Pilgerer auf dem Weg (c) pa_dpa-Themendienst_Florian-Schuh

Der Weg ist das Ziel

  • 06.05.17 12:41
  • Martin Mölder
  •   Kurz und Knapp

„Ich war ein anderer Mensch, als ich in Santiago ankam.“ Solche Sätze hört man oft und nicht nur von Pilgern, die den Camino, den bekanntesten Pilgerweg der Welt, bewältigt haben. Auch kürzere Strecken als die 800 Kilometer Jakobusweg in die portugiesische Stadt Santiago de Compostela führen bei vielen Pilgern zu Veränderungen. Ihrer Ansichten, ihres Glaubens, ihrer Seele. Woran liegt das? Wer Pilger danach fragt, bekommt meistens mehrere Gründe genannt. Da wäre zum einen die körperliche Anstrengung. Viele trauen sich trotz Training ihren Pilgerweg vor dem Start oft nicht recht zu. Es ist ein Abenteuer, ein Wagnis. Werde ich es schaffen? Und so mancher bekommt zu diesem Zeitpunkt bereits Kraft durch Familie, durch Freunde geschenkt, die aufmuntern und Mut zu sprechen. Wenn sie dann Schritt für Schritt die erste, dann zweite und dritte Etappe ihres Weges geschafft haben, wachsen das Selbstvertrauen und der Wille weiter zu gehen.

Eindrücke auch ohne Einkehr

 (c) picturealliance_Klaus-Dietmar-GabbertZB

Ein zweiter Grund für seelische Veränderungen liegt im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Weg, beziehungsweise daneben. Die Natur, Wälder, Felder, Tiere, kurz: die Schöpfung Gottes nimmt der Pilger auf einer mehrtägigen Reise viel intensiver wahr als bei einer eintägigen Wanderung. Viele haben gar das Gefühl, dass sie zeitweise „eins werden“ mit der Natur und die ihre vielen kleinen  Wunder erst auf dem Pilgerweg wirklich entdecken und wahrnehmen. Und schließlich sind es die Begegnungen mit anderen Menschen, nicht nur mit anderen Pilgern, die jeden Pilger bewegen, überraschen und manchmal sogar tief in der Seele berühren.

 Das kann die Wirtin in der Pilgerherberge sein oder der alte Mann auf dem Eselskarren, spielende Kinder oder ein verliebtes Pärchen, das einen wieder auf den rechten Weg führt, wenn man sich verlaufen hat. An rein zufällige Begegnungen glauben mit der Zeit immer weniger Pilger, viele schreiben Tagebuch während ihrer Pilgerreise und oft steht darin so etwas wie: „Gott, du führst mich und leitest mich auf meinem Weg. Danke für den Engel, den du mir heute geschickt hast und der mir geholfen hat, den richtigen Weg wieder zu finden“. Pilger sein bedeutet in erster Linie Fremder sein, die Pilgerreise ist entsprechend eine Reise ins Fremde und Ungewisse. Wer aber ankommt, ist nicht mehr fremd, sondern Teil einer neuen Familie, der Pilgerfamilie.

Pilgerwege in Deutschland

Es muss nicht gleich der Jakobsweg durch ganz Europa sein. Auch in Deutschland locken Pilgerpfade mit traumhafter Landschaft und spannender Geschichte. Hier fünf besonders schöne:

Mosel-Camino (Rheinland-Pfalz)

Die 180 Kilometer lange Pilgerroute beginnt an der St.-Menas-Kirche in Koblenz-Stolzenfels und zählt zu den Wegen der Jakobspilger. Von dort aus führt sie entlang der romantischen Mosel, vorbei an Weinbergen bis nach Trier zum Apostelgrab des Heiligen Matthias. Etwa acht Tagesetappen.

Wendelinus-Pilgerweg (Saarland)

In der Region Sankt Wendeler Land gibt es insgesamt vier Pilgerwege, zwischen 8 und 15 Kilometern Länge. Sie sind alle untereinander verbunden. Der Wendelinus-Pilgerweg beginnt an der spätgotischen Wendelinus-Basilika in St. Wendel und führt vorbei an einer römischen Ausgrabungsstätte bis zur Abteikirche St. Mauritius in Tholey.

Ökumenischer Pilgerweg (Sachsen, Sachsen- Anhalt, Thüringen)

Über 450 Kilometer zieht sich der Ökumenische Pilgerweg vom sächsischen Görlitz an der polnischen Grenze Richtung Westen bis zum thüringischen Vacha. Er folgt der mittelalterlichen Handelsstraße Via Regia, auf der nicht nur Könige, Krieger und Händler, sondern auch Pilger wanderten. Bisher einzigartig auf Deutschlands Pilgerwegen: Alle 15 bis 20 Kilometer gibt es Pilgerunterkünfte.

Mönchsweg (Schleswig-Holstein)

Der rund 340 Kilometer lange Pilgerweg erstreckt sich von Glückstadt an der Elbe bis nach Puttgarden auf der Insel Fehmarn. Er verfolgt die Route der ersten angelsächsischen Missionare seit dem 8. Jahrhundert und beleuchtet die Geschichte der ersten Christen Norddeutschlands. Fahrradfahrer sollten sechs bis acht Tagesetappen einplanen, Wanderer mindestens 14.

Pilgerweg Loccum- Volkenroda (Niedersachsen, Thüringen)

Ein rund 300 Kilometer langer Pilgerweg verbindet die beiden ehemaligen Zisterzienserklöster Loccum und Volkenroda. Der heutige Weg orientiert sich jedoch an historischen Spuren, die die Zisterzienser hinterließen. Auf dem Weg liegen viele Klöster. Etwa 15 bis 20 Tagesetappen einplanen.

SommerZeit 2017

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2017.

Zur SommerZeit 2017 »