Silke Schönenborn (c) Robert Boecker

Beruf & Familie? Eine Chance!

  • 17.05.18 09:19
  • Silke Schönenborn
  •   Kurz und Knapp

Selbstversuch: Audio-Kurzmeditationen, Tag 1

Die erste Möglichkeit wird genutzt: warten auf die verspätete Regionalbahn. Ich stöpsel die Kopfhörer ein, setze mich, starte die Meditations-App vom „Zentrums für Achtsamkeit Köln“ und schließe wie mir geheißen die Augen. Ich höre der angenehmen Stimme zu: Achtsamkeit auf den Atem. Sofort werde ich kurzatmig. Na toll. Die nette Frauenstimme gibt mir aber Zeit und ich beruhige mich wieder. Atme ein und aus. Schwerpunkt heute: Achtsamkeit auf die Gefühle. Ich soll mich fragen, was ich fühle. Ich denke an die Arbeit, ich denke an die Kinder, ich denke an das Wochenende, aber nicht an meine Gefühle. Weiß nicht, was ich fühle. Ich höre weiter. Nichts wird von mir erwartet. Das finde ich gut. Ich werde eingeladen, die Qualität der Achtsamkeit mit in den Tag zu nehmen. Als ich mir später zwischen zwei Terminen im Büro schnell mein Brot reinschiebe, dabei Mails lese und schaue, ob das Kind gut bei der Klassenfahrt angekommen ist, ist die Achtsamkeit nicht ganz so präsent.

Tag 2

Heute lädt die Frauenstimme mich zur Achtsamkeit auf die Gedanken ein. Zuerst soll ich wieder ruhig und gleichmäßig, bewusst ein- und ausatmen – geht schon besser als gestern. Mein erster Gedanke der dann folgt ist der an die vergangene Nacht: ich habe richtig gut und tief geschlafen. Ist das schon die Entspannung durch sieben Minuten Alltagsmeditation? Das wäre der Renner. Ansonsten gehe ich gedanklich meine To-do-Listen durch, allerdings eher beiläufig. Eigentlich mache ich gerade mal nix, ich höre noch nicht mal zu. Schön!

Tag 3

Puh… heute ist der Tag so eng getaktet, dass ich nur mit fast schon schlechtem Gewissen an die „Entspannung im Alltag“ denke…. Bescheuert, dass mich diese Tatsache stresst. Dafür höre ich mir abends im Bett die Meditation mit Achtsamkeit auf das Hören an und schlafe umgehend ein. Verrückte Träume im tiefen Schlaf, die mich den ganzen anderen Tag begleiten.

Tag 4

Wieder besonders tief geschlafen. Ich fange an, mich für diese Methode zu interessieren. Sollte es möglich sein, durch 6 – 7 Minuten eher beiläufiger Meditation das Unterbewusstsein so zu entspannen? Heute fokussiert die Meditation die Achtsamkeit auf die Empfindungen. Die Frauenstimme kommt mir langsam schon vertraut vor. Die Bahn ist leer, ich höre direkt noch mal hin aber wieder nicht zu. Lasse die Minuten als freie Zeit an mir vorüberschwirren. Der Büro-Tag wird heute sehr terminlastig, bei den Kindern blieben heute Morgen einige Themen offen – habe ich eigentlich ein stressiges Leben und mache mir das nicht bewusst genug?

Tag 5

Wieder habe ich die Zugfahrt zur Meditation genutzt. Die Achtsamtkeit auf das Ganze bringt mich auf die Gedanken, dass ich mein Leben in der jetzigen Lebensphase ausreichend perfekt finde, weil es aus lauter unperfekten Einzelteilen besteht. Ich kenne keinen meiner Lebensbereiche, an denen nicht noch geschraubt und optimiert werden könnte – das fällt mir allerdings nur auf, wenn ich mich mit anderen Menschen und Familien in ähnlichen Lebensphasen vergleiche – so what?

Tag 6

Wochenende! Ich beschließe den Rechner nicht zu nutzen und auf mein Jahresmotto zurück zu greifen – das ist bisher leider so gut wie gar nicht gelebt worden: ganz viel nix tun. Ich höre die Meditation heute mit der Achtsamkeit auf die Hände – ich schlafe ein. Später schalte ich direkt eine hinterher: Achtsamkeit auf die Füße. Ich gebe zu, es fällt mir schwer, dieses NICHTS tun. Das in den Tag bummeln ohne Plan. Mittags sind die Kinder von Sport und Oma eingesammelt und dann ist das NICHTS tun (müssen) auch schon wieder vorbei. Fühle mich etwas taub von innen her.

Tag 7

Der planlose Tag von gestern hat mir gut getan. Ich bin voller Tatendrang und dankbar für das wunderbare Wetter heute. Praktische Dinge draußen tun, also mehr den Körper als den Geist fordern ist vielleicht Entspannung, aber mindestens eine andere Spannung. Mein Meditationsauftrag von heute ist mir im Hinterkopf. Doch heute lasse ich mich nicht unterbrechen, ich räume und sortiere im Garten herum, bis der Rücken weh tut. Blöde Meditation, auf was habe ich mich da eingelassen? Eine Woche schon lasse ich mich auf die tägliche Meditation ein, die Gedanken und Gefühle hervorbringt, mit denen ich nicht gerechnet habe. Protest!

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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