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Der Aachener Dom

  • 20.07.17 10:25
  • Jan Sting
  •   Glaubensmagnete

Ein leichtes Schaudern packt den, der zum ersten Mal in den löwenköpfigen Türknauf an der Vorderseite des Aachener Doms greift. Denn angeblich soll darin noch der abgequetschte Daumen des Teufels stecken. Die Geschichte spielt Anfang des neunten Jahrhunderts, zur Zeit der liturgischen und architektonischen Vollendung des Baus. Karl der Große wollte, dass die Marienkirche zum Abbild des Himmlischen Jerusalem wird. Es sollte die größte und schönste Kirche nördlich der Alpen werden. Doch während der Kaiser in den Krieg gegen die Sachsen gezogen war, ging dem Stadtrat bei dem Bauprojekt das Geld aus. Der Sage nach schlossen die Aachener einen Pakt mit dem Teufel, überlisteten ihn aber mit einem Trick. Als Gegenleistung für sein Geld wollte der Teufel die Seele dessen besitzen, der als erster die neue Kirche beträte. Papst Leo III. hätte als ranghöchster Geistlicher die Ehre gehabt, um sie zu weihen. Stattdessen jagten die Stadtväter aber einen Wolf in das Gotteshaus. Gierig riss ihm der Teufel die Seele aus dem Leib, bemerkte seinen Irrtum, knallte mit der Tür und zerquetschte sich in blanker Wut den Daumen. An dieser Stelle ist das Metall ganz blank, denn nicht nur Kinder machen die Daumenprobe. Zwei Bronzefiguren erinnern an den Wolf und seine Seele. Nervennahrung gibt es im gegenüberliegenden Domlädchen am Münsterplatz. Das über 120 Jahre alte Geschäft wartet mit Süßigkeiten und über 100 Sorten Lakritz auf.

Byzantinische Vorbilder

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Geradezu neumodisch ist das Geschäft im Vergleich zur über 1200-jährigen Geschichte des Gotteshauses, das aus mehreren Teilbauten vom Frühmittelalter bis zur Neuzeit besteht. Das bedeutendste Bauwerk ist das an byzantinische Vorbilder angelehnte karolingische Oktogon, die ehemalige Pfalzkapelle. Sie ist umgeben von mehreren Anbauten aus späterer Zeit – so die gotische Chorhalle und der Kapellenkranz. Der Aachener Dom ist das bedeutendste Bauwerk der Stadt.

Er ist Weltkulturerbe, Grablege Karls des Großen, Krönungskirche der römisch-deutschen Könige und Wallfahrtskirche, die alle sieben Jahre Gläubige aus der ganzen Welt anzieht. Bei der Aachenfahrt werden im Dom und dem angrenzenden Katschhof die vier großen Heiligtümer aus dem staufischen Marienschrein gezeigt. Schon zu Zeiten Karls des Großen kamen die Pilger, um die textilen Reliquien des Kleids Mariens, der Windel Jesu, des Lendentuchs Christi und des Enthauptungstuchs Johannes des Täufers zu sehen. Auch heute noch zieht es weit über Hunderttausend Gläubige nach Aachen. Der Aachener Domschaz ist der reichste, der sich in einer Kirche diesseits der Alpen erhalten hat. Und die wunderschönen Glasfenster der Kapelle sind ebenso einen Besuch wert wie der Finger des Teufels. Das Westfenster am Aachener Dom schuf der Bildhauer Ewald Mataré, ein Sohn des heutigen Aachener Stadtteils Burtscheid.

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