(c) Robert Boecker

Aus Liebe zum Papier

  • 14.08.18 11:54
  • Robert Boecker
  •   Kultur und Kirche

Schon von außen strahlt die aus Backsteinen erbaute Industrieanlage, die von einem hohen Schornstein überragt wird, Tradition – oder anders ausgedrückt: Industriegeschichte – aus. Die in altdeutscher Schrift in weißen Lettern an den beiden Torpfeilern angebrachte Schrift: „Papierfabrik Zerkall“ „Renker und Söhne“ verstärkt den ersten Eindruck. Die Zeiten, in denen ein Pförtner in dem kleinen Raum unmittelbar hinter dem Eingangstor Besucher empfängt, sind lange vorbei. Ein Schild an der Pförtnerloge weist auf eine Klingel hin, unter der „Büro“ steht. Zunächst geschieht nichts, nachdem der schwarze Knopf gedrückt worden ist. Bevor sich Irritation breit macht, nähert sich über den großen Hof ein sportlicher Mittfünfziger dem Eingang, begrüßt den Besucher freundlich und stellt sich als Felix Renker vor. Renker, Jahrgang 1961, ist der Urenkel des Firmengründers Gustav Renker. Seit 1903 gehört der Familie Renker die Fabrik in dem kleinen Eifelort Zerkall, wenige Kilometer von Nideggen an den Ausläufern der Nordeifel. Damals kaufte der in Düren ansässige Papierfabrikant Gustav Renker von einem 1888 aus Holland nach Zerkall gekommenen Papiermacher dessen kleinen Betrieb auf.

Visionäre Papier-Idee

Seit Jahrhunderten nutzen die Menschen an diesem Ort die Kraft des Wassers, um Mühlen anzutreiben. Bereits für das Jahr 1503 ist Zerkall als Mühlenstandort belegt. Noch heute existiert auf dem Firmengelände das alte Mühlengebäude, in dem seit 1888 Pappen hergestellt wurden. Auch wenn im Laufe der letzten mehr als 110 Jahre die Industrieanlage immer wieder erweitert und modernisiert wurde, stammt der Kern der Fabrik aus dem Jahr 1905. Bei allen Erweiterungen seither achteten die Besitzer darauf, dass der Stil der Gründungszeit bei den Bauwerken beibehalten wurde. Felix Renker nennt seinen Urgroßvater einen „Visionär“, weil er erkannte, dass nicht in der Herstellung von Massenware sondern in der Produktion von Spezialpapieren die erfolgreiche Zukunft des Unternehmens liegen werde. „Damals traf er die Entscheidung, Büttenpapiere herzustellen.“ Laut Brockhaus handelt es sich bei Büttenpapier um „handgeschöpftes oder nach diesem Vorbild auf Maschinen hergestelltes Papier aus Hadern oder Zellstoff; es hat einen ungleichmäßigen Rand, meist gerippt. Das ursprünglich aus der Stoffbütte mit einem siebüberzogenen Rahmen handgeschöpfte Büttenpapier wird heute überwiegend auf Rundsieb- oder Langsiebmaschinen erzeugt; meist mit Wasserzeichen. Büttenpapier dient als Schreibpapier oder bei höherem Flächengewicht als Aquarellkarton“.

Grundgesetz auf Eifel-Papier

Mit ihrem Spezialpapier, das unter der geschützten Markenbezeichnung „Zerkall-Bütten“ vertrieben wird, hat sich das kleine Unternehmen aus dem einsamen Eifeltal Weltruhm erarbeitet. „Die Idee war, maschinell ein Papier zu produzieren, welches in der Tradition handgeschöpfter Papiere steht“, sagt Renker, der in der Firma für den kaufmännischen Bereich zuständig ist.  Weltweit gibt es neben Renker noch vier Unternehmen, die Büttenpapier industriell produzieren. „Wenn das Grundgesetz in seiner Originalfassung mit den Unterschriften aller Beteiligten ebenso auf unserem Papier geschrieben wurde wie der Vertrag zur Wiedervereinigung Deutschlands, dann erfüllt uns das schon mit Stolz“, sagt Renker selbstbewusst. Auch in Zeiten von E-Mail, SMS oder WhatsApp glaubt Renker an die Zukunft des geschriebenen Briefes. „Menschen, die auf Bütten schreiben, drücken damit eine besondere Wertschätzung für den Adressaten aus. Ich bin davon überzeugt, dass diese Form der Kulturbewahrung nicht verloren gehen wird“, zeigt sich der Unternehmer sicher.

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