(c) Manuela Markolf

Ab auf die Alm

  • 12.05.20, 14:44
  • Manuela Markolf

Was als einmalige Auszeit vom Alltag gedacht war, hat Sozialarbeiterin Manuela Markolf verändert. Erfahrungen eines Bergsommers mit Tieren, körperlicher Arbeit und tiefer Zufriedenheit.

Ich stehe auf der Terrasse und wische die Tische ab, als ich das Bimmeln der Kuhglocken und „Muhen“ höre. Einige Rinder kommen aus dem Wald gelaufen, um sich am Wassertrog auf der Lichtung zu stärken. Im eingezäunten Bereich grast Berta, unsere Milchkuh. Sie hebt, aufgeschreckt vom Lärm, den Blick. Dann läuft sie zum Zaun, um die Rinder zu begrüßen. Ich genieße das Schauspiel vor dem wunderschönen Bergpanorama, die frische Luft und denke einmal mehr: Was für ein toller Arbeitsplatz! Es ist ein Arbeitsplatz auf Zeit: Drei Monate bin ich auf einer Alm in Südtirol – raus aus der Stadt, raus aus dem Alltag, raus aus meinem Job. Um die 120 Rinder, zwei Esel und sechs Pferde kümmert sich der Hirte. Meine Aufgabe besteht darin, die Wandergäste zu bedienen, Geschirr zu spülen, der Alm-Pächterin in der Küche zu helfen, zu putzen, die Hühner zu versorgen und morgens und abends die Kuh zu melken. Einen freien Tag in der Woche gibt es nicht, dafür viele schöne Augenblicke.

Vorsicht Suchtgefahr!

Jedes Jahr zieht es viele Menschen in Österreich, Italien, der Schweiz, aber auch in Bayern in den Sommermonaten auf die Alm. Sie hüten Schafe, Ziegen, Rinder, Milchkühe. Manche käsen direkt auf der Alm, andere liefern die Milch ins Tal, wo sie weiterverarbeitet wird. Viele betreiben – wie auf „meiner“ Alm in Südtirol – eine Gastronomie für Wanderer. Reich an Geld wird niemand davon. Trotzdem freuen sich Älpler schon im Winter, wieder „zalp“ – wie es in der Schweiz heißt – gehen zu dürfen. Viele gestalten ihr Leben um diese, je nach Schnee-lage in den Bergen, drei oder vier Monate herum. Sie nehmen Unsicherheit und Ungewissheit in Kauf, suchen sich, kaum runter von der Alm, einen Winterjob und im Frühjahr dann wieder eine Almstelle. Den wenigsten gehört die Alm – weder das Gebäude noch das dazugehörige Gelände. Einige haben die Alm für mehrere Jahre gepachtet und müssen sich jeden Sommer ein neues Team zusammenstellen. Denn für viele Helfer ist es eine einmalige, besondere Auszeit vom beruflichen Alltag. Die „Gefahr“ dabei: Es macht süchtig! 

Tierische Ruhe

Auch ich bin „Wiederholungstäterin“. Das Almleben lernte ich in der Schweiz kennen, wo ich während eines längeren Urlaubs als Käseschmiererin mitgeholfen habe. Ich wohnte allein in einer Hütte und spazierte einmal am Tag eine halbe Stunde zum Käsekeller, schmierte dort die Käselaibe mit einem Salz-Wasser-Gemisch ein und hatte den Rest des Tages frei. Als der Senner sich bei einem Unfall ein Bein brach, half ich der Sennerin auf der Alp aus, die eine Stunde Fußweg entfernt war: Ziegen melken, Stall ausmisten, Melkgeschirr reinigen, kochen... Ich lernte, mit dem zu wirtschaften, was an Lebensmittelvorräten und Utensilien da war, und merkte, wie gut das Draußen- und In-Bewegung-Sein und die körperliche Arbeit tun. Da braucht es keine App, um zu überprüfen, ob man täglich 10.000 Schritte gemacht hat. Nach dem Mittagessen rasteten wir manchmal mit einer Tasse Kaffee auf der Holzbank vor der Hütte, genossen die Wärme der Sonne, die Ruhe und den phänomenalen Ausblick. Es faszinierte mich, die Persönlichkeit jedes Tieres zu entdecken und sie nicht als Dinge wahrzunehmen, die fressend in einem Stall stehen. Die Milch hat die Sennerin vormittags direkt auf der Alm verkäst. Sobald sich um die Käselaibe eine erste Rinde gebildet hatte, wurden sie in den Käsekeller im Tal gebracht, wo ich sie schmierte und sie reifen konnten.  

Veränderte Perspektive

Wer weiß, wie viele Arbeitsschritte und Ressourcen in einem Stückchen Käse stecken, isst ihn bewusster. Das ist mir erhalten geblieben, auch zurück in Köln. Und während mir nach dem Käseschmierer-Sommer als erster Almerfahrung das Leben dort noch exotisch und fremd vorkam, erstaunt es mich inzwischen, drei Almaufenthalte später, wie unnatürlich wir unseren Alltag in unserem derzeitigen gesellschaftlichen System gestalten. Ich bin froh zu wissen, wie wohltuend es ist, Holz zu holen und Feuer zu machen, um darauf zu kochen. Das Wissen darum wird mich auch künftig davon abhalten, „Alexa“ oder eine andere technische Box anzuweisen, den Herd anzuschalten.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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