(c) Robert Boecker

Das stille Leiden in der Krise

  • 01.02.22, 13:57
  • Markus Harmann

Irgendwann vor zwei Jahren wurde es plötzlich ungewöhnlich ruhig in der Caritas-Beratungsstelle in Köln-Porz – und selbst als erfahrene Familienberaterin war Anja Antoine für einen Moment ratlos. Seit Mitte 2019 leitet die Psychologin die Beratung für Eltern, Jugendliche und Kinder. Sie weiß sehr genau um die Belastungen von Familien – und dass diese nicht einfach aufhören. Warum also meldeten sich kurzfristig weniger Menschen? „Viele Familien waren abgetaucht. Sie kamen nicht mehr in die Beratungsstelle“, sagt Antoine. Das hatte natürlich zunächst mit dem Lockdown zu tun, viele blieben zu Hause und warteten ab. „Auf mich wirkte es mit der Zeit wie eine depressive Antriebslosigkeit. Dabei war mir völlig klar, dass all die bekannten Probleme weiter existieren mussten und neue hinzukamen.“ Aus Erfahrung wisse sie: In Familien gehe es „hochdynamisch, um nicht zu sagen: explosiv“ zu. Und dort, wo man eh schon überfordert sei – mit der Tagesstruktur, den Hausaufgaben, der Beziehung –, da könne ein Leben im Lockdown alles noch einmal verstärken.

Ruhe vor dem Sturm

Das stille Leiden der Menschen in der Krise. Es zeugte nicht von weniger Problemen in den Familien, sondern offensichtlich von mehr. Viele kamen nur einfach nicht mehr dazu, sich Hilfe zu holen. „Es waren glücklicherweise nur kurze Phasen, in denen es ruhiger war“, sagt die Beraterin im Rückblick. Die Ruhe vor dem Sturm, wie sich schon bald herausstellen sollte. Mit der Öffnung von Schulen und Kindergärten wurden auch viele Probleme in den Familien wieder sichtbar. „Lehrkräfte und Erzieherinnen erkennen, wenn zu Hause etwas schiefläuft. Sie kommen dann auf uns zu oder ermuntern Eltern, sich einen Termin zu holen.“ Vor allem Familien mit Schulkindern hätten große Not gehabt, Alltagsstrukturen aufrechtzuerhalten, so Antoine. „Besonders groß war die Überforderung im Homeschooling – bei Eltern und Kindern gleichermaßen. Jugendliche wurden zunehmend antriebs- und bewegungslos, verhielten sich angepasst und blieben vor den digitalen Medien hängen.“ Einerseits hätten sie das erfüllt, was gesellschaftlich gefordert war – nämlich zu Hause zu bleiben. „Andererseits waren Eltern in großer Sorge, da ihre Kinder sich nur noch mit PC, Handy und Spielekonsole beschäftigten und auffällige Verhaltensänderungen zeigten.“ Trotz Lockdowns und gelegentlicher Rückgänge bei den Anfragen blieb die Zahl der Familien, die sich bei der Caritas in Köln beraten ließen, 2020 konstant hoch. Was besonders auffiel: „Diese Familien brauchten deutlich mehr Hilfe als 2019. Ein Drittel mehr Beratungsstunden waren erforderlich“, bilanziert Antoine. Das habe sie so noch nie erlebt. Die Folgen der Corona-Pandemie für die Beratungsstellen der Caritas im Erzbistum Köln sind massiv. Nicht nur, weil Hygienekonzepte umgesetzt, Plexiglasscheiben angeschafft und alternative Beratungsangebote etabliert werden mussten. Vielerorts stiegen die Anfragen enorm. Und das, was Familien und Geflüchtete, Arbeitslose, Alleinerziehende und Suchtkranke vortrugen, macht das ganze Ausmaß der Pandemie sichtbar. In den 24 Sucht-Beratungsstellen im Erzbistum Köln zeigte sich etwa, dass die Pandemie Suchtprobleme nicht nur beschleunigt – Alkohol- und Drogenkonsum fallen auch eher auf.

Verschärfung des Ungleichgewichts

Auch Kirsten Liebmann, Leiterin der Beratungsdienste beim Caritasverband Rhein-Sieg, beobachtete, wie sich im Laufe der Pandemie die Schwerpunkte in der Beratung verschoben: „Weil Jobcenter und andere Ämter geschlossen hatten und telefonisch nur schwer erreichbar waren, waren die Menschen plötzlich auf sich allein gestellt. Gerade diejenigen, die neu im Land waren, hatten darunter zu leiden. Sie konnten Formulare und Anträge auf Arbeitslosengeld II nicht lesen und verstehen oder hatten nur ein Handy und keinen Laptop oder Computer mit Drucker zur Verfügung. Also kamen sie zu uns – und wir haben dann übersetzt, beim Ausfüllen geholfen und Dokumente ausgedruckt.“ Ihre Erfahrung deckt sich mit dem Ergebnis einer weltweiten Oxfam-Studie, die im Januar für Aufmerksamkeit sorgte. Danach drohen die Auswirkungen der Pandemie die ohnehin vorhandene Ungleichheit zu verschärfen. „Dass Personengruppen benachteiligt sind und nur zum Teil an der Gesellschaft teilhaben können, war auch vorher bekannt. Diese Ungleichheit wurde jetzt aber besonders sichtbar und hat sich wohl auch verstärkt“, sagt Liebmann.

Menschen mit schweren, sogar existenziellen Problemen wirklich helfen zu können, ihnen Auswege zu zeigen – das sei es, was sie selbst, ihre Beraterinnen und Berater immer wieder antreibe, sagt Anja Antoine vom Caritasverband Köln. Insofern habe die Pandemie-Zeit noch einmal deutlich gezeigt, wie wichtig die Beratungsangebote seien. „Wir sitzen in unseren Einzelbüros, verbringen weniger Zeit miteinander, haben weniger Gelegenheit zum Austausch in Präsenz – das ist alles anstrengend und nicht schön. Aber wir sind insgesamt gut aufgestellt und können den Familien helfen, das Leben zu erleichtern. Das ist eine schöne Erfahrung.“

Flächendeckende Hilfe

Zur Caritas im Erzbistum Köln gehören mehr als 200 Beratungsstellen, darunter 13 Fachdienste für Integration und Migration, 23 Kontaktangebote für Wohnungslose mit mehr als 10.000 Beratungen im Jahr, 20 Erziehungsberatungen und 23 Anlaufstellen für Suchtkranke und Drogenabhängige. Letztere hatten 2018 knapp 20.000 Klientinnen und Klienten, Tendenz steigend. Die drei Beratungsstellen für Straffällige und Haftentlassene beraten jährlich rund 1000 Personen. Auch die Nachfragen nach Beratungsgesprächen vor, während und nach einer Schwangerschaft sind in den 36 esperanza-Beratungsstellen zuletzt gestiegen – auf mehr als 9000 im vergangenen Jahr.

AdventsZeit 2021 (c) Robert Boecker

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