Probe des Weihnachtsoratoriums (c) picturealliance_Sueddeutsche_Zeitung_Photo

Bachs Weihnachtsoratorium

  • 22.12.16 20:28
  • Martin Mölder
  •   Kultur und Kirche

Es ist ein kalter Beginn des Advents 1734. Der 49-Jährige Kantor des damals schon berühmten Thomanerchors Leipzig, Johann Sebastian Bach, sitzt in seiner Komponierstube in der Thomasschule in Leipzig und friert. Aber nicht nur sein Körper kämpft gegen die Kälte des Winters, auch seine Gedanken bringen keine gescheite Note zu Papier. Dabei hat er sich für dieses Weihnachtsfest etwas Großes vorgenommen. Ein Weihnachtsoratorium über Christi Geburt aus seiner Feder und unter seiner Leitung soll uraufgeführt werden, und zwar eines, das es in der Form noch nicht gegeben hat. Aber Bach fällt nicht viel Neues ein und das Wenige wird nach kurzer Überlegung seinen musikalischen Maßstäben auch nur im Geringsten gerecht und wieder verworfen.

Idee durch Tasse

Dann hat er doch einen Einfall, den er seinem Textdichter Christian Friedrich Henrici später so erklärt: „Ich muss gar nicht alles neu komponieren, die Musik für mein Weihnachtsoratorium gibt es bereits. Mit meiner Musik ist es ähnlich wie mit einer Tasse: Egal ob man nun Kaffee oder Tee hineingießt, das Gefäß bleibt das Gleiche. Ich werde ganz einfach einige meiner alten Werke wieder verwenden. Ich brauche nur noch einen neuen Text, Herr Henrici.“ Und genau so kommt es. Für das Weihnachtsoratorium greift Bach überwiegend auf bereits vorhandene Musik zurück. Viele Chöre, Choräle und Arien sind sogenannte Parodien. Das bedeutet, dass bereits aufgeführte Kompositionen neu harmoniert wieder verwendet wurden – zu Bachs Zeiten eine gängige Praxis. So ist es auch zu erklären, dass dem regelmäßigen Gottesdienstbesucher einige Melodien sehr vertraut vorkommen. Wer zum Beispiel im Gotteslob Nr. 179 aufschlägt, wird das bekannte Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ finden. Im Weihnachtsoratorium erklingt diese Melodie im ersten Choral des ersten Teils mit dem Text „Wie soll ich dich empfangen.“ Was macht also die Faszination dieses Weihnachtsoratoriums aus? Warum gehört es für viele Gläubige zu Weihnachten dazu wie der Adventskranz und die Krippe? Die Antwort von vielen und nicht nur Bach-Fans: Es ist die Gesamtkomposition des beschreibenden Textes der Geschichte Christi Geburt aus den Lukas- und Matthäus-Evangelien und einer mystisch-göttlichen Musik, wie nur Johann Sebastian Bach sie schreiben konnte.

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Johann Sebastian Bach hat sein Weihnachtsoratorium in sechs Kantaten aufgeteilt. Diese wurden früher an sechs verschiedenen Tagen aufgeführt. An den damals noch üblichen drei Weihnachtsfeiertagen, an Neujahr, dem Sonntag nach Neujahr und dem Dreikönigstag am 06. Januar. Heute wird das Weihnachtsoratorium, wenn überhaupt komplett, meist in zwei Teilen aufgeführt. Dann meist an einem Tag die Kantaten eins bis drei und an einem anderen die Kantaten vier bis sechs. Außerdem wird das Werk meist nicht mehr nach Weihnachten, sondern im Advent gespielt aufgeführt.

Mittlerweile wird das Weihnachtsoratorium fast ausschließlich von Ensembles der Alten Musik so aufgeführt, wie es zu Bachs Lebzeiten üblich war: mit barocken Instrumenten, Solisten, einem kleinen Chor von höchstens 20 Sängerinnen und Sängern und ebenso vielen Instrumentalisten.

AdventsZeit 2016 (c) Heiko Wrusch

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