(c) Robert Boecker

Adoption - eine Entscheidung fürs Leben

  • 06.07.21, 15:57
  • Brigitte Schmitz-Kunkel
  •   Kurz und Knapp

Gemütlich ist es hier. Ein altes Haus in einem kleinen Ort westlich von Köln. Draußen Garten, drinnen Holz, viele Bücher und fröhliche Kinderfotos an den Wänden. Eine ganz normale Familie, die Webers – fast. Dietmar und Susanne Weber arbeiten beide im Jugendbereich. Früh war dem Paar klar, dass es eigene Kinder haben, eine Familie gründen möchte. Doch wie das manchmal so ist: Es klappte nicht; irgendwann stand fest, dass sich der Kinderwunsch auf natürlichem Weg nicht erfüllen lassen würde. Heute leben sie gemeinsam mit ihrem Adoptivsohn Friedrich (9) und der sechsjährigen Adoptivtochter Deniz (alle Namen geändert). Kein einfacher Weg, aber am Ende ein glücklicher, für alle Beteiligten.

Der Schwangerschaft nicht nachgetrauert

„Wir wussten anfangs nicht viel über Adoptionen“, erklärt Dietmar Weber und erzählt von der Sorge, vielleicht sehr lange auf ein Kind warten zu müssen. Von einer Auslandsadoption sahen die beiden nach einer ersten Informationsveranstaltung ab. „Wenn man sich auf den Weg macht, kommt man an Fragen“, sagt Weber. „Zum Beispiel: Bin ich der Richtige dafür, dem Kind die spätere Suche nach seinen Wurzeln in einem Land zu ermöglichen, zu dem ich keine Verbindung habe? Da habe ich gemerkt, dieses Päckchen ist für mich zu viel.“ Einzusehen, dass es mit einem eigenen Kind nichts wird, sei für sie erst einmal der schwierigere Schritt gewesen, ergänzt Susanne Weber. „Dann war das aber auch abgeschlossen. Ich habe dem nicht hinterhergetrauert und denke auch jetzt nicht, es wäre vielleicht anders, wenn es unsere eigenen Kinder wären.“

Intensive Vorbereitung

Es sind existenzielle, intime Fragen, denen sich künftige Adoptiveltern ehrlich stellen müssen – für die eigene Zukunft, vor allem aber für das kleine Kind, dessen Wohl bei dieser lebensbestimmenden Entscheidung im Mittelpunkt steht. Aufnehmende Paare durchlaufen ein aufwendiges Verfahren etwa beim Sozialdienst katholischer Frauen e.  V. (SkF) in Köln, über den auch Deniz zu Susanne und Dietmar Weber kam. In einer intensiven Vorbereitung und jahrelangen Begleitung betreut hier Corinna Sturm mit ihrem Team die Paare. „Wir sehen es als unsere Aufgabe, ihnen an die Hand zu geben, was Adoption bedeutet“, erklärt sie. „Jedes Kind bringt ja seine Herkunftsgeschichte mit in die Familie“, sagt Susanne Weber, einen „Rucksack“ nennt es Corinna Sturm, die nach Eltern sucht, die genau diesen Rucksack tragen können. Das müssen beide Partner auch für sich selbst klären. „Kann man sich vorstellen, das Kind einer Prostituierten aufzunehmen, oder ein Kind, das aus einer Vergewaltigung entstanden ist? Was, wenn die Mutter suchtkrank war, das Kind behindert sein könnte?“, zählt Susanne Weber auf. Weil Einrichtungen wie der SkF etwa mit dem Netz „Frühe Hilfen“ nach Lösungen suchen, wie Kinder auch in der leiblichen Familie bleiben können, werden weniger Kinder als früher zur Adoption vermittelt; etwa sechs bis acht Kinder sind es beim SkF im Jahr, rund 50 Paare sind im Wartemodus. Derzeit baut der Sozialdienst auch einen Pflegekinderdienst auf, da ein „Riesenbedarf“ an Paaren besteht, die im Bereitschaftsnotdienst oder längerfristig ein Kind aufnehmen können, ohne es zu adoptieren.

Frage nach der leiblichen Mutter

Die Frage nach den leiblichen Eltern ihrer Kinder berührt natürlich auch Susanne und Dietmar Weber. Corinna Sturm spricht vom „Adoptionsdreieck“ der Beteiligten, die ja fürs Leben verbunden sind. Über die Adoption hinaus begleitet sie schwangere Frauen oder Paare, die sich nicht in der Lage sehen, ihr Kind aufzuziehen – bis hin zu späteren Treffen zwischen ihnen, ihrem Kind und den Adoptiveltern. Eine enorme emotionale Herausforderung, die da von allen Seiten zu bewältigen ist.  Während sich Webers und die leibliche Mutter von Deniz kennengelernt haben, war das bei Friedrich nicht möglich. Seine Mutter ließ ihn nach der Geburt (noch namenlos) im Krankenhaus – kaum nachvollziehbar für ein Paar, das sich sehnlich ein Kind wünscht. Dennoch „habe ich Respekt vor abgebenden Eltern“, erklärt Susanne Weber, „wenn jemand sagt, ich kann dem Kind nicht geben, was es braucht“. „Auch Friedrichs Mutter hat letzten Endes dafür gesorgt, dass er gesund auf die Welt gekommen ist und dass es ihm gut geht“, bestärkt ihr Mann.

Und so wurden Susanne und Dietmar Weber von einem Tag auf den anderen Eltern ihres ersten Kindes, ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag. Überraschung, ein bisschen Überforderung, Unterstützung im Krankenhaus, auch von Familie und Freunden – und: Freude in Reinform. Der Anfang als Familie? „Schön“, erinnert sich Susanne Weber mit Glanz in den Augen. „Eigentlich hatte ihn immer jemand auf dem Bauch liegen, eng und warm und kuschelig, wie diese Babys das so sehr brauchen, für die ja wirklich alles neu ist.“ Glück haben sie gehabt, Friedrich und Deniz. „Und wir“, sagt ihr Vater.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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