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Amazonassynode: Der Traum des Papstes

  • 27.02.20 11:09
  • Lars Schäfers
  •   Kurz und Knapp

„I have a dream“ – so heißt die berühmte Rede des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King, die als ein Meisterwerk der Rhetorik gilt. Auch Papst Franziskus hat einen Traum, der sich in vier Visionen für die südamerikanische Amazonasregion fächert: eine soziale, eine kulturelle, eine ökologische und eine kirchliche. Diese Visionen entfaltet der Papst in seinem jüngsten Dokument „Querida Amazonia“: „Ich träume von einem Amazonien, das …“ – In dieser Form beschreibt er seine persönlichen Vorstellungen von der Zukunft der weltweit größten Regenwaldregion als seine Antwort auf die Amazonassynode des vergangenen Oktobers. Die Diskussionen über seine in diesem Schreiben enthaltenen Aussagen zu den umstrittenen Themen Zölibat, Weiheämter und die Rolle der Frau in der Kirche halten an. Es lohnt sich aber ebenfalls ein genauerer Blick auf die spezifisch sozial-ökologische Vision des Pontifex für die Amazonasregion, die er nicht zuletzt in globalen Zusammenhängen sieht: „Das Gleichgewicht des Planeten hängt auch von der Gesundheit Amazoniens ab“. Franziskus schließt damit an seine sozialethische Enzyklika Laudato si’ von 2015 an, wenn er abermals in klaren Worten anmahnt, die Klage der Armen genauso zu vernehmen wie die Klage der Natur.

Für ein „buen vivir“ in Solidarität mit Amazonien

Auch wenn die verheerenden Brände vom vergangenen Sommer nun schon eine Weile zurückliegen und das mediale Interesse an der Regenwaldregion größtenteils verflogen ist, bleiben die Missstände dort bestehen: Die Ausbeutung der Natur durch kleine regionale Eliten und internationale Konzerne schreitet fort, und das ohne dass die unmittelbar betroffenen Menschen hiervon wirtschaftlich profitieren würden; sie verlieren vielmehr ihren Lebensraum. Daher ist die soziale Vision des Papstes „ein Amazonien, das alle seine Bewohner integriert und fördert, damit sie das „buen vivir“ – das „gute Leben“ – dauerhaft verwirklichen können. Es ist jedoch ein prophetischer Schrei und mühsamer Einsatz für die Ärmsten notwendig“. Diese soziale Vision ist ein deutliches Plädoyer für die Überwindung „kolonialer Mentalitäten“, für den Wert der Solidarität und eine konsequente Anwaltschaft der Kirche für die Indigenen dieser Region. Wenn auch viele mit Blick auf innerkirchliche Fragen von „Querida Amazonia“ enttäuscht sein mögen, die sozialethische Botschaft, die die eigentliche Quintessenz des Dokuments ist, schmälert dies nicht im Geringsten in ihrem Wert und ihrer Notwendigkeit, beachtet zu werden. Und das gilt keineswegs nur für die Menschen dort, sondern für uns alle, denn auch unsere Konsumgewohnheiten in den wohlhabenden Ländern tragen wesentlich zu den sozialen und ökologischen Problemen Amazoniens bei. Auch bei uns gilt es daher, das „buen vivir“ neu zu definieren, damit der Traum des Papstes eine Chance hat, wahr zu werden.

Das komplette Schreiben des Papstes im Wortlaut finden Sie hier

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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