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Bruder Bernhard: „Ich hatte keine Todesangst“

  • 27.02.20 11:21
  • Robert Baumann
  •   Im Auftrag des Herrn

Der Knall der platzenden Autoscheibe ist ohrenbetäubend und kommt ohne Vorwarnung. Der Stein trifft Bruder Bernhard direkt am Kopf. Benommen sackt er hinter dem Lenkrad zusammen. Noch ehe er begreift, was passiert, reißen die Männer die Fahrertür auf und zerren ihn aus dem Wagen. Dann schlagen und treten sie mit 20 Leuten wie von Sinnen auf ihn ein. „Todesangst hatte ich keine“, sagt Bernhard. „In dem Moment war ich innerlich ganz ruhig.“ Erst als er sich nicht mehr bewegt, hören sie auf und lassen ihn blutüberströmt auf der einsamen Straße liegen. Weil sie sich sicher sind: Bernhard ist tot. Doch er überlebt wie durch ein Wunder. Mehrfach muss er in Deutschland operiert werden, bis seine Verletzungen einigermaßen ausgeheilt sind. Auf einem Ohr hört er heute kaum noch etwas. Neben den körperlichen Schäden sind es aber vor allem die seelischen, die nachwirken. Dass er nach dieser Attacke ein zweites Mal angegriffen und fast totgeprügelt wurde, als er Zeuge eines Mordes wurde, erzählt er nur noch beiläufig. Ebenso von den unzähligen Morddrohungen gegen ihn, von Leuten, die nicht wollen, dass er seiner Arbeit weiter nachgeht.

Gott gibt mir die Kraft

Bruder Bernhard engagiert sich seit vielen Jahren im Südsudan. Seine Ordensgemeinschaft ist Partner des Kindermissionswerks ,Die Sternsinger’. Im Südsudan ist er verantwortlich für  den Bau von Gebäuden und bringt Lebensmittel und Medikamente zu den Menschen, vor allem in schwer erreichbare Busch- und Sumpfgebiete, zu denen nur wenige Hilfsorganisationen vordringen. Er tut dies aus Überzeugung. Er will den Menschen in dem ostafrikanischen Land helfen, die unter den Folgen des Bürgerkrieges, unter Gewalt, Hunger und extremen Wetterbedingungen wie Dürren und Überschwemmungen leiden. Seine Motivation hat in all den Jahren trotz Anfeindungen und Angriffen gegen ihn nie nachgelassen. „Wenn ich das Leid, vor allem der Kinder und älteren Menschen sehe, sie persönlich kennenlerne und in ihre Augen blicke, dann gibt mir das die nötige Kraft, um weiterzumachen“, sagt Bruder Bernhard und erzählt von einer 75-jährigen Oma, deren beiden Söhne ermordet wurden und die sich jetzt alleine um die sieben Enkelkinder kümmern muss. „Sie hat weder ein Dach über dem Kopf, noch hat sie irgendetwas zu essen. Menschen wie sie brauchen unsere Hilfe.“ Motivation für seine belastende Arbeit zieht Bernhard auch aus seinem Glauben. „Jede Nacht ringe ich mit Gott und bete. Das gibt mir Kraft für den nächsten Tag.“

Kaum Hoffnung

An einen dauerhaften Frieden im Südsudan glaubt Bruder Bernhard trotz der momentan geltenden Waffenruhe nicht. „Ich bin wahrlich kein Pessimist, ganz im Gegenteil“, sagt er. „Aber ich sehe momentan keinen Weg, der friedlich enden könnte. Ich wünsche mir und bete dafür, dass es anders kommt.“ In der aktuellen Situation ließen die Mächtigen das Land und die Menschen ausbluten. Bodenschätze würden zusammen mit internationalen Geschäftsleuten in großem Stil abgebaut, wovon nur sehr wenige profitierten, erzählt Bernhard. Solange diese Geschäfte gut laufen und alle ihre Anteile bekommen, „besteht kein wirkliches Interesse, dass sich daran etwas ändert. Denn wenn Frieden ist, gibt es Strukturen und Kontrollen. Und dann können sie nicht mehr das Land aussaugen wie bisher.“ 

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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