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Adveniat-Aktion: Schere und Teiglöffel für ein neues Leben

  • 09.12.19 14:31
  • Christina Weise
  •   Im Auftrag des Herrn

Zwei Stühle, zwei Spiegel, zwei Rollwagen und eine Vitrine. Guadalupes kleiner Friseursalon ist komplett eingerichtet. An der großen Scheibe rechts neben der Tür hängt ein Bild von ihr in violetter Jeansjacke. Guadalupe strahlt mehr als auf dem Foto, als sie die Glastür aufschließt und das Licht einschaltet. „Nie hätte ich gedacht, dass ich einen richtigen Beruf und eine Familie haben werde“, sagt die 21-Jährige und streichelt ihrem kleinen Sohn über den Kopf, der sich vor seinem größeren Bruder hinter ihren Beinen versteckt. Guadalupes Salon befindet sich im Zentrum von El Alto, der Millionenstadt oberhalb von La Paz in Bolivien und einer der ärmsten Städte der Welt. Die Straßen hier kennt Guadalupe gut. Zwischen den fliegenden Händlern, Müllsammlern, Marktfrauen, den Bars und Bordellen hat sie gelebt, nachdem sie von zu Hause geflohen war. „Meine Mutter hat mich geschlagen. Mit der flachen Hand, dem Besenstiel oder der Gürtelschnalle. Hier hat sie mich mit einem Messer verletzt.“ Sie zieht die Ärmel ihrer schwarzen Strickjacke hoch und zeigt die Narben. Eines Tages hielt sie es nicht mehr aus. Ihre Mutter war wieder betrunken und die elfjährige Guadalupe lief von zu Hause weg. Auf der Straße trank sie und schnüffelte Lösungsmittel. Wegen der Kälte, des Hungers und um zu vergessen: die Worte, die Berührungen, die Gerüche der Männer. Manchmal musste sie sich mehrmals am Abend prostituieren. Sie war beliebt: hübsch, gesund, jung. Je jünger ein Mädchen ist, desto mehr Geld verdient es. Das brauchte sie für Essen und ein kleines, einfaches Zimmer, das sie sich mit fünf anderen Mädchen teilte.

Hilfe für die, die niemanden interessieren

Wie viele Kinder und Jugendliche auf den Straßen von El Alto leben, ist unklar, offizielle Zahlen gibt es nicht. Schätzungen reichen von 500 bis 1.500. Sie sind hochgradig gefährdet, besonders die Mädchen, und jeder Form des Missbrauchs ausgesetzt, wie Kinderarbeit, Drogenkonsum oder sexueller Ausbeutung. Deswegen fängt die Stiftung Munasim Kullakita die Mädchen auf und fördert sie, damit sie zu selbstbewussten jungen Frauen heranwachsen. „Unser Ziel ist es, sie zu stärken und wieder in die Gesellschaft zu integrieren“, erklärt Reyna Cachi Salamanca, Psychologin und Direktorin des Mädchenheims, das von dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. Hier leben sie in einer sicheren Umgebung und haben einen geregelten sowie durchstrukturierten Alltag und gleichzeitig Freiheiten. Sie besuchen eine normale Schule, haben Hobbys und treffen Freunde.

„Möchte Vorbild für meine Kinder sein“

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Auch in Peru haben mehr als ein Sechstel der Jugendlichen, die Mehrheit davon Frauen, weder eine Arbeit noch eine Ausbildung. Yasmery Zurita Montoya hat nicht einmal einen Schulabschluss. Mit 16 Jahren wurde sie zum ersten Mal schwanger, ihr Mann arbeitete damals in einer anderen Stadt und kam nur einmal im Monat zu Besuch. Im Abstand von jeweils zwei Jahren folgten zwei weitere Kinder. Seit ihr Mann vor einem Jahr am Herzen operiert wurde und nicht mehr arbeiten darf, ernährt Yasmery die fünfköpfige Familie. „Mama, ich möchte ablecken.“ Der vierjährige Brando zupft an dem geblümten Kleid seiner Mutter und verlangt den Teiglöffel.

Wenn sie ihre leckeren Kuchen und Törtchen backt, weicht er nicht von ihrer Seite. In der einfachen, bunt gestrichenen Wohnung duftet es nach Schokolade. Trotz der Hitze, die konstant in ihrer Heimatstadt Jaén im Norden Perus herrscht, steht die 22-Jährige jeden Tag am Backofen. Das Gebäck verkauft sie an Privatleute, in Schulen, auf Festen und an ihren Mann, der einen kleinen Kiosk betreibt. Mit ihrem staatlich anerkannten Abschluss in drei Monaten kann Yasmery mehr Geld für ihre Backwaren verlangen und auch an größere Abnehmer verkaufen. Nie zuvor hat Yasmery in ihrem Leben Unterstützung erfahren, durch die Ausbildung wagt sie zu träumen: von einer kleinen Konditorei im Zentrum der 80.000-Einwohner-Stadt, in der sie „das beste Gebäck von Jaén“ herstellt. „Ich möchte etwas erreichen in meinem Leben, Neues lernen und ein gutes Vorbild für meine Kinder sein.“ 

Spendenkonto Adveniat bei der Bank im Bistum Essen:IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45

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