(c) Lars Schäfers

Corona, die Seele und die Medien

  • 22.09.20, 09:55
  • Lars Schäfers

Es waren dramatische Szenen in diesem Frühjahr: Dicht an dicht stehen Krankenhausbetten mit Menschen an Beatmungsgeräten, dutzende Lastwagen transportieren die Toten zu den Friedhöfen, Angehörige weinen, die sich nicht mal mehr von den Verstorbenen verabschieden durften. All das konnte jeder über die Medien teils im Minutentakt mitverfolgen. Speziell für Menschen mit psychischen (Vor-)Erkrankungen kann der Medienkonsum in Zeiten von Corona ernste Folgen haben. Medien wirken. Die Medienwirkungsforschung kommt in unterschiedlichen Studien zu dem Ergebnis, dass sich der Fokus auf überwiegend negative Themen wie Katastrophen, Krisen und Skandale destruktiv auf die Psyche der Menschen auswirken kann. Der Blick auf das eigene Leben wird negativer; erlernte Hilflosigkeit kann die Folge sein. Sei es Panik vor Menschenmengen, Krankheitsfurcht oder zwanghaftes Händewaschen: Mediziner befürchten in der Coronakrise einen deutlichen Anstieg an psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Zwängen. Erschwert durch die Kontaktbeschränkungen nehmen Betroffene Hilfen zudem noch seltener als zuvor in Anspruch.

Kirchliche Medien mit Sinn für Hoffnung

Vor kurzem beging die katholische Kirche den 54. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. Ein passender Anlass für den Appell, dass in diesen Zeiten nicht nur auf die allgemein gebotene, sondern auch auf eine gute Medienhygiene zu achten ist. Nicht jede dramatische Meldung, nicht jede schrille Überschrift muss gelesen bzw. angeklickt werden. Für die kirchliche Präsenz auf den Aeropagen (vgl. Apg 17,19) der medialen Öffentlichkeit bedeutet dies, sich nicht den quotenträchtigen Spielregeln anzupassen. Ihr Beitrag zur publizistischen Kultur in Zeiten der Pandemie kann es sein, Perspektiven aufzuzeigen und Hoffnungen zu vermitteln. Die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin und evangelische Pfarrerin Christine Lieberknecht wirft den Kirchen vor, dass sie die Menschen in der Zeit des Lockdowns allein gelassen haben. Diese Kritik ist aber nicht fair, waren und sind doch viele Seelsorgerinnen und Seelsorger per Telefon oder durch Briefe oder eben mittels der publizistischen Medien für die Menschen da. 

Hoffen auf die frohe Botschaft

Pfarrbriefe, Kirchenzeitungen, christliche Blogs und Co. können im Sog der schlechten Nachrichten rund um COVID-19 den Horizont dafür offenhalten, dass wir der Pandemie nicht machtlos ausgeliefert sind. Die Botschaft des Evangeliums, der guten Nachricht schlechthin, ermutigt zur Entkatastrophisierung. Es darf dabei natürlich nicht um einen bloßen Ersatz des medialen „negative bias“ durch einen „positive bias“ gehen, sondern um eine notwendige Ergänzung. Überdies gilt: Eine besiegte Krankheit garantiert noch lange nicht Zufriedenheit, Wohlbefinden und Glück. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit letztlich als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ und damit nicht allein als „das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Wird im kirchlichen Kommunikationskosmos eine solche Hoffnungsperspektive vermittelt, kann dies nicht allein Menschen mit psychischen Erkrankungen, sondern allen helfen, die nach dem je größeren Sinn dürsten, auf den die frohe Botschaft verweist. 

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2020.

Zur SommerZeit 2020 »