Orvieto

Bolsena und Orvieto - ein Dom und ein paar Tropfen Blut

  • 30.05.16 11:51
  • Robert Boecker
  •   Glaubensmagnete

"Natürlich heißt unsere Tochter Christina. Fast alle erstgeborenen Mädchen in Bolsena tragen den Namen dieser Heiligen, die in unserer Basilika ruht", sagt Signor di Sorte, erhebt sein Glas und sagt lachend: „Auf die heilige Christina.“ Sante, so wie er genannt werden möchte, stammt aus Bolsena, einem idyllischen Ort am Ufer des gleichnamigen Sees. Im Sommer bevölkern Touristen aus vielen Ländern die Uferpromenade, genießen das schöne Wetter und die kulinarischen Köstlichkeiten, die auch aus dem blau schimmernden See stammen. „Es kommen auch viele Pilger hierhin, die am Grab der heiligen Christina beten“, sagt Sante. Er weiß, wovon er spricht. Wenn er nicht gerade auf seinen Feldern unterwegs ist oder für seine Gäste landestypische Spezialitäten zaubert, engagiert er sich in der Kirchengemeinde von Bolsena. Was sich hier 1263 zugetragen hat, hat Folgen für die katholische Kirche weltweit gehabt. „Seither feiern Katholiken überall auf der Welt das Fest Fronleichnam“, sagt Sante.

Das Wunder von Bolsena

Zeitsprung: Die Sonne brennt glühend heiß an diesem Tag des Jahres 1263 vom Himmel über Umbrien in Mittelitalien. Peter, ein Priester, ist schon lange unterwegs. Er will nach Rom, in die Ewige Stadt, an das Grab des Apostels Petrus. Müde und erschöpft durchquert er nach einem langen Tag das Stadttor von Bolsena, Die Stadt an dem gleichnamigen See in Umbrien, liegt an der Via Cassia, die nach Rom führt. Auf dieser alten Römerstraße steuert Peter sein Ziel an. In Bolsena geht Peter in die alte Kirche, die der heiligen Christina geweiht ist. In der Krypta verweilt er im Gebet am Grab des jungen Mädchens, das während einer Christenverfolgung den Märtyrertod starb. Er betet darum, dass seine Glaubenszweifel weichen. Er kann es nicht glauben: „Brot und Wein sollen während der Messe in der Wandlung zu Leib und Blut Christi werden?“ Kurz darauf feiert er am Altar über dem Grab der heiligen Christina die Messe. Peter spricht die Wandlungsworte und hebt die Hostie empor. Plötzlich tropft Blut aus der Hostie. Es fällt auf das Tuch, auf das Tuch, auf dem während der Messe Hostienteller und Kelch stehen.  Zutiefst beglückt, von allen Zweifeln befreit, bricht Peter die Messe ab, wickelt die Hostie in das vom Blut befleckte Tuch und stürmt in die Sakristei. Auf dem Weg dorthin fallen weitere Tropfen Blut auf das Messgewand des Priesters und auf die Altarstufen.

Kirche aus weißem Marmor

Für Orvieto, die Stadt auf dem braunen Felsen, sollte die päpstliche Entscheidung über das Wunder Folgen bis in die heutige Zeit haben. Um einen würdigen Aufbewahrungsort für das Tuch mit dem Blut aus der Hostie zu schaffen, bauten die Bürger Orvietos einen Dom, dessen Grundstein am 13. November 1290 gelegt wurde. Während die Häuser der Stadt aus dem Tuff gebaut wurden, auf dem die Stadt errichtet wurde, strahlt der aus weißem Marmor errichtete Dom „San Maria Assunta“ wie ein Stern in die Landschaft. Auch wenn das Tuch mit den Blutstropfen seit Jahrhunderten nicht in Bolsena, sondern in Orvieto aufbewahrt wird, verehren die Bolsener immerhin noch die Stücke der Altarstufen, auf die das Blut damals getropft ist.

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

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