümern in Nordrhein-Westfalen stellt das Erzbistum Köln sicher, dass wissenschaftlich ausgewertet und evaluiert wird, ob die bisher geleistete Präventionsarbeit wirksam ist und wie sie gegebenenfalls auch in ihrer Effizienz gestärkt werden kann.

6. Zukünftige Arbeit des Betroffenenbeirats entsprechend der DBK-Richtlinien

Der Betroffenenbeirat im Erzbistum Köln war der erste seiner Art in den Diözesen in Deutschland. Die Wiederbesetzung im Laufe dieses Jahres wird nach den Standards und Regeln der Deutschen Bischofskonferenz geschehen, die es bei der Erstbesetzung des Betroffenenbeirates vor 3 Jahren noch nicht gab.

Gerade für die Frage der besseren „Opferfürsorge“ braucht das Erzbistum die Sichtweise der Betroffenen, um zu klären, wie sich das Erzbistum besser aufstellen kann.

7. Verbesserte Aktenführung durch Digitalisierung, Nachverfolgbarkeit und Manipulationssicherheit 

Das Erzbistum hat alle Personalakten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im pastoralen Dienst bereits durch eine Fachfirma manipulationssicher digitalisieren lassen. Mit der Einführung einer manipulationssicheren Personalaktenführung und der Umstellung auf ein digitales Dokumenten-Management-System hat das Erzbistum Köln bereits in den Jahren 2018/2019 bei den Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten begonnen.

Dieser Vorgang wurde bis Ende Juni auch bei den Klerikern erfolgreich mit Hilfe einer Anwaltskanzlei abgeschlossen. Somit werden ab dem 1. Juli 2021 die Personalakten aller Mitarbeitenden des Erzbistums Köln digital und manipulationssicher geführt.

(Stand: 30. Juni 2021)

8. Veränderungen in der Priesterausbildung

In Zukunft werden Frauen deutlich stärker als bisher in der Priester­ausbildung tätig. So hat seit 1. Juni 2021 erstmals eine Frau die Stelle für die Studienleitung der Diakone und Seminaristen inne. Bisher war sie mit einem Priester besetzt.

Mit dem im vergangenen Herbst begonnenen Ausbildungs­jahrgang ist ein eigenes Vorbereitungsjahr, das sog. Propädeutische Jahr, eingeführt worden, in dem neben dem Erlernen der biblischen Sprachen vor allen Dingen auch Einsätze im sozialen Bereich stattfinden.

Bereits seit der MHG-Studie 2018 hat das Erzbistum für alle Priester­kandidaten am Beginn ihrer Ausbildung ein psychologisches Prüf- und Analyse­verfahren eingerichtet. Diese psychologische Standort­bestimmung gibt den Studierenden selbst und den Ausbildungs­verantwortlichen die Gelegenheit, um zu einer validen Wahrnehmung ihrer Situation zu kommen.

(Stand: 26. Mai 2021)

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