(c) Robert Boecker

Der Orgel-Flüsterer

  • 15.01.19 11:48
  • Anna Woznicki
  •   Kultur und Kirche

Erhaben und voluminös schweben die Töne der Orgel durch die Kirche. Andreas Ladach lässt die Finger über die Tasten gleiten. „Lobe den Herren“ spielt er, versunken in die Noten, den Klang und in die Größe der Trinitatis-Kirche in Wuppertal. Dort, wo einst die evangelischen Gottesdienstbesucher auf ihren Bänken Platz nahmen, stehen stumm 22 Orgeln. Große, kleine, monumentale und unscheinbare – alle mit ihrer eigenen Geschichte, alle von Andreas Ladach hierhin geholt. „Wer weiß, wo sie jetzt wären.“ Andreas Ladach beendet sein Spiel und lässt den Blick über die Orgeln wandern, die den ganzen Kirchraum füllen. „Auf dem Müll wahrscheinlich. Oder vernachlässigt und vergessen in einer aufgegebenen Kirche. Nicht auszudenken!“ Der 49-Jährige ist internationaler Fachhändler für gebrauchte Pfeifenorgeln. Er verkauft sie in die ganze Welt, gibt ihnen einen neuen Sinn und Kirchen wieder Musik. „Während hierzulande Kirchen geschlossen werden, werden anderswo auf der Welt Kirchen gebaut. Italien, England, Polen, Südamerika. Von hier aus gehen meine Orgeln in die unterschiedlichsten Länder, um weiter ihren Dienst zu tun.“

Sehnsucht und Klänge

 (c) Robert Boecker

Als in seiner Heimatkirche immer wieder der Kirchenmusiker ausfiel, fasste sich der junge Ladach ein Herz und setzte sich selbst an die Tasten. Er übte und übte und stellte fest: Ein Gottesdienst ohne Orgel ist nur halb so schön – und mit Orgel ein Genuss für Ohr und Herz. Gleichzeitig entdeckte der studierende Elektrotechniker auf einer Jugendreise nach Polen seine Liebe für Sprache und Land. Er half mit beim Wiederaufbau von Kirchen, die nach der Zeit des Kommunismus aus dem Boden schossen. Als er als junger Mann wieder einmal in Deutschland an seinem Lieblingsinstrument saß, bat ihn ein Kirchenarchitekt, sich eine Orgel in einer Kirche anzuschauen, die verkauft werden sollte.

Ob er wohl jemanden kenne, der an solch einer Orgel Interesse hätte? Und Andreas Ladach kannte ein ganzes Land. Er packte die Orgel in einen Sprinter und fuhr los Richtung Polen. Als er ankam, läuteten die Glocken. Er setzte die Orgel auf der Empore der Kirche zusammen – und sie spielte auf Anhieb. Er hatte den Menschen die Kirchenmusik zurück- gebracht. Und das wollte er wieder tun.

Leidenschaft und Berufung

Als in der Trinitatis-Kirche am ersten Advent 1999 das letzte Mal die Glocken läuteten und die Kirche 2001 in den Verkauf ging, da spürte Andreas Ladach, dass seine eigene Geschichte hier anknüpfen würde. „Ich war bestellt worden, die Orgel abzubauen und zu verkaufen. Es war ein komisches Gefühl, die Kirche, die ich seit meiner Kindheit kannte, so leer zu sehen. Und dauernd ging die Tür auf und zu. Die Interessenten gaben sich die Klinke in die Hand. Parkhaus, Event-Location, ... – an Ideen, was man mit dem Gotteshaus anstellen konnte, fehlte es nicht“, erinnert sich Andreas Ladach. Das Presbyterium entschied sich nicht für den Meistbietenden. Glück für die Orgeln. Andreas Ladach kaufte die Kirche und gibt seitdem ausrangierten Orgeln hier ein Zuhause auf Zeit und die Aussicht auf eine neue Aufgabe. 80 Orgeln verkauft er durchschnittlich pro Jahr. Ladach: „Die Temperatur und Luftfeuchtigkeit in dieser Kirche sind für die Orgeln genau richtig. Und wenn der Interessent hier sein Stück gefunden hat, kann er es direkt Probespielen. Die Akustik in der Trinitatis-Kirche ist einfach wundervoll.“

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

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