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Adveniat: Zum ersten Mal im Leben etwas Ruhe

  • 20.12.21, 15:26
  • Sandra Weiss
  •   Im Auftrag des Herrn

Nayeli schaut aus dem Autofenster und lässt die fremde Großstadt auf sich wirken: hupende Autos und lila blühende Jacaranda-Bäume, fliegende Händler, die an den Ampeln lautstark Getränke, Kaugummis und Plastikspielzeug. Seit drei Monaten ist die junge, schlanke Frau mit dem ernsten Blick in Mexiko-Stadt. Die 20 Millionen Einwohner zählende Großstadt ist noch immer ein fremdes, überwältigendes Etwas für die 24-Jährige aus Honduras. Gerade ist sie auf dem Weg zum Frauenarzt, denn in vier Monaten kommt ihr drittes Kind zur Welt. Eines, dem sie das Schicksal seiner beiden älteren Geschwister ersparen will. Die Armut, die Schläge und die Aussichtslosigkeit, mit der sie in Honduras Tag für Tag konfrontiert war. Könnte Mexiko-Stadt die Befreiung bringen? Nayeli seufzt: „Ich weiß es nicht. Manchmal habe ich Angst.“ Monate zuvor war sie aus ihrer Heimat geflüchtet, vor einem prügelnden Mann, vor kriminellen Banden, vor Armut und Perspektivlosigkeit. Immer wieder hatte ihr Mann sie unterwegs eingeholt. Zuletzt vor drei Monaten. Passanten brachten sie zum UN-Flüchtlingshilfswerk, als sie sich in der südmexikanischen Grenzstadt Tapachula vor ein Auto werfen wollte. Ihre Lippe blutete, ihr Körper war von Hämatomen übersät. Einen Tag später saß sie im Bus nach Mexiko-Stadt, in der Tasche eine Telefonnummer und eine Adresse. „Casa Mambré“ hieß ihr Ziel. Die Flüchtlingsunterkunft wird mit Unterstützung des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat vom Orden der Scalabrinianerinnen betrieben. Dort finden sogenannte „humanitäre Notfälle“ wie Nayeli Schutz. 50 Plätze gibt es in der Unterkunft – von insgesamt nur 200 in Mexiko-Stadt.

Sicherheit, vor allem Sicherheit

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Das Gebäude liegt mitten im Herzen der Großstadt, ein unscheinbarer, zweistöckiger Betonbau mit einer hellgrauen Metalltür. Daneben das Außenministerium, dahinter ein verschachteltes Arbeiterviertel, in dem sich redliche Familien die Innenhöfe mit Diebes-und Drogenbanden teilen. Eine Kamera im Eingangsbereich der Casa Mambré filmt jede Bewegung. Ein Wachmann notiert die Namen von jedem, der ein- und ausgeht. Alle müssen eine Kontrolle mit einem Metalldetektor passieren. Diskretion und Sicherheit sind der Heimleiterin Schwester Arlina Barral sehr wichtig. 

Denn bei ihr finden ausschließlich politisch Verfolgte und humanitäre Flüchtlinge, deren Leben in Gefahr schwebt, Unterkunft. Nayeli ist über diese Sicherheit sehr froh. Zum ersten Mal in ihrem Leben kann sie etwas zur Ruhe kommen und muss sich nicht ständig Sorgen machen oder nach Gefahren Ausschau halten. In der Casa Mambré ist für alles gesorgt: Dreimal am Tag gibt es Essen, wenn nötig neue Kleider und Hygieneartikel. Auf der Dachterrasse können die Kinder spielen, während ihre Mütter Wäsche waschen und zum Trocknen aufhängen. Dreimal die Woche sind ein Arzt und ein Psychologe im Haus. Sozialarbeiterinnen helfen bei Behördengängen oder malen, spielen und lernen mit den Kindern und Jugendlichen.

Mit Gottes Hilfe

So kann Nayeli ihr noch junges Leben neu überdenken. Noch mehr aber geht es ihr um die Zukunft ihrer bald drei Kinder. Henry ist acht, ein stiller Junge mit großen, dunklen Augen; die vierjährige Ana hingegen ist ein launisches Mädchen mitten in der Trotzphase. Henry habe viele schlimme Dinge gesehen, murmelt Nayeli. Mit ihm geht sie einmal die Woche in der Casa Mambré zum Psychologen. „Er macht Fortschritte“, hat sie festgestellt. Er könne sich besser konzentrieren und streite weniger oft mit seiner Schwester. Als Nayeli neulich nachts aufwachte, schweißgebadet und mit Krämpfen, zögerte Barral deshalb keine Sekunde und fuhr sofort zur Notaufnahme ins Krankenhaus. Zum Glück konnten die Ärzte die junge Frau wieder stabilisieren. „Dem Baby geht es gut“, sagt sie nach dem Besuch beim Frauenarzt und schaut auf das neueste Ultraschallbild. Noch befindet es sich in seiner eigenen Welt, durch den Bauch der Mutter abgeschirmt von den Geräuschen und Gerüchen der Großstadt, von den Sorgen, aber auch vom Lachen der Geschwister und der Sonne, die über dem Horizont der Metropole hängt wie ein orangeroter Ball. Es ist der Moment, in dem die Dohlen unter lautem Geschrei ihre Schlafplätze in den Bäumen der Grünanlagen suchen. Es ist der Moment des Innehaltens. „Wir haben viel durchgemacht. Mit Gottes Hilfe wird die Zukunft besser werden“, ist sich Nayeli sicher.

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