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"Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf"

  • 15.10.17 21:44
  • Martin Mölder
  •   Kurz und Knapp

Jahrhundertelang schliefen die meisten Menschen nicht durch, sondern in zwei Blöcken von je etwa vier Stunden. Dazwischen waren sie eine Stunde lang wach. Während dieser Stunde wälzten sie sich jedoch nicht unruhig im Bett herum, sondern waren äußerst produktiv. Die Menschen erzählten sich Geschichten, besuchten Nachbarn oder lasen ein Buch. Gelehrte nutzten sie Stunde zum Studieren und die Klosterbrüder zum Beten. Eine ganze Reihe von Gebetsbüchern war einzig und allein der wachen Nachtstunde gewidmet. Danach folgte die zweite Schlafphase und am Morgen erwachten die Menschen gut erholt und zufrieden in ihrem Bett. So weit so erholsam. Dann kam das 19. Jahrhundert und mit ihm eine Erfindung, die alles verändern sollte. Die Glühbirne trat ins Leben der Menschen und verlängerte den Tag. Mit dem Ergebnis, dass immer mehr Aktivitäten auf den Abend gelegt wurden. Für die nächtliche, einstündige Pause blieb keine Zeit und auch keine Kraft mehr.

Realität und Ideal

Experimente der Neuzeit zeigen, dass es auch heute gelingen kann den Schlaf wieder umzuprogrammieren. US-Schlafforscher ließen ihre Versuchspersonen täglich 14 Stunden in vollständiger Dunkelheit verbringen. Nach einigen Wochen teilten die Probanden ihren Schlaf in zwei Phasen - mit einer Stunde Pause, die alle Testpersonen als sehr entspannt beschrieben. Da aber nun mal Licht unser Leben begleitet und bestimmt, ist das Zweiphasenschlafmodell  im 21. Jahrhundert utopisch. Der sieben- bis achtstündige Dauerschlaf, den die große Mehrheit der Menschen tatsächlich hat, bleibt das Ideal des gesunden Schlafs. Aber auch der ist in den meisten Fällen kein wirklicher Dauerschlaf.

Häufiges Aufwachen ist normal

Studien in Schlaflaboren haben gezeigt, dass die meisten Schlafenden bis zu zehn Mal pro Stunde aufwachen - ohne es zu merken. Bis zu 20 mal in der Nacht sind sie sogar länger als eine Minute wach, können sich aber am nächsten Morgen nicht daran erinnern. Erst bei einer Wachphase, die länger als fünf Minuten andauert, merkt der Mensch etwas davon. Das wiederum geschieht im Schnitt ein bis viermal pro Nacht. Erst wer häufiger wachliegt, empfindet seinen Schlaf als gestört. Schlafforscher sehen in unseren Genen den Grund für dieses häufige nächtliche Aufwachen. Jahrtausendelang musste der Mensch einen leichten Schlaf haben, um auf eventuelle Gefahren schnell reagieren zu können. Häufiges Aufwachen war früher überlebensnotwendig. Allen Menschen, die in unserer heutigen Zeit häufig wachliegen raten Schlafmediziner, sich nicht über das Aufwachen zu ärgern, sondern wie früher die Zeit zu nutzen, zum Beispiel um zu lesen.

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