Wolfgang Niedecken im Interview (c) Robert Boecker

"Dä Herrjott meint et joot met mir"

  • 13.09.16 11:43
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Herr Niedecken, wir sitzen hier auf den Dächern des Kölner Doms. Was bedeutet Ihnen der Dom?

Der Dom ist wie allen Kölnern verbunden mit so vielen sentimentalen Gedanken. Ich bin auch einer von den Kölnern, die, wenn sie nach Köln zurück kommen, immer gucken, ob der Dom noch steht. Der Dom ist einfach ganz wichtig für die Kölner und ich bin einer davon. Hier sitzen wir gerade an meinem absoluten Lieblingsplatz, dem Vierungsturm auf dem Kölner Dom. Das ist der schönste Platz Kölns. Hier würde ich am liebsten alles fotografieren und mir Notizen dazu machen und könnte Tage an dieser Stelle verbringen.

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie „Zugabe“: „Ich bin kein Atheist, dazu mache ich mir viel zu viele Gedanken über Religion. Ich weiß nur, dass nach dem Schlaganfall und meiner Genesung mein Gottvertrauen zugenommen hat“. Inwiefern?

Ich weiß bis heute nicht, warum ich diese unglaubliche Zuversicht hatte. Ich wusste, dass alles wieder gut wird. Ich weiß nicht woher. Es ist fast schon lustig, ich konnte meinen rechten Arm noch nicht bewegen, ich konnte noch nicht reden, aber meinen linken Daumen habe ich heben können und so meiner Familie als auch den behandelnden Ärzten und dem Professor zeigen können: Es wird wieder. Und ich wusste das genau.

 (c) Robert Boecker

Wie definieren Sie denn Gottvertrauen für sich?

Ich würde das mit „Zuversicht“ für mich übersetzen. Und auf dem neuen Album, das gibt es einen Song, der heißt ohne Ironie „Dä Herrjott meint et joot met mir“. Aber dieser „Herrjott“ ist auch stark in meiner Kindheit verwurzelt. Bei uns in meinem Elternhaus gab es auch diese Marienfigur zwischen Parterre und der ersten Etage, wo ein ewiges Licht davor stand. Es war ein sehr katholisches Elternhaus und das Wort „Herrjott“ fiel jeden Tag mindestens 20 Mal. Der war einfach ganz wichtig für uns und Gottvertrauen war eine feste Instanz. Und ich bezeichne mich ja auch als „restkatholisch“.

Sie fordern ein neues Gebot Gottes und das heißt „Seid lieb“. Warum?

Das stammt ursprünglich aus einem Roman von John Niven, der heißt „Gott bewahre“. Ein wunderbares Gebot aus einem wunderbaren Roman, den ich schon oft verschenkt habe, sogar mal zum Tourabschluss an die ganze Crew. Und dann gab´s sogar noch T-Shirts, wo das drauf stand: „Seid lieb“. Das muss man sich mal vorstellen, eine Rock´n Roll-Tournee-Crew läuft damit rum, keine Totenköpfe oder sowas, sondern mit diesem Gebot auf der Brust, aber ein besseres Gebot kenne ich nicht.

 (c) Robert Boecker

Was bedeutet für Sie „Barmherzigkeit“?

Besonders in der derzeitigen Flüchtlingsproblematik muss Barmherzigkeit eine Selbstverständlichkeit sein. Das ist eine wirklich große Problematik und stellt uns vor ganz neue Herausforderungen, die wir uns vorher nicht vorstellen konnten.

Man konnte eigentlich vorher wissen, dass es nicht so bleiben würde, dass die in der sogenannten Dritten Welt unter sich Kriege führen und wir haben damit nichts zu tun. Ich habe auch große Angst um Europa. Alle müssen endlich begreifen, dass das nicht nur eine „Zugewinn-Gemeinschaft“ ist, sondern eine wirkliche Solidargemeinschaft sein muss. Wir sind aufeinander angewiesen, es geht nur zusammen.

Das Video zum Interview mit Wolfgang Niedecken auf den Dächern des Kölner Doms.

AdventsZeit 2016 (c) Heiko Wrusch

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