(c) Josef Freise

Begegnungen auf der Straße

  • 25.01.17 12:36
  • Josef Freise
  •   Im Auftrag des Herrn

Eine Teilnehmerin besucht in einer Flüchtlingseinrichtung eine syrische Familie mit einem kleinen Kind. Nach dem Gespräch umarmt die syrische Frau die Besucherin: „Du bist wie eine Schwester für mich!“ Das sind ganz typische Erfahrungen: Es entstehen sehr persönliche und menschliche Gespräche. Der Busfahrer an der Haltestelle hat noch Zeit, bis er fahrplanmäßig abfährt und er erzählt seine ganze Familiengeschichte: „Es war mir eine Freude, mit Ihnen zu sprechen“, sagt er am Ende. „Ich erlebe es normalerweise als eine Ausnahme, dass ich mit fremden Menschen auf der Straße einfach so rede“, sagt eine Gruppenteilnehmerin. Hier in den Exerzitien spüren wir es anders: Wir signalisieren Offenheit und unser Gegenüber nimmt es wahr. „Wenn Ihr diese Präsenz spürt, dann zieht Eure Schuhe aus und spürt den heiligen Boden“, rät Christian Herwartz. Denn: Das ist Realpräsenz Gottes. Eine Frau aus der Exerzitiengruppe lief nach einer anrührenden Begegnung barfuß die Einkaufsstraße entlang, und ein achtzigjähriger Mann mit Rollator, der sich dort tagsüber regelmäßig aufhält, sprach sie an: „Sind Sie glücklich“? Diese Ansprache war Auslöser für mehrere Begegnungen zwischen den beiden die Woche über und am Ende der Exerzitien nahm dieser achtzigjährige Mann auch am gemeinsamen Abschlussgottesdienst teil.

Müdigkeit unterwegs darf sein

Nicht immer geht alles glatt. In der Mitte der Exerzitienwoche sind einige müde, schlapp. Wir sind von 10 Uhr morgens bis 17 Uhr auf der Straße, danach gibt es Gottesdienst, Abendessen und eine Austauschgruppe mit fünf Teilnehmenden. In dieser Austauschgruppe sagt jemand, er  habe  nichts zu erzählen – er sei einfach  zu müde gewesen. Christian freut sich geradezu diebisch, wenn jemand meint, es sei nichts passiert, denn er ist sich sicher: Da ist etwas. „Zufällig“ hatten wir abends das Evangelium, wie Jesus nach der Brotvermehrung die Leute nach Hause gehen lässt, seine Jünger ans andere Seeufer wegschickt und sich auf den Berg zurückzieht. Auch er ist müde. Nimmt sich eine Auszeit. „Kannst Du Dein Müdesein annehmen?“ fragt Christian. „Darf es sein oder passt es nicht in Dein Selbstbild? Kannst Du Dein Müdesein mit Gott, mit Jesus besprechen, ins Gebet nehmen?“ Für den nächsten Tag bekommen wir dann mit auf den Weg: „Macht auch mal eine Pause! Trinkt einen Kaffee zwischendurch! Ihr müsst nichts leisten!“ Und: „Wenn Ihr spürt, Ihr seid in einer Krise: Das ist eine Chance inneren Wachstums! Ohne Krise gibt es kein Wachstum.“ Die Krisen sind dann Thema der abendlichen Austauschunde – jeder erzählt, so viel er oder sie möchte. Einsamkeit ist ein Thema. Wir spüren: Krisen und Konflikte sind Orte und Zeiten, in denen uns Gott etwas sagen will.

Gründonnerstag kann jeden Tag sein

An einem Abend steht statt der allabendlichen Eucharistiefeier eine Fußwaschung an: Jeder wäscht jemandem die Füße und jedem werden die Füße gewaschen: Auch in dieser Berührung kann wie in der Eucharistie die Realpräsenz Gottes erfahrbar werden. Was passiert in den zehn Tagen der Straßenexerzitien? Vordergründig nichts Besonderes. Zehn Menschen laufen durch die Stadt, sitzen an Plätzen, besuchen Menschen in  Notunterkünften, hören zu. Und doch erfahren sie in diesen alltäglichen Situationen eine unsichtbare Wirklichkeit hinter der Realität, die zählt. „Höre Israel“, ist der erste Anruf Gottes. Wer lernt achtsam und liebevoll mit all seinen Sinnen wahrzunehmen:  zu hören, zu sehen, zu fühlen, zu riechen und zu schmecken, dem begegnet der „Ich bin da“. Das Hören auf die Stimme Jesu führt zugleich an die Ränder der Gesellschaft. „Wer in Gott eintaucht“, sagt der französische Bischof Jacques Gaillot, „der taucht neben den Armen wieder auf.“

AdventsZeit 2016 (c) Heiko Wrusch

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