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Aus einer Juristin wird eine Bibelwissenschaftlerin Teil 2

  • 07.09.21, 16:10
  • Yvonne Dömling/Nina-Sophie Heereman
  •   Kurz und Knapp

Mit der Zeit ist Medjugorje für mich in den Hintergrund geraten. Ich habe mich aber immer wieder gefragt, was meine Berufung und der Plan Gottes für mein Leben ist. Der Fehler war, dass die Frage nach der Berufung kopfgesteuert gewesen ist, vielmehr aber hätte ich diese im persönlichen Gebet erörtern sollen. So dachte ich zum Beispiel darüber nach, entweder als Missionarin in Afrika gegen den Hunger zu kämpfen, Ärztin zu werden oder daheim ein Waisenhaus gründen. Zu letzterem, so sagte mir meine Mutter, bräuchte man viel Geld, und so ließ ich –– damals 13-jährig –– den Gedanken bald wieder fallen. Schließlich entschloss ich mich nach dem Abitur nach Kolumbien zu reisen, um in den Slums zu arbeiten. Zu meiner großen Überraschung stellte ich aber fest, dass die Menschen da viel glücklicher sind als jene zu Hause in Düsseldorf auf der Kö. Für mich war das ein riesiges Rätsel, denn die Menschen leben da in Wellblechhütten aber ihre Augen sind glücklicher und reiner als alle, die ich bisher kannte.

Obwohl ich damals keinen katechisierten Glauben hatte, wurde mir schnell bewusst, dass die Sünde, in der wir in Europa leben, schlimmer ist als die materielle Armut zahlreicher armer Länder. Ich bekam immer mehr das Gefühl, dass wenn ich Menschen wirklich helfen will, die Armut in Südamerika weniger tragisch ist, da diese Menschen wenigstens das ewige Leben haben, als die Armut bei uns, wo zwar Reichtum herrscht, die Menschen aber depressiv sind und auf schiefe Bahnen geraten. Gleichzeitig war ich ein bisschen enttäuscht, da ich von Gott keine wirkliche Klarheit über meine Berufung bekommen hatte und so beschloss ich, mein Glück nun selbst in die Hand zu nehmen. Jura dachte ich mir, das ist so ein Passepartout, damit kann man alles werden. Dann heirate ich und kriege sechs Kinder und dann kann ich nebenher großzügig sein und mit meinen Anwaltstalenten den armen Leuten helfen und die verteidigen. So habe ich schließlich in Heidelberg, Dresden und München Jura studiert.

Studium und die erste Beziehung

Im Studium bin ich ziemlich schnell in ein recht verwöhntes Leben hineingerutscht. Das Erste, was ich gelernt habe, war: „Man studiert nicht, sondern man macht Party. Nach zwei Jahren geht man dann zum Repetitor und lässt sich von ihm aufs Examen vorbereiten.“ Heutzutage läuft das anders ab, aber damals war das noch so. Ich bin mehr oder weniger der sogenannten Peer Pressure erlegen. Unser Frühstück war das Mittagessen in der Mensa, anschließend haben wir gemütlich Cappuccino getrunken und nachts haben wir bis in die Puppen gefeiert. Kurz vor meinem ersten Staatsexamen in Jura (da hatte ich mittlerweile angefangen, gescheit zu studieren), habe ich mich zum ersten Mal auf eine feste Beziehung eingelassen. Meine Eltern hatten eine sehr gute Ehe und für mich war immer klar, dass ihre Ehe zum großen Teil deshalb so gut ist, weil beide tief im Glauben stehen und sonntags zusammen in die heilige Messe gehen. Deshalb war mir klar, dass, wenn ich heirate, mein Mann den Glauben mittragen muss. Mein damaliger Freund war evangelisch, aber sehr offen für den katholischen Glauben. Sein Vater war in Medjugorje zum katholischen Glauben konvertiert. So dachte ich mir: „Das ist alles ganz einfach. Wir fahren zusammen nach Medjugorje, er wird katholisch, dann heiraten wir, kriegen sechs Kinder - und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …“

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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