(c) Hans-Maximo Musielik

Auf der Flucht vor dem Klimawandel

  • 07.05.21, 13:12
  • Sandra Weiss
  •   Kurz und Knapp

Zu den Klimaflüchtlingen gehört auch die Familie Castillo aus Honduras. „Die Stürme haben unser Haus zerstört“, erzählt Evelyn Castillo aus Santa Barbara. „Wir mussten unter der Brücke schlafen, wo wir uns aus Karton und Plastikplanen eine notdürftige Unterkunft gebaut haben.“ Auf Unterstützung des Staates hat sie lange gewartet. Vergeblich. Nur internationale und kirchliche Hilfsorganisationen verteilten in den ersten Wochen Hygienekits und Essenspakete. Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat hat allein in Honduras Pfarrgemeinden, Bistümern und der örtlichen Caritas fast 100.000 Euro als Hurrikan-Nothilfe zur Verfügung gestellt. „Ich habe mein letztes Geld zusammengekratzt, um meinen Lebenslauf auszudrucken und nach San Pedro Sula zu fahren. Dort habe ich Textil-Fertigungsbetriebe abgeklappert“, schildert die 24-Jährige. „Aber niemand hatte einen Job, und viele Fabriken waren wegen der Sturmschäden und der Pandemie dicht.“ Nach Schätzungen der UN-Wirtschaftskommission wurden 4,6 Millionen Menschen Opfer der Stürme, rund 200.000 wurden obdachlos, die Schäden beliefen sich insgesamt auf 15 Milliarden US-Dollar.

Bis heute ist nur ein Teil der Infrastruktur repariert. Noch immer sind unzählige der von den Hurrikanen zerstörten Häuser und Schulen unter Sand und Schlamm begraben, ohne dass Alternativen geschaffen wurden, stellte die UNO kürzlich bei einem Besuch fest. „Von unserer Regierung ist nichts zu erwarten“, sagt Castillo. Sie ist nun mit ihrem dreijährigen Sohn unterwegs durch Mexiko. Begleitet wird sie von ihrem Bruder, ihrer Schwester, deren Ehemann und deren eineinhalbjährigen Tochter. Die Minderjährigen, so hoffen die Erwachsenen, erleichtern die Einreise in die USA. „Ich habe gehört, dass die neue US-Regierung Familien mit kleinen Kindern nicht zurückschickt“, sagt Castillos Schwager Enil Ferguson. Aufgrund der Hurrikane hatte er seinen Job als Zuckerrohrschneider verloren.

Tagelang musste die Familie zu Fuß durch den Dschungel zwischen Guatemala und Mexiko laufen und sich vor den dortigen Grenzschützern verstecken, die Jagd auf Migranten machen. „Manchmal schenkten uns Bauern etwas zu essen, manchmal hatten wir Hunger“, berichtet Castillo. Dann sprang die Familie auf einen der Güterzüge auf, die Mexiko durchqueren und eine beliebte Route für Migranten sind. Jeder hat einen kleinen Rucksack dabei mit dem Nötigsten: Wäsche zum Wechseln, Seife und Zahnbürste, eine Wasserflasche, ein Milchfläschchen für die Kinder und ein paar Kekse. Decken, Handtücher und Plastikplanen schleppt Orlando in einem Müllsack mit. „Viel mehr hatten wir zuhause ohnehin nicht.“ Er zuckt mit den Achseln. Derzeit befinden sie sich in Zentralmexiko, in der Flüchtlingsherberge „El Samaritano“, also „Zum Samariter“. Für die Familie Castillo-Ferguson ein Geschenk des Himmels: „Jetzt fühle ich mich wieder wie ein Mensch“, seufzt Castillo erleichtert, als nach dem Abendessen und einer warmen Dusche ihr kleiner Sohn zufrieden einschläft.

Mehr Infos und die Möglichkeit zu Spenden gibt es hier

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2021.

Zur SommerZeit 2021 »