(c) Jaco Klamer/KIRCHE IN NOT

Das verschwundene Paradies

  • 27.03.18 12:43
  • Jaco Klamer und Tobias Lehner
  •   Kultur und Kirche

Erzählt Nadia Younis Butti von ihrem Elternhaus in Mossul, spricht sie zuerst von den Zitronen-, Orangen- und Feigenbäumen. Sie wuchsen üppig im riesigen Garten. Ihre Eltern, syrisch-orthodoxe Christen, hatten Haus und Grund liebevoll gepflegt. Nadias Lieblingsplatz war der Schaukelstuhl im Garten – so konnte sie sich an der blühenden Pracht erfreuen. Doch am 17. Juli 2014 begann die Vertreibung aus dem Paradies: Die Truppen des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) hatten Mossul besetzt. Nadia erzählt: „Wehen Herzens bin ich weggegangen“ – nach Erbil, wie über hunderttausend andere Christen aus Mossul und der angrenzenden Ninive-Ebene. Seit Sommer 2017 ist ihre Heimatstadt aus den Fängen der Islamisten befreit. Nadia ist zurückgekehrt – trotz der Gefahr, die noch überall präsent ist. „Der Islamische Staat wird immer im Irak bleiben.“ Diese Worte, von unbekannter Hand auf eine Mauer gesprüht, stechen Nadia sofort ins Auge, als sie zum ersten Mal nach der Rückkehr die Klosteranlage St. Georg (Mar Gurguis) betrachtet – oder was davon noch übrig ist. Es wurde von den islamistischen Truppen schwer zerstört. Einst war die Klosteranlage aus dem 17. Jahrhundert ein geistliches Zentrum für die Christen der Stadt. „Immer im Sommer und im Herbst fanden hier große Treffen statt“, erinnert sich Nadia. „Wir durften im Kloster übernachten und es gab neben den Gottesdiensten auch viele weitere Angebote. Ich denke voller Freude an diese sorglose Zeit zurück.“

Zuflucht in der "Arche Noah"

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Durch das zerstörte Mossul geht es weiter zu Nadias Elternhaus. Sie schluckt, als sie den Vorgarten betritt. Die Bäume sind verkümmert, die Rosensträucher eingegangen. Sie habe ihr Haus nicht mehr wiedererkannt, als sie es im Sommer 2017 mit ihrer Mutter zum ersten Mal wieder in Augenschein nahm, erzählt Nadia: „Unser Hab und Gut lag überall herum. Alles war voller Staub. Die Fenster eingedrückt. Ein wunderschönes Gemälde mit Maria, Josef und dem Jesuskind, das im Wohnzimmer hing, lag zerstört im Dreck.“ Nadia ist das Haus zu groß – und es hängen zu viele schmerzliche Erinnerungen daran. So hat sie es vermietet, an eine muslimische Familie mit drei Kindern. Im Kleinen funktioniert das Zusammenleben der Religionen.

Zerstörung und Schmierereien

In Mor Afraim besucht Nadia ihre Pfarrkirche. „Ich kann nicht glauben, was der IS meiner Kirche angetan hat“, flüstert sie, während sie das Gotteshaus betritt. Es hat ein ähnliches Schicksal erlitten wie das Kloster St. Georg. Die Kirche ist ausgeraubt, beschädigt und mit Koranversen und Schmähungen beschmiert. „Hier saß ich mitten unter meinen Freunden, als die heilige Messe gefeiert wurde. In den Räumen nebenan haben wir uns nach dem Gottesdienst getroffen. Ich bin tieftraurig, wenn ich daran zurückdenke.“ Letztlich, so erzählt Nadia, habe bereits ab der Jahrtausendwende eine Entwicklung begonnen, die dann 2014 in die Katastrophe führte: „Viele Muslime haben sich radikalisiert. Ab 2008 wurden immer mehr Christen bedroht, entführt oder getötet. Auch ich habe einen Brief erhalten, in dem es hieß, ich müsse die sogenannte ,Kopfsteuerʼ an die Islamisten zahlen, sonst würde ich später mit meinem Leben bezahlen.“ Ein bekannter Priester aus ihrer Umgebung sei entführt und regelrecht abgeschlachtet worden. Nicht umsonst haben die Vereinten Nationen und die Europäische Union von Völkermord an den irakischen Christen gesprochen. Denn Glaube und Hoffnung haben auch in Trümmern überlebt. Nadia zeigt in der Pfarrkirche nach oben: „Die Kuppel mit dem großen Bild Christi hat die Angriffe des IS relativ gut überstanden. Jesus in dieser zerstörten Kirche über mir zu sehen, erfüllt mich mit großer Freude.“

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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