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Christliche Lebenskunst in Corona-Zeiten

  • 14.04.20 13:23
  • Lars Schäfers
  •   Kurz und Knapp

Zuhause bleiben lautet in diesen Zeiten die regierungsamtliche Devise, was für nicht wenige Menschen bedeutet, mehr Zeit für sich und mit sich zu haben. Endlich mal? Der Autopilot im Kopf, der uns durch die Alltagstrance des eigenen Lebens navigiert, steht derzeit vielleicht ebenso still wie die Mehrzahl der Flugzeuge weltweit. Den persönlichen Autopiloten in Kurzarbeit schicken – entschleunigen, achtsamer werden, im Hier und Jetzt leben, raten uns diverse Expertinnen und Experten derzeit. Doch reicht das, um die Zeit der Kontaktsperre in den eigenen vier Wänden als der aktuell wohl häufigsten Umgebung des Hier und Jetzt im Leben vieler wirklich sinnvoll zu gestalten? So auf sich selbst zurückgeworfen, und vielleicht sogar in latenter Existenzangst vor einer möglichen lebensgefährlichen Infizierung feststeckend, kann die klassische Sinnfrage wie ein Dieb in der Nacht durch das offene Fenster des gerade neu hergerichteten Home Office zu uns hineinschleichen. Dringt diese lang vernachlässigte Frage heute also wieder in unser Bewusstsein ein, kann es hilfreich sein, auf der Suche nach einer tragfähigen Antwort nicht nur die Achtsamkeits-Coaches, sondern ebenso die reiche Tradition christlicher Lebenskunst vor dem Sinnhorizont des Gottesglaubens zu befragen.

Lebenskunst als "innere Durchformung" des Menschen

Christliche Ethik hat den Ruf, moralinsauer auf das Sollen zu pochen; von Geboten und mehr noch Verboten geprägt zu sein. Doch wie „Sinn-voll“ ist sie dann letztlich? In der Tat gehört es ebenfalls zur christlichen Lebenskunst, die berechtigten unter den einzelnen Sollensanforderungen der Mitwelt im Alltag in lebbare Kompromisse einzubinden. Denn ein legitimes, nicht-egoistisches „Wollen“ auf der Grundlage eines „Können“ darf bei einer christlichen Lebensgestaltung nicht zu kurz kommen, wie zum Beispiel der theologische Ethiker Jochen Sautermeister betont. Dem Leben auf christliche Weise eine Form geben, schließt dabei notwendigerweise eine innere Durchformung der Herzensmitte des Menschen einschließlich seines Wollens mit ein, woraus dann wiederum ein entsprechender äußerer Lebensstil entspringt. Getragen von der Zusage der unbedingten Liebe Gottes als der Kernbotschaft des Evangeliums geht es somit nicht darum, fremdbestimmt und normgerecht zu leben, sondern mit Gott mit zu lieben, und dabei selbstbestimmt das jeweils Gute und Sinnvolle im eigenen Leben wollen zu können sowie können zu wollen.

Achtsam für die Hoffnung sein

Christliche Lebenskunst kann demnach als eine gottgefällige Selbstverwirklichung im Alltag verstanden werden. Es ist ein lebenslanges, meist von Aufs und Abs geprägtes Einüben in das gute Leben beziehungsweise vielmehr in das von Jesus verheißene Leben in Fülle (vgl. Joh 10,10). Und die derzeitige Konfrontation mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit, die das Virus uns abnötigt, kann vielleicht als Sprungbrett dazu dienen, wieder mehr darüber nachzudenken, ob diese Welt wirklich schon alles ist. Es lichtet sich dann womöglich in den Ostertagen, die in diesem Jahr so viel anders sein werden, neu der Blick in Richtung des christlichen Hoffnungshorizonts eines dereinst endgültigen, ewig erfüllten Lebens bei Gott, das der Auferstehungsglaube verheißt. Geborgenheit im Letzten zu spüren, kann letztendlich auch zu mehr Achtsamkeit und Gelassenheit im Vorletzten verhelfen – nicht allein in Zeiten der Corona-Pandemie.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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