(c) Robert Boecker

Das Schatzkästchen von Brühl

  • 04.01.22, 16:09
  • Martin Mölder
  •   Glaubensmagnete

Es ist jedes Mal ein besonderer Moment, wenn ich morgens in die Kirche komme“, erzählt Christine Keller, die seit 20 Jahren ehrenamtlich den Schließdienst in „Maria von den Engeln“ verrichtet. „Die Heiligen Antonius, Franziskus und auch die Muttergottes haben mein ganzes Leben begleitet. Wenn ich morgens hierhinkomme, dann sage ich jedes Mal: Guten Morgen und schönen Dank, dass ihr mich diese Nacht bewacht habt.“ Keller ist in einem Franziskanerkloster in Kiel getauft worden und zur Kommunion gegangen, ihr Mann heißt Antonius, und die Muttergottes habe ihr Leben lang immer die Hand über sie gehalten, sagt sie. Viel mehr Bezug zu der prachtvollen Barockkirche im Herzen Brühls geht kaum, denn die „Schlosskirche“, wie sie von den meisten Brühlern genannt wird, war ursprünglich die Kirche eines Franziskanerklosters, 1492 gestiftet von Erzbischof Hermann IV. „Damals war sie getreu dem franziskanischen Armutsideal sehr schlicht, einschiffig und ohne Glockenturm“, erzählt Gabriele Saage, Kirchen- und Stadtführerin in Brühl, „das hat sich dann im 18. Jahrhundert stark verändert.“

Französische Einflüsse

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Die Umwandlung der einfachen Klosterkirche in eine prachtvolle Hof- und Schlosskirche ist mit einem Namen untrennbar verbunden: Erzbischof und Kurfürst Clemens August. Im Zuge des Neubaus von Schloss Augustusburg ab 1725 wird Mitte des 18. Jahrhunderts auch „Maria von den Engeln“ dem prunkvollen Rokoko-Stil des späteren Repräsentationsbaus des Bundespräsidenten und der Bundesregierung angepasst. Clemens August lässt durch neue Fenster mehr Licht in die Kirche und verändert vor allem den Chorraum.

Er lässt Marmorböden verlegen, und vor dem kunstvollen schmiedeeisernen Gitter werden zwei aus Stuckmarmor gefertigte Seitenaltäre aufgestellt. Der neue Hingucker ist damals aber der doppelseitige Hauptaltar nach einem Riss (Entwurfszeichnung in der angewandten Kunst) von Balthasar Neumann, bis heute wohl der prächtigste Baldachin-Altar im Rheinland. Dass er und alles andere in der weiß verputzten und von außen völlig unscheinbaren Kirche nach dem Bombenangriff vom 28. Dezember 1944 wieder Gläubige wie Touristen gleichermaßen beeindruckt, hat viele Väter und Mütter. „Maria von den Engeln“ ist in erster Linie von vielen einzelnen Personen, Gönnern und Institutionen nach dem Krieg wiederaufgebaut und restauriert worden. Das hat bis in die 1990er-Jahre gedauert. „Da erst wurden die Seitenaltäre wieder vollständig restauriert“, erklärt Saage.

Imposanter Chorraum

 (c) Robert Boecker

Wer heute die Kirche betritt, wird zwar sofort von dem imposanten Chorraum in den Bann gezogen, auch weil der neue Altar – die Brühler sagen „Campingtisch“ – davor bewusst so schlicht und unauffällig gestaltet ist, dass er den Blick auf den Balthasar-Neumann-Altar nicht beeinträchtigt, aber es sind viele kleinere Hingucker, alte wie moderne, die auffallen. Da sind zum einen die vielen Wappen, die die Bedeutung des Kurfürsten und Hochmeisters des Deutschen Ordens Clemens August belegen, der ebenso Fürstbischof von Regensburg, Münster, Osnabrück, Paderborn und Hildesheim war. Aber auch die Mariendarstellung in einer Seitenkapelle, schon vor Jahrhunderten Ziel vieler Pilger, der Kreuzgang mit seinem Innenhof, die originale Tabernakeltür in einem der Seitenaltäre und die Statuetten der Heiligen Franziskus und Antonius am selben Ort prägen die Kirche.

„Nach wie vor sind wir aber in erster Linie Gotteshaus“, sagt Pfarrer Jochen Thull, „obwohl wir uns natürlich über jeden touristisch motivierten Besuch freuen, aber hier finden viele Taufen und Hochzeiten statt und einmal im Monat auch unsere Jugendmesse. Dann leuchten die Jugendlichen den barocken Chorraum mit moderner Lichttechnik aus und bringen in diesen alten Raum ordentlich Schwung.“

Lebendiges Gotteshaus

Und noch etwas zeigt, dass die Kirche „Maria von den Engeln“, die – im Innenraum stehend – mehr wie eine Kapelle wirkt, ein lebendiges Gotteshaus mit einer gelebten und tiefen Spiritualität ist: das Fürbittbuch rechts vor dem Chorraum. Viele Eintragungen darin zeigen, dass Menschen hier Kraft, Zuspruch und Gottes Nähe suchen. Auf einer Seite steht: „Lieber Gott, mach, dass meine Wellensittiche und meine Familie gesund bleiben. Amen. Und dass es meinem Rico im Himmel gut geht. Danke!“ Als ich mich, kurz bevor Christine Keller „Maria von den Engeln“ wieder abschließt, verabschiede, schwärmt sie: „Das ist doch ein Schatzkästchen, oder?“ Und ich kann und will nicht widersprechen.

AdventsZeit 2021 (c) Robert Boecker

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