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Bischof Alminaza: „Wir brauchen mehr Fenster und weniger Mauern“

  • 11.06.19 15:24
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Bischof Alminaza, Sie leben auf der Insel Negros in einer sehr armen Region. Wie ist die Situation vor Ort?

Die Situation in Negros und meiner Diözese San Carlos ist schwierig. Die Krisen aufgrund der sozialen Ungerechtigkeit und Unterdrückung der Armen werden größer. Die Landarbeiter werden genauso wenig unterstützt wie die Fischer, dabei ernähren gerade diese beiden Berufsgruppen die Menschen, vor allem die Armen. Die Schere zwischen einer kleinen, reichen Elite und der großen Mehrheit der armen Bevölkerung wird immer größer. Außerdem eskaliert immer wieder die Situation. Vergangenen Oktober sind neun Farmer von einer Gruppe bewaffneter Männer auf dem Feld erschossen worden und die Regierung reagiert alles andere als deeskalierend auf solche Verbrechen.

Was sind die Besonderheiten der katholischen Kirche auf den Philippinen?

Wir sind eine Kirche der Armen, eine Gemeinschaft der Jünger Christi und eine Kirche der Partizipation. Es gibt bei uns viele kirchliche Gemeinschaften und Kirchen vor Ort, wie wir sie nennen, die neue Wege gehen und das mit einer hohen Motivation. Wir haben eine Vision unserer Mission. Wir möchten eine hörende Kirche sein, um gemeinsam mit den Gläubigen zu einer liebenden Familie zu werden, einer gerechten und friedlichen Gemeinschaft, verbunden in unserer Verantwortung für die Armen, die Jungen und unsere Mutter Erde.

In Ihrer Diözese kommen auf einen Priester 11.000 Gläubige. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Insgesamt sind wir 80 Priester und die Quote liegt sogar bei 1:12.500. Und dann haben wir ja auch mal kranke Priester, welche, die gerade im Ausland sind oder in den Ruhestand gehen. Es geht bei uns nicht ohne die engagierten Gläubigen vor Ort. Die Situation ist Verpflichtung und Herausforderung zugleich, viel mehr partizipierende Kirche zu sein. Wir müssen allen Getauften mehr Verantwortung auch in leitenden Funktionen geben, ihnen zutrauen, dass sie Entscheidungen treffen. Sie müssen eingebunden werden in unseren Prozess einer „Kirche in der Nachbarschaft“.

Wir groß ist der Einfluss der Politik vom derzeitigen Präsidenten Rodrigo Duterte auf Sie und die katholische Kirche?

Dieser Präsident stellt eine große Herausforderung für uns dar. Seine Persönlichkeit und sein Verhalten macht unsere Arbeit schwieriger, viel schwieriger. Ich sehe es aber als einen Weckruf. Wir müssen uns aus unserer Komfort-Zone heraus bewegen, wachsam sein, gut zuhören und genauer hinschauen, wem wir vertrauen können. Und wir müssen neue, andere Wege der Evangelisierung finden. Im Jahr 2021 ist es 500 Jahre her, dass die ersten Menschen sich hier taufen ließen und Eucharistie feierten. Das werden wir trotz alle Schwierigkeiten mit dem derzeitigen Präsidenten und seiner Regierung feiern.

Sie kämpfen für alternative Energien und gegen neu geplante Kohlekraftwerke. Warum?

Wir wurden vor allem durch die Enzyklika „Laudato si“ dazu inspiriert. Die Worte von Papst Franziskus haben uns die Augen geöffnet, dafür, dass wir den Schrei der Armen hören aber auch den Schrei der Erde und unserer gemeinsamen Heimat. Seit über 20 Jahren kämpfen die Menschen auf Negros, vor allem die Frauen dafür, unseren Wald zu erhalten und die natürlichen Ressourcen zu schonen. Diesen Kampf sind wir den nachfolgenden Generationen schuldig.

Mit welchen Eindrücken kehren Sie aus Deutschland zurück auf die Philippinen?

Ich habe hier viel Inspiration bekommen. Hier ist vieles in Bewegung zurzeit im Hinblick auf eine neue, offene Kirche, die genau wie wir auf Partizipation setzt, auch was die Arbeit in den Gemeinden vor Ort betrifft. Ich bin beeindruckt vom System der Hilfe für andere, so viele Hilfsorganisationen arbeiten hier für andere Kirchen in der Welt, die dringend Hilfe brauchen. Und natürlich hat mich der Kölner Dom beeindruckt. Einmal wegen seiner ständigen Unvollkommenheit und eurem Witz dazu: Wenn er jemals fertig wird, ist das Ende der Welt da. Aber auch wegen der vielen, riesengroßen Fensterflächen darin. Wir sollen in der Kirche mehr Fenster haben und weniger Mauern.

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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